Nach dem 2:2 gegen Uruguay winkt dem Inselstaat die K.o.-Runde. Teil des Überraschungsteams ist mit Sidny Lopes Cabral ein früherer Spieler von Viktoria Köln. Trainer Olaf Janßen blickt auf die gemeinsame Zeit.
Ex-Profi von Viktoria KölnCabral träumt mit Kap Verde vom Weiterkommen

Sidny Lopes Cabral behauptet den Ball gegen Uruguays Agustin Canobbio.
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Als seine Spieler die nächste Heldentat vollbracht hatten, begann Pedro Leitão Brito an das eigentlich Unmögliche zu glauben. „Wir sind hier, um uns auf dem höchsten Level zu messen und uns einen neuen Traum zu erfüllen – die nächste Runde zu erreichen“, sagte Kap Verdes Trainer. Dann fügte er einen Satz hinzu, der sich liest wie ein Märchen: „Wir sind an einem Punkt, an dem wir sagen: Ja, wir kämpfen um das Weiterkommen.“ Kaum zu glauben, aber wahr: Nach dem 2:2 (1:2) gegen Uruguay darf der Fußball-Zwerg bei seiner ersten WM-Teilnahme vom Einzug in die K.o.-Runde träumen. Sogar Gruppenplatz eins ist noch möglich für den 600.000 Einwohner zählenden Inselstaat vor der Nordwestküste Afrikas, der zum Auftakt Europameister Spanien sensationell ein 0:0 abgetrotzt hatte. Schon ein Unentschieden könnte gegen Saudi-Arabien (Samstag, 2 Uhr, ARD) reichen, um den Coup perfekt zu machen.
Kap Verdes Sommermärchen setzt sich aus vielen entzückenden Geschichten zusammen. Eine davon hat eine Kölner Vergangenheit. Linksverteidiger Sidny Lopes Cabral trug vor noch gar nicht allzu langer Zeit das Trikot des Drittligisten Viktoria Köln, ehe seine Karriere rasant Fahrt aufnahm. Sein damaliger Trainer Olaf Janßen saß in der Nacht auf Montag staunend vor dem Fernseher, als sich die Inselkicker mit Cabral in der Startelf und einer weiteren leidenschaftlichen Vorstellung endgültig einen Platz in den Herzen der Fußballwelt sicherten. „Das ist völlig verrückt und lässt bei allem Kommerz, der diese WM begleitet, mein Trainerherz höherschlagen“, frohlockt Janßen, der mit Blick auf Cabrals jüngsten Werdegang fast schon ungläubig sagt: „Eine solche Geschichte habe ich als Trainer noch nicht erlebt.“
Uns war klar: Wenn wir Sidny bekommen, machen wir ihn zu einem besonderen Spieler, der durch die Decke geht.
Im Januar 2024 konnten Viktorias Verantwortliche ihr Glück kaum fassen. „Einen Spieler wie Sidny haben wir auf Regionalliga-Niveau weit und breit nicht gesehen. Uns war klar: Wenn wir Sidny bekommen, machen wir ihn zu einem besonderen Spieler, der durch die Decke geht“, blickt Janßen zurück. 50.000 Euro waren der Viktoria die Dienste des damaligen Erfurters wert, der in Rotterdam geboren und bei Feyenoord sowie Twente Enschede ausgebildet wurde. Ein bemerkenswerter Vorgang, weil der finanziell nicht auf Rosen gebettete Drittligist in der Regel keine Ablösen zahlt.
Die Investition machte sich in Windeseile bezahlt. „Sidny hat vom ersten Spiel an voll eingeschlagen. Er kann den rechten Fuß nutzen wie den linken. Dazu hat er ein sehr aggressives Zweikampfverhalten und eine hohe Flankenqualität“, beschreibt Janßen. Als Linksverteidiger bekleidet der 23-Jährige zudem eine Position, auf der gutes Personal rar gesät ist. „Für uns ging es damals darum, die Stecknadel im Heuhaufen zu finden – und wir haben sie gefunden“, sagt Janßen, der auch unter Verweis auf den ehemaligen Viktorianer Said El Mala anmerkt: „Fußball ist kein Glücksspiel. Viktoria Köln ist der beste Beweis dafür.“
Cabral schnupperte bei Benfica Champions-League-Luft
Dabei war nicht alles Gold, was glänzte. Dem fußballerischen Talent Cabrals stand ein Hang zur Nachlässigkeit gegenüber. „Neben dem Platz war Sidny ein Amateur. Wir mussten eine Menge Arbeit investieren und viele Gespräche mit ihm führen, um ihn wieder auf den rechten Weg zu führen“, erinnert sich Janßen. Die Maßnahme fruchtete: Im Sommer 2025 wurde der portugiesische Erstligist Estrela Amadora auf Cabral aufmerksam. Der Schritt in die Vorstadt Lissabons wirkte wie ein Karrierebeschleuniger. Nur sechs Monate später legte Benfica sechs Millionen Euro Ablöse für den früheren Viktoria-Profi auf den Tisch. Plötzlich spielte Cabral in der Champions League, trainiert von keinem Geringeren als José Mourinho. Cabrals Zukunft nach der WM ist bereits geklärt: Der türkische Europa-League-Qualifikant Trabzonspor hat den WM-Teilnehmer für sieben Millionen Euro verpflichtet.
Zuvor bastelt Cabral mit Kap Verde noch an der Sensation – dem Einzug ins Sechzehntelfinale. „Ich traue ihnen zu, Geschichte zu schreiben“, sagt Janßen, der wieder auf der Couch mitfiebern wird: „Bei 104 Spielen muss man sich als Zuschauer seine Partien gut einteilen. Aber diese Nachtschicht ist es mir wert.“ Seinen ehemaligen Schützling wird Janßen allerdings nicht zu sehen bekommen. Cabral fehlt nach zwei Gelben Karten gesperrt. Es ist der einzige Wermutstropfen einer Geschichte, wie sie der Fußball kaum noch schreibt.