Bei allem Ärger über zwei verlorene Punkte hat Köln nach der Niederlage des FC St. Pauli den direkten Abstieg vermieden.
Nach 2:2 in BerlinSpäte Enttäuschung, doch der Punkt ist gold wert

René Wagner fehlte am Samstag in Berlin das Glück des Tüchtigen.
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Es war ein Nachmittag unterschiedlicher Stimmungslagen an der Alten Försterei. Zwischen der 61. und der 73. Spielminute der Partie zwischen Union Berlin und dem 1. FC Köln zum Beispiel feierten die FC-Fans im Westen des Stadions eine wilde Party. Nach Said El Malas Treffer zum 2:0 hatten sie mit „Nie mehr Zweite Liga“ begonnen, um sich rasch zu korrigieren. Warum mit dem Abstieg beschäftigen, wenn man scheinbar uneinholbar beim FC Union führt? „Europapokaaaaal!“, donnerte es aus dem Gästeblock – selbstverständlich nicht ganz ernst gemeint.
Auf den übrigen Rängen ging in diesen Momenten ein anderer Geist um: „Aufwachen!“, skandierten die Anhänger der Heim-Mannschaft, die für ihre bedingungslose Loyalität bekannt sind und sogar ehemalige Spieler bei ihrer Rückkehr in die Wuhlheide als „Fußballgötter“ feiern – am Samstag etwa die Kölner Heintz und Bülter sowie Trainer René Wagner. Doch in diesen Momenten wurde der Zusammenhalt auf die Probe gestellt.
Wir können glücklich sein
„Habe ich Verständnis für“, sagte Unions Trainerin Marie-Louise Eta nach dem Schlusspfiff. Ihre Mannschaft war dem Rat der Ränge gefolgt und erwacht, hatte mit dem Anschlusstreffer nach einem Eckball zurück ins Spiel gefunden (Rothe/73.), um eine Minute vor Ende der regulären Spielzeit durch Burcu noch auszugleichen. „Wir können glücklich sein“, hielt Eta später fest.
Auf Kölner Seite war vom großen Glücksgefühl nicht mehr viel übrig. „Wir sind natürlich enttäuscht, weil wir dem Sieg ziemlich nahe waren. Wir müssen das schnell verarbeiten. Am Ende war es ein Punkt, der uns weiterhelfen kann. Aber jetzt gerade ärgert es mich“, sagte Marius Bülter, der die Kölner 1:0 in Führung gebracht hatte. Torwart Marvin Schwäbe litt ebenfalls am Ergebnis. „Bitter“ sei der Ausgang, sogar „extrem niederschmetternd“.
Die Berliner Auferstehung war zeitlich unmittelbar auf René Wagners dreifachen Wechsel in der 71. Minute gefolgt. Für Jakub Kaminski und die Torschützen Bülter und El Mala waren Linton Maina, Youssoupha Niang und Jan Thielmann gekommen. Routinier Luca Waldschmidt, am Samstag erstmals unter Wagner von Beginn an eingesetzt und erneut Vorlagengeber, war schon nach einer Stunde in den Feierabend gegangen. Es gelang den Kölnern nicht, von der Bank noch einmal Schwung aufzunehmen. Stattdessen kam Union groß auf, wenngleich ein Standard- und ein Traumtor nicht zwingend darauf hindeuten, dass Köln nicht mehr im Spiel gewesen wäre. Doch in der Schlussphase ging nur noch wenig. „Wir hatten in der Phase ein bisschen den Druck gegen den Ball verloren und wollten mit drei neuen Spielern Energie bringen. Das war die Begründung, um einfach zu zeigen: Wir bleiben hier dran, wir wollen weiter vorwärts spielen“, erklärte Wagner später.
Schwäbe hatte sich die Implosion des Kölner Spiels von hinten angesehen. „Wir haben uns reindrücken lassen in diesen Minuten. Das tut weh. Natürlich haben sie dann ein, zwei Spieler reingebracht, die uns vor Herausforderungen gestellt haben. Wir hatten hier und da Entlastung nach vorne, aber ich glaube nichts Zwingendes“, fasste der Keeper zusammen. Bülter befand: „Wir hätten mehr für Entlastung sorgen können.“ Den Bruch im Spiel sah er jedoch nicht im Dreierwechsel. „Union hat offensiv gewechselt, ist ins Risiko gegangen“, sagte der Torschütze, und offenbar mit Blick auf die sommerlichen Temperaturen in der Hauptstadt: „Es war ein anstrengendes Spiel für uns.“
Die Jungs haben sich in jeden Zweikampf geschmissen, jeden zweiten Ball
Köln hatte die erwartete Berliner Mannschaft vorgefunden: Ein Gegner ohne echten Mittelstürmer und frei von spielerischen Ideen, die über lange Bälle und hart geführte Zweikämpfe hinausgingen. Wagner hatte es so angekündigt und seine Mannschaft gut eingestellt. Denn kämpferisch hielt der FC gut mit: „Die Jungs haben sich in jeden Zweikampf geschmissen, jeden zweiten Ball. Wir haben es phasenweise gut geschafft, ein bisschen Kontrolle über das Spiel zu bekommen“, fasste der Trainer zusammen. Und hatte Recht. Nach Bülters Führung in der 33. Minute hätte Waldschmidt bereits erhöhen können, doch Diogo Leite kratzte den Abschluss des 29-Jährigen von der Linie.
Schon früh im Spiel hatte Jakub Kaminski Unions Keeper Carl Klaus aus nächster Nähe die Chance gelassen, einen Schuss mit einer schwer begreiflichen Parade noch zu halten – wenngleich Kaminski einfach unhaltbar hätte schießen können, seine Position hätte es dem derzeit etwas fahrigen Polen erlaubt. Zwar war Kaminski auch in Köpenick wieder gut eingebunden und beschäftigte die Berliner Hintermannschaft. Doch seinen Abschlüssen fehlen momentan Kühle und Präzision. Köln hätte die Partie also klar entscheiden können, vielleicht auch müssen. Doch als das Geschehen in den letzten 20 Minuten kippte, waren die Kölner Offensivstars nicht mehr auf dem Platz.
Wagner mit Punkt „zufrieden“
Auch die Stimmung war am Ende eine andere, die FC-Fans verließen das Stadion eher brütend, während der Berliner Anhang mit nun 32 Punkten einen wichtigen Schritt in Richtung Klassenerhalt feierte. Am kommenden Samstag haben die Kölner die Möglichkeit, im Heimspiel gegen Heidenheim den letzten Schritt zu gehen. Durch die Niederlage des FC St. Pauli kann der FC nicht mehr direkt absteigen: Sechs Punkte Rückstand und eine um 20 Treffer schwächere Tordifferenz können die Hamburger nur noch theoretisch aufholen. Und selbst wenn: Weil St. Pauli und Wolfsburg am letzten Spieltag gegeneinander antreten, bedeutete ein Sieg von St. Pauli, dass der VfL nicht mehr auf die nötige Gesamt-Punktzahl kommen könnte. Wohl auch angesichts dieser Aussichten gab sich René Wagner am Ende weit weniger frustriert als seine Spieler. Und konstatierte, leicht überraschend: „Wir sind zufrieden mit dem Punkt.“
