Fernando Carro, Klubboss von Bayer 04 Leverkusen, spricht über den geplanten Campus, 50+1 und einen WM-Boykott.
Carro über 50+1„Brauchen Kompromiss, um eine Klage zu vermeiden“

Fernando Carro, Vorsitzender der Geschäftsführung von Bayer 04 Leverkusen, im Interview.
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Herr Carro, es ist ruhig geworden nach dem Rückschlag im Herbst bei der Planung des neuen Trainings- und Leistungszentrums, dem Bayer-04-Campus in Monheim. Wie ist der Stand?
Wir bleiben optimistisch. Wir sind den Bedenken der Monheimer Bündnisparteien nach der Wahl mit einem neuen, stark überarbeiteten Plan entgegengekommen und haben die Fläche des Campus nochmals signifikant reduziert. Der Ball liegt jetzt bei der Politik in Monheim.
Sie und Simon Rolfes hatten bereits beim ursprünglichen Plan auf 22 Hektar gesagt, es sei eigentlich zu klein im Vergleich mit internationalen Topklubs. Der neue Plan wurde um ein Drittel der Fläche verkleinert. Ist das nicht ein fauler Kompromiss?
Es ist ein Kompromiss, ja. Aber so ist es nun mal bei solchen Projekten – alle Seiten müssen bereit sein, sich zu bewegen. Wir werden wohl bestimmte Bereiche künftig deshalb auch weiterhin an anderen Standorten – zum Beispiel am Kurtekotten – unterbringen müssen.
Kommen wir zur aktuellen sportlichen Situation. Wie bewerten Sie die Saison bisher nach dem XL-Umbruch im Sommer und dem jähen Trainerwechsel?
Auch wenn ich ab und an etwas aggressiv in meiner Denke bin, bin ich doch Realist. Wir sind nach den großen Veränderungen und dem nicht eingeplanten Trainerwechsel relativ nah an dem, was wir uns vorgestellt haben. Wir haben uns in der Champions League behauptet und nun realistische Chancen auf das Achtelfinale. Im Pokal sind wir nur noch ein Spiel von Berlin entfernt. Das sind Zwischenergebnisse, die ich hoch bewerte. In der Bundesliga wäre ein Zwei-Punkte-Durchschnitt mein Wunsch. Dazu fehlen uns einige Punkte. Die haben wir leider unnötig liegengelassen. Unsere Zielsetzung ist dennoch weiter das Erreichen der Champions League. Wir sind also in der Liga nicht ganz in der Spur, haben aber immer noch alle Möglichkeiten, unser Ziel auch hier zu erreichen.
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Haben Sie schon Schlüsse gezogen, was bei der Trainerwahl Erik ten Hag schiefgelaufen ist?
Wir müssen möglicherweise bei den Informationen, die wir im Vorfeld einholen, noch kritischer sein, uns noch mehr Zeit nehmen. Bei Erik ten Hag haben wir womöglich zu viel auf die Zeit bei Ajax Amsterdam geschaut und nicht darauf, wie sehr sich der Trainer und seine Art zu arbeiten durch die Zeit bei Manchester United geändert hat. Wir haben bereits einen sehr professionellen Rekrutierungsprozess bei Bayer 04, aber auch der kann optimiert, auf ein höheres Level gehoben werden. Das gilt aber für alle Bereiche: Wir müssen den Anspruch haben, immer und überall besser und besser zu werden.
Ist Kasper Hjulmand ein Trainer, der die Zukunft von Bayer 04 prägen kann?
Von den Führungsfähigkeiten, von den menschlichen Fähigkeiten, vom Charakter auf jeden Fall. Auch die Fußballphilosophie und die Trainingsmethodik stimmen mit unseren Erwartungen als Verein überein. Kasper war nicht nur in der schwierigen Lage im Spätsommer der richtige Mann, er passt sehr gut zu Bayer 04.
Sie haben viele talentierte Spieler verpflichtet. Wie zuversichtlich sind Sie, in den kommenden Jahren wieder die Bayern angreifen zu können?
Ich muss und möchte zuversichtlich sein, weil das unser erklärtes Ziel ist. Wir sehen riesiges Potential und große Entwicklungs-Möglichkeiten bei unseren Spielern, aber ob das jetzt zwei oder drei Jahre braucht, um die Bayern anzugreifen, werden wir sehen. Talent und Charakter sind da. Wenn es uns gelingt, diese Mannschaft ein paar Jahre zusammenzuhalten, bin ich zuversichtlich.
Wie gefährlich wäre in diesem Zusammenhang ein Verpassen der Champions League?
Es gibt zwei Seiten: Als wir Doublesieger geworden sind, haben wir auch in der Europa League gespielt. Unser Anspruch ist klar, jede Saison in der Champions League dabei zu sein. Aber wenn es mal nicht klappen sollte, bin ich einer der sofort umschaltet und das Positive sieht: Wir könnten unter der Woche gegebenenfalls noch mehr rotieren. Das könnte die Chancen im Kampf um die Meisterschaft am Ende erhöhen. Es ändert aber natürlich nichts daran: das Erreichen der Champions League ist das absolut klare Ziel. Jedes Jahr.

18. Mai 2024: Fernando Carro mit Meisterschale, Sportgeschäftsführer Simon Rolfes (l.) und Werner Wenning, Vorsitzender des Gesellschafterausschusses.
Copyright: IMAGO/osnapix
Sie hatten zuletzt zwei überragende deutsche Spieler im Klub in Kai Havertz und Florian Wirtz. Wie hilfreich wäre beim Angriff auf die Bayern ein Spieler wie Said El Mala?
Der Hype um ihn ist mir manchmal etwas zu groß. Ich glaube aber auch ohnehin nicht, dass die Kölner uns so bald wieder eines ihrer Talente abgeben würden (lacht).
Die Bayern scheinen in dieser Saison erneut uneinholbar. Ist es nötig, die Dominanz der Bayern durch strukturelle Änderungen zu verringern, um die Bundesliga spannender zu machen?
Ich sage seit Jahren, dass man 50+1 eigentlich abschaffen müsste, dann würde der Kampf deutlich spannender. Auf Mitbestimmung und Fankultur muss damit nicht automatisch verzichtet werden. Und die Vereine entscheiden selbst. Man muss ja keinen Investor haben, wenn man keinen will. Für uns wäre es sicher auch nicht optimal, weil wir dann noch mehr Wettbewerber hätten. Aber die Diskussion ist müßig, die große Mehrheit in Deutschland ist dagegen, das gilt es erstmal zu respektieren und damit zu arbeiten.
Dass Klubs die Wahl hätten, ist aber nicht ganz richtig, oder? Um wettbewerbsfähig zu bleiben, würden sich die meisten Vereine schon genötigt fühlen, einen Investor ins Boot zu holen…
Alles das könnte man regeln. Man müsste dazu aber bereit sein, 50+1 neu zu denken. Es müsste einen so genannten Fit-and-Proper-Test für Investoren geben, also einen Kontrollmechanismus für wirtschaftliche Seriösität. Es müsste Sicherheiten geben, dass Eintrittspreise stabil bleiben, und dass die wichtigen Elemente der Fankultur erhalten bleiben.
Es kommt nun eine prozentuale Gehalts-Obergrenze in der Bundesliga mit 70 Prozent der Einnahmen, die aber nicht viel ändern dürfte. Wie wäre es mit einer absoluten Gehalts-Obergrenze?
Eine absolute Gehalts-Obergrenze unterstütze ich, aber nur, wenn sie für ganz Europa gilt. Andernfalls schwächen wir uns als Bundesliga nur selbst. Aber ist das realistisch in Europa? In der DFL sprechen wir uns dafür aus, es wird jedoch ein schwieriger Weg.
Welche Ideen gibt es in der DFL ansonsten, um die Bundesliga wieder spannender zu machen?
Dass die Bayern Fehler machen und die anderen Klubs viele richtige Entscheidungen treffen. (lacht) Die Bayern haben sich ihren Status hart erarbeitet. Das muss man anerkennen. Man sollte nicht vergessen, Dortmund hat Bayern schon oft und teilweise bis zum letzten Spieltag geärgert. Wir haben sie vor zwei Jahren mit großem Abstand hinter uns gelassen. Aber wenn die Bayern das dreifache Budget von uns haben, das doppelte von Dortmund, dann ist es für Dortmund und für uns und auch für Leipzig oder Frankfurt nicht einfach, jedes Jahr auf Augenhöhe mit den Bayern zu konkurrieren.
Also doch eine Umverteilung der TV-Gelder?
Von einer Umverteilung der TV-Gelder halte ich absolut nichts, um die Bayern zu schwächen. Wollen wir den Bayern wegnehmen, was sie sich erarbeitet haben? Das ist nicht fair und auch nicht marktgerecht. Und davon abgesehen, in welchem Maße müsste das geschehen, damit es ihnen wirklich weh tut? Schauen Sie mal auf die Einnahmen in der Champions League oder zuletzt bei der Klub-WM. Wollen Sie Ihnen die auch wegnehmen?
Bayer 04 und VfL Wolfsburg sind bisher geduldete Ausnahmen von der 50+1-Regel. Das Kartellamt hat aber eine Vereinheitlichung von der DFL gefordert. Wie ist der Stand bei den bilateralen Gesprächen im Ligaverband?
Wenn wir verhindern wollen, dass die Eigentümer von Wolfsburg und von Bayer 04 eine Klage einreichen, dann müssen wir eine Lösung finden, in der sich die berechtigten Interessen der Eigentümer auch wiederfinden. Wir sind in der DFL mit einer Arbeitsgruppe intensiv dabei, eine Lösung zu erarbeiten, mit der alle leben können. Hier spielt auch das Kartellamt wieder eine entscheidende Rolle. Am Ende werden wir einen Kompromiss finden müssen, aber dieser Kompromiss muss auch den langjährigen Eigentümern der beiden Vereine gerecht werden und rechtliche Rahmenbedingungen erfüllen, um eine Klage der Eigentümer zu vermeiden.
Wie bewerten Sie die Chancen zwischen außergerichtlicher Einigung und Klage?
Das kann ich derzeit nicht einschätzen. Unser Eigentümer und wir als Klub wollen keine Klage, sondern sind an einer Lösung im Rahmen der 50+1-Regelung interessiert. Dann hängt es am Kartellamt. Eine Einigung ist immer besser als eine Klage, vor allem, wenn sie dann Bestand hat und langfristig tragbar ist.
Ein anderes Thema, das DFL und DFB beschäftigt, ist ein möglicher WM-Boykott des Turniers in den USA im Sommer, den Oke Göttlich vom FC St. Pauli ins Spiel gebracht hatte. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Da vermischen wir wieder Politik und Sport. Wir sind Sportler, und Sportler können und müssen nicht die Probleme der Politik lösen. Die Diskussion hätte, wenn überhaupt, zunächst intern angestoßen werden müssen. Der Boykott einer Sportveranstaltung wegen politisch schwieriger Konstellationen sollte immer erst ganz am Ende stehen. Das sehe ich hier nicht.
Diese Themen werden vermutlich immer häufiger kommen. Es gab sie bei Katar 2022, es kommt noch eine WM in Saudi-Arabien 2034…
Das sind Entscheidungen des Fifa-Councils. Das müssen also vorrangig das Council und die dort involvierten Menschen bewerten, ob dies gute Entscheidungen sind.
Sie sind auch im Vorstand der europäischen Klubvereinigung EFC. Welche Themen werden für den europäischen Fußball derzeit priorisiert?
Wir sind in der Ausschreibung für die europäischen Wettbewerbe. Die vertriebliche Komponente und die Einnahmen für die europäischen Wettbewerber sind wichtige Themen. Geldverteilung ist immer ein wichtiges Thema. Zudem diskutieren wir Kadergrößen. Auch der Kalender wird heiß diskutiert.
Es geht also um die Belastung der Spieler. Was kann man verbessern?
Ich plädiere für größere Kader bzw. eine größere Flexibilität bei Verletzungen. Beim Kalender gibt es gerade eine Umfrage bei den Klubverantwortlichen. Wenn wir Freitagsspiele haben, kommen manche Spieler erst Donnerstag zurück. Es gibt schon einige Dinge, die im Kalender nicht gut gelöst sind. Gerade bei den Länderspielphasen müssen wir genau hinschauen. Vielleicht könnte es weniger Qualifikationsspiele geben, das werden wir weiter diskutieren.

Carro mit Cheftrainer Kasper Hjulmand
Copyright: AFP
Sie sitzen auch im Uefa Club Competitions Committee. Es gab viele Diskussionen darum, dass in der Champions League bereits nationale Duelle in Playoffs und Achtelfinale möglich sind. Muss das geändert werden?
Ich finde ja. Ich habe das auch bereits vor einem Jahr intern vertreten, dass man erst im Viertelfinale nationale Duelle haben sollte, aber bisher nicht viele Unterstützer gefunden. PSG hatte vergangene Saison Brest als Gegner in den Playoffs, jetzt Monaco. Das ist schlecht. In der aktuellen Form mit der Setzliste mit Paarbildungen ist es aber auch nur schwer möglich, es zu verhindern. Aber ich werde mich weiter dafür einsetzen, dass es erst in späteren Runden zu nationalen Duellen kommt.
Sie sind seit 2018 bei Bayer 04. Wie schauen Sie auf die vergangenen knapp acht Jahre zurück?
Wir haben eine klare Governance in unserer Organisation und die Zusammenarbeit mit dem Gesellschafterausschuss der Bayer AG, mit Werner Wenning an der Spitze, empfinde ich als sehr gut. In der Geschäftsführung arbeiten Simon Rolfes und ich sehr vertrauensvoll miteinander. Auch mit der Führungsmannschaft und den Mitarbeitern bin ich sehr zufrieden. Viele der Ziele, die ich mir zu Beginn gesetzt habe, haben wir erfüllt. Aber wer mich kennt, weiß, dass Zufriedenheit mich nicht davon abhält, weiter maximal ehrgeizig zu sein. Es gibt immer Neues zu erreichen.
Rolfes hat Vertrag bis 2028, Sie nur bis Juni 2027. Ist das Ziel, darüber hinaus bei Bayer 04 zu bleiben?
Klares Ja von meiner Seite, aber ich habe das nicht zu entscheiden. Und spüre in dieser Angelegenheit auch momentan überhaupt keinen Druck.
Was kommt für Fernando Carro, wenn es bei Bayer 04 mal zu Ende gehen sollte?
Entweder suche ich mir noch eine andere Aufgabe im Sport, oder ich genieße die Rente. Aber das ist gedanklich weit weg. Vorher würde ich auf jeden Fall gerne das unglaublich wichtige Projekt Campus für Bayer 04 positiv abschließen.
Sie sind großer Sportfan, schauen Events häufig auf mehreren Bildschirmen gleichzeitig. Wie sehr würden Sie sich über Olympia in NRW freuen?
Generell würde es mich freuen, wenn Olympia nach Deutschland kommt. Ich bin ein absoluter Sport-Fanatiker und liebe es, verschiedene Wettkämpfe zu verfolgen.


