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FC-Trainer Steffen Baumgart im Interview „Man muss auch mal extraböse sein“

SBaumgart

Steffen Baumgart während des 3:2-Testspielsiegs des 1. FC Köln gegen Bayern München. 

Donaueschingen – Der 1. FC Köln bereitet sich derzeit auf dem Gelände des SV Aasen am Rande des Schwarzwaldes auf die neue Saison vor. Der „Kölner Stadt-Anzeiger" traf Trainer Steffen Baumgart im Mannschaftshotel Öschberghof zum Gespräch. 

Herr Baumgart, Sie haben eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker absolviert, waren Polizist, Autoverkäufer und haben einen Lkw-Führerschein. Was können Sie am besten?

Steffen Baumgart: Fußball. Das kann ich.  Wenn ich über Fußball spreche, hören mir die Leute zu

Alles zum Thema Steffen Baumgart

War der Fußball immer das Ziel?

Ja, immer. Es gibt Bilder von mir, da sitze ich in so einer Babytasche und werde wahnsinnig, weil der Ball an mir vorbeirollt und nicht zu mir kommt. Ich hatte immer diese Affinität zum Ball, und ich habe mit sieben Jahren auch gleich organisiert Fußball gespielt. Ich bin gleich in ein sehr gutes Trainingszentrum gekommen und habe eine sehr gute Ausbildung genossen. Ich habe sehr viel und sehr intensiv trainiert, natürlich neben dem Training auch auf dem Bolzplatz oder in der Schule in jeder Pause. Da habe ich früh gemerkt, dass Fußball einfach mein Ding ist.

Worin lag Ihr Talent?

In meiner Anfangszeit habe ich im Tor gespielt, da lag eigentlich mein Talent. Aber die Größe für einen Torwart hatte ich  dann nicht. Im Feld war ich kein großer Techniker, aber ich war in der Lage, jedem wegzurennen. Ich kam über die Athletik und die Mentalität. Die ist im Fußball manchmal wichtiger als Talent. Mit Talent  hat Deutschland keine einzige WM gewonnen, mit Mentalität und mannschaftlicher Geschlossenheit dann schon.

Das können Sie als Trainer vermitteln?

Am Ende hat Erfolg, wer über einen langen Zeitraum am meisten arbeitet. Das muss man den Jungs sagen, und das kann ich: Die Arbeit macht den Bundesligaspieler. Fußball ist ein Mannschaftssport.  Wenn im Fußball einer nicht mitmacht, kann das mal gutgehen. Aber nicht oft.

Ist der Fußball gerecht?

Fußball ist jedenfalls die einzige Sportart, in der man als bessere Mannschaft verlieren kann. Das macht den Fußball so interessant. Daher werden im Fußball oft Mannschaften gefeiert, die zwar gewonnen, aber nichts fürs Spiel getan haben. Ich erinnere nur an unser erstes EM-Spiel: Frankreich gewinnt, wird gefeiert für eine taktische Meisterleistung. Und ich denke: Gute Mannschaft, wäre aber schön gewesen, wenn sie mitgespielt hätten. Es wird sehr auf das Ergebnis geschaut, aber es gibt mehr als das Ergebnis.

Sie wollen attraktiv spielen.

Ja, und da kommen wir mal aufs Kölner Stadion zu sprechen. Es kann ja nicht sein, dass ich in einer Stadt wie Köln in einem solchen Stadion Trainer sein darf, um mich dann hinten rein zu stellen und zu hoffen, dass ich irgendwie ein Spiel gewinne. Das beißt sich doch.  So ein Wochenende, so ein Fußball-Event, das kostet eine Familie mittlerweile richtig viel Geld. Dann soll es aber auch Spaß machen,   ich kann nicht einfach  sagen: Wir müssen punkten, das Ergebnis ist wichtiger als der Fußball. So entwickele ich mich in eine Passivität rein. Ich will im Stadion nicht zwei Mannschaften dabei zusehen, wie sie sich taktisch hin und herschieben, um dann aus einem Standard ein Tor zu machen. Das ist zwar alles legitim, es gibt ja keine Gesetze, wie der Fußball auszusehen hat. Aber es ist nicht das, was ich mir vorstelle.

Zur Person

Steffen Baumgart, geboren am 5. Januar 1972 in Rostock, DDR, begann mit dem Fußball bei Dynamo Rostock-Mitte. Mit Dynamo Schwerin erreichte er als 18-Jähriger das FDGB-Pokalfinale und nahm anschließend am Pokal der Pokalsieger teil. Später spielte er unter anderem für Hansa Rostock, den VfL Wolfsburg, Union Berlin und Energie Cottbus. Als Trainer führte er den SC Paderborn zu zwei Aufstiegen. Seit Juli ist er Trainer des 1. FC Köln. (ksta) 

Wie wichtig ist es dann, sich nicht erschüttern zu lassen, wenn die Ergebnisse nicht kommen?

Wir hinterfragen nach jedem Spiel, ob das der richtige Weg ist. Wir haben damals in der Zweiten Liga mit Paderborn 5:3 in Köln gewonnen. Für die Kölner war das ein Schock, für uns ein riesen Hype. Wenn man sich das Spiel aber genau angeguckt hat, hat man gesehen, dass wir eigentlich schon 1:4 hätten hinten liegen müssen; dass wir viel von dem nicht umgesetzt haben, was wir uns vorgestellt hatten. So sind wir in Auswertung gegangen. Das Rückspiel haben wir mit Ach und Krach gedreht, obwohl wir da die bessere Mannschaft waren. Köln hat nach einer unverdienten 2:0-Führung einfach aufgehört, Fußball zu spielen.   Aber dann kam eben doch noch jemand, der gesagt hat: Nee, ist noch nicht vorbei. Und ich glaube, das ist Fußball.

Was könnte der Trainer Baumgart mit dem Spieler Baumgart anfangen?

Der Trainer würde den Spieler mögen, hätte aber auch die eine oder andere Diskussion mit ihm. Ich habe mich als Spieler vor allem mit den Trainern gestritten, die ich mochte. Die ich nicht mochte, haben das auch von mir zu hören gekriegt. Hat mir nicht immer geholfen als Spieler, als Mensch aber schon. Aber ich glaube, dass der Trainer Baumgart mit dem Spieler Baumgart Spaß gehabt hätte. Mich hat man immer gut gebrauchen können, wenn es schlecht lief. Weil ich den Schritt mehr gemacht habe und auch keine Angst hatte, einen Fehlpass zu spielen. Ich war einer, der Leute aus dem Loch ziehen konnte. Wenn es dann wieder lief, brauchte man mich eigentlich nicht mehr. Gut Fußball spielen konnte die Mannschaft auch ohne mich.

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Sie waren der Mutige.

Eben  einer, der sich nicht beeindrucken lässt, sondern rausgeht und auch bereit ist, mal extra böse zu sein.

Es sind ja dann deutlich mehr als 200 Bundesligaspiele geworden. War das absehbar?

Diese Karrierepläne, die es heute gibt, die gab es  damals nicht. Ich habe mit 17 in der DDR Zweite Liga gespielt, das war schon etwas Außergewöhnliches, da gab es nicht viele von. Mit  der Wende war alles vorbei. Das hieß dann drei Jahre Oberliga in Aurich, Fußball und Berufsausbildung parallel. Da denkt man erstmal nicht mehr an die Bundesliga.

Es war ein Akt der Vernunft, die Berufsausbildung zu beenden?

Ich habe Frank Pagelsdorf im ersten Ausbildungsjahr abgesagt, als er mich zu Union Berlin holen wollte. Ich bin jemand, der seine Sachen beendet, und ich breche eine Lehre zum Kfz-Mechaniker nicht ab, nur weil ich weiß, dass ich sowieso kein Kfz-Mechaniker werde. 

War Ihnen klar, dass Pagelsdorf sich wieder melden würde?

Nein. Ich habe gesagt, ich mache das hier fertig. Und wenn das okay ist, würde ich mich freuen, wenn man in einem Jahr nochmal miteinander redet. Dann kam Pagelsdorf tatsächlich nochmal. Ich habe den Schritt gewagt – und ich muss sagen: Hat sich gelohnt.

Haben Sie damit gerechnet, dass Sie so erfolgreich sein würden?

Rostock war damals aus der Bundesliga abgestiegen und anschließend in der Zweiten Liga mit Ach und Krach Zwölfter geworden. Dann kommt man in die Mannschaftssitzung, Frank Pagelsdorf stellt sich vor eine Truppe junger Kerle und sagt: Hier geht es nur um den Bundesligaaufstieg. Mein erster Gedanke war: Das hat der jetzt nicht gesagt. Ich dachte, ich sei nach Rostock gekommen, um die Liga zu halten.  Ich bin dann nach Hause zu meinem Vater und habe gesagt: Vati, der hat ne Macke. Der will aufsteigen.

Sie sind dann aufgestiegen.

Ja, er hat uns gezeigt, was man erreichen kann. Pagelsdorf war heiß auf alles, was mit Fußball zu tun hat. Er hatte diese unglaubliche Energie. Sein Anteil an diesem Aufstieg, der war unermesslich.

Dann kam die Bundesliga.

Und der Trainer hat gesagt, dass er unter die ersten Sechs will. Wir haben uns angeschaut und uns gefragt, wie er das jetzt wieder schaffen will. Und dann sind wir um einen Punkt an Platz sechs gescheitert.

Daher war es ja auch nicht weiter verwunderlich, dass Sie zu Ihrem Antritt in Köln gesagt haben, Sie möchten nicht gegen den Abstieg spielen.

Wir sind die viertgrößte Stadt Deutschlands. Vom Potenzial her gehören wir mit dem regionalen Umfeld zum Besten, was es gibt. Wenn ich aber die Bedingungen im Jugendbereich sehe und vor allem sehe, dass es da nicht weitergeht, muss ich sagen: Das verstehe ich nicht. In Köln wird einem ständig erklärt, was alles nicht geht. Allein die Kreuzung Militärring/Dürener Straße: Da bestimmen Schranken den Verkehr, der nicht läuft. Schranken, wie vor 60 Jahren! So etwas gibt es in keiner anderen Stadt.

BaumgartTafel

An der Taktiktafel - Steffen Baumgart vermittelt im Trainingslager in Donaueschingen seine Vorstellung vom Fußball.

Wie sind die Bedingungen beim FC im Vergleich zu Paderborn?

Wenn ich sage, sie seien unterirdisch, übertreibe ich vielleicht. Aber sie sind schlecht. Da muss etwas passieren, da will ich einfach hören, dass es geht. Und wenn es nicht geht, will ich wissen, warum es nicht geht. Das gilt auch für meine Idee vom Fußball. Da habe ich auch oft gehört, dass es nicht geht. Und dann ging es doch.

Wie sind die Aussichten, mit dem Kölner Kader diesen Fußball zu spielen? Liegt der Kölner Kader die entscheidenden Prozent über dem damals in Paderborn, mit dem Sie abgestiegen sind?

Das wird man sehen. Die Jungs in Paderborn haben an den Weg geglaubt, diesen Glauben muss man sich erarbeiten. Ich finde, dass meine Spieler das jetzt schon sehr, sehr gut machen, das hat man auch in den Testspielen gesehen. Pu

Dennoch gehört Mut dazu, so weit aufzurücken, wie es ihr Fußball vorsieht.

Wenn man mit Angst ins Spiel geht, kann man sowieso direkt aufhören. Wo liegt denn die größere Chance? Liegt die größte Chance in der Angst, dass ich ein Gegentor kriege? Oder liegt die größere Chance darin, dass ich aus den mutig nach vorn gespielten Situationen zwei Tore mache?. Wir  wollen Bälle im vorderen Drittel gewinnen und Tore daraus machen. Da kann es auch mal passieren, dass ein Ball durchkommt und der Stürmer allein auf unser Tor zuläuft. Dann muss ich trotzdem weiter den Mut haben. Wenn wir es in jedem Heimspiel in Köln schaffen, in jeder Halbzeit ein paar  richtig gute Torchancen zu haben, wird es interessant.

Was sagen Sie Ihrer Mannschaft vor einem Spiel bei den Bayern, das ja in dieser Saison schon am zweiten Spieltag ansteht?

Ich habe noch nie zu meiner Mannschaft gesagt, wir spielen mal hier auf Ergebnis und gucken, dass wir irgendwie gut durchkommen. Wie soll ich meinen Spielern, die jeden Tag von mir nach vorn gepeitscht werden, plötzlich sagen, sie sollen sich hinten reinstellen? Was soll ich da am Spielfeldrand überhaupt reinrufen? „Verteidigen, verteidigen, verteidigen?“ Vor dem zweiten Spieltag wird man von mir also hören, dass ich bei Bayern München gewinnen will. Ob das dann gelingt, ist eine andere Geschichte. Da kann man auch mal fünf Tore kriegen – die kann ich aber auch kriegen, wenn ich nur hinten drin stehe. Und selbst dann geht es darum, im Spiel zu bleiben. Ich meine das ernst: Es ist erst vorbei, wenn der Abpfiff kommt und der Trainer aufhört zu brüllen.

Sie sind jetzt Bundesligatrainer in einem großen Klub. Was bedeutet Reichtum für Sie?

Die Frage ist wie man Reichtum definiert. Reichtum ist, wenn man seine Rechnungen bezahlen kann, ohne schlaflose Nächte zu haben. Jeder Mensch hat schon viel erreicht, wenn die Familie zusammen ist, wenn sie zusammenhält, wenn alle gesund sind. Dann ist man vielleicht sogar reicher als viele, die wirklich mehr Geld haben. Wir haben mit der Familie Spaß. Meine Kinder kommen gerne zu ihren Eltern, wir haben ein offenes Verhältnis, sind füreinander da. Das halte ich für das Beste, was man haben kann.

Es besteht also die Chance, dass der 1. FC Köln Steffen Baumgart nicht kleinkriegt?

Schön wär’s!