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Kommentar

WM-Blamage
Der DFB braucht einen Neustart

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3 min
Julian Nagelsmann und Manuel Neuer nach dem peinlichen WM-Aus gegen Paraguay

Julian Nagelsmann und Manuel Neuer nach dem peinlichen WM-Aus gegen Paraguay

Nach dem Aus gegen Paraguay muss nicht nur Bundestrainer Julian Nagelsmann ausgewechselt werden.

In seinen ersten Äußerungen nach Deutschlands drittem WM-Debakel in Serie lieferte Bundestrainer Julian Nagelsmann weitere Argumente, warum sein Job – neben dem des Bundeskanzlers der in der öffentlichen Wahrnehmung vielleicht wichtigste des Landes – zeitnah anderweitig besetzt werden sollte. Anstatt etwas Demut vor seinem Amt zu beweisen und die Verantwortung für den peinlichen Auftritt gegen Paraguay im WM-Sechzehntelfinale (3:4 i.E.) zu übernehmen, klammerte sich Nagelsmann reflexartig an seinen Posten.

Offensichtlich nach wie vor mit der festen Überzeugung, dass niemand besser dafür geeignet ist als er selbst. Obwohl sich die DFB-Elf unter seiner Führung im globalen Mittelmaß etabliert hat. „Meinst du, du hast den Fußball erfunden?“, hatte der damalige Leverkusener Trainer Roger Schmidt 2016 in Richtung seines jungen Hoffenheimer Kollegen Nagelsmann gepoltert. Der inzwischen zehn Jahre alte Vorwurf wirkt aktueller denn je.

Nagelsmanns Entfremdung von der Fußball-Realität

Es passt ins Bild einer Entfremdung Nagelsmanns von der deutschen Fußball-Realität in den vergangenen Monaten: Aus der im Rückblick zum Erfolg verklärten Heim-EM (Viertelfinal-Aus gegen Spanien) und der enttäuschenden Nations-League-Endrunde (Niederlagen gegen Frankreich und Portugal) im eigenen Land wurden wenige bis gar keine Lehren gezogen. Die Rückkehr zum Leistungsprinzip war spätestens mit seinem denkwürdigen „Kicker“-Interview im Frühjahr Geschichte.

Die Kriterien für einen Kaderplatz wurden von Nagelsmann so zurechtgebogen, dass seine Lieblinge (Goretzka, Groß oder Sané) sie irgendwie erfüllten. Auf Kritik reagierte der Bundestrainer regelmäßig dünnhäutig und trotzig. Spieler, die weniger seiner Wertschätzung genossen, wurden teilweise öffentlich abgebügelt (Undav oder El Mala). Dazu die kommunikativ katastrophal umgesetzte und letztlich sportlich nicht erfolgreiche Rückholaktion von Manuel Neuer. Je größer die Kritik von außen wurde, desto intensiver versteifte sich Nagelsmann auf den einen Plan. Seinen.

Doch die Wagenburg-Mentalität flog dem Bundestrainer im Turnierverlauf um die Ohren. Eckpfeiler wie Wirtz und Musiala steckten im Formtief, während es ein Überangebot von Zentrumsspielern gab, herrschte auf den Flügeln und der Rechtsverteidiger-Position Personalnot. Dazu der Wechsel-Wirrwarr im Ecuador-Spiel (1:2), als Nagelsmann an Spieler wie Groß Einsatzzeiten verschenkte, anstatt Woltemade den WM-Einstand zu ermöglichen. Dass der Stürmer Selbstvertrauen hätte gebrauchen können, wurde spätestens im Elfmeterschießen gegen Paraguay deutlich. Im Rückblick auf vier deutsche WM-Spiele bleiben eine torreiche Halbzeit gegen Curacao und einige schöne Undav-Minuten gegen die Elfenbeinküste positiv in Erinnerung. Letztlich eine nahtlose Fortsetzung der verkorksten Weltmeisterschaften 2018 und 2022 sowie die Erkenntnis: Das deutsche Team war viel schlechter als die Summe seiner Einzelspieler.

Völler stärkt Nagelsmann trotz Totalschaden

Beim DFB gab es Köpfe, die auf Nagelsmanns Weg hin zum WM-Debakel hätten intervenieren können. Nicht aus den Reihen des Trainerteams, hier hatte sich der Coach eine Riege von alten Bekannten und Erfüllungsgehilfen zusammengestellt. Doch Sportdirektor Rudi Völler und Geschäftsführer Andreas Rettig hätten schon aufgrund ihrer Erfahrung ahnen können, dass Nagelsmanns Allein-gegen-Alle-Trip auf einen Abgrund zusteuert. Doch scheuten sie zugunsten der Harmonie im Schloss zu Winston-Salem offensichtlich die Konfrontation.

Selbst im Angesicht des Totalschadens stärkte Völler im Nachgang der Blamage von Foxborough Nagelsmann noch den Rücken. Wenn es allein nach dem Sportdirektor ginge, dürfte der 38-Jährige die DFB-Elf auch in Richtung EM 2028 führen. Offensichtlich hat die Verbandsführung, trotz personeller Neuaufstellung, zu wenig aus den vergangenen WM-Blamagen gelernt. 2018 durfte Joachim Löw weitermachen, 2022 Hansi Flick.

Dabei benötigt der DFB einen Neustart auf allen oberen Ebenen. Auf wiederholtes Scheitern auf Führungsebene darf, auch mit Blick auf kriselnde wirtschaftliche Lage und schlechte Grundstimmung im Land, nicht mit Schönfärberei und dem Ausstellen von Freifahrtscheinen reagiert werden. Eine Trennung von Nagelsmann muss deshalb am Anfang der Aufarbeitung stehen. Konsequenzen in der DFB-Führung und im Kader sollten folgen. Allein, um einer neuen Generation von Trainern und Spielern nicht sämtliche Altlasten eines miserablen Nationalmannschafts-Jahrzehnts aufzubürden.

Nagelsmanns Nachfolger darf nicht als Fußball-Erfinder auftreten. Sondern als Fußball-Begeisterer.