Leverkusen – Gerardo Seoane hatte eine kurze Nacht. Mit dem Leverkusener Tross war er wegen einer satten Verspätung beim Abflug in Bergamo erst gegen drei Uhr in Köln gelandet und dann über die Bay-Arena nach Hause gefahren. Die Gedanken an das in der Lombardei Erlebte werden ihn bis zum Tagesanbruch wachgehalten haben. Die 2:3-Niederlage im Europa-League-Hinspiel bei Atalanta war ein Rückfall seiner jungen Mannschaft, der auch ihn in der Härte überrascht haben wird.
Das Ergebnis drückt nicht annähernd aus, was der Werkself drei Tage vor dem Derby gegen den 1. FC Köln (Sonntag, 15.30 Uhr, Bay-Arena) gedroht hatte: Ein Ergebnisdebakel, der Europapokal-Knockout schon vor dem Rückspiel, Häme und Spott. Weil Torhüter Lukas Hradecky jedoch über sich hinauswuchs und dank seiner Reaktionen aus dem zwischenzeitlichen 1:3 kein 1:6 wurde, konnte Moussa Diaby die Werkself mit ihrer einzig gelungenen Offensivaktion der zweiten Halbzeit und seinem Klassetor zum 2:3 im Wettbewerb halten.
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Als die Fußball-Profis noch ihr Schlafdefizit aufholten, war das Trainer-Team bereits bei der Analysearbeit und konnte ihnen um die Mittagszeit bereits Dokumente der Fehlerhaftigkeit zeigen. „Wir haben gewisse Punkte herausgenommen und versucht, sie dem Team darzustellen: Dass wir diesem physischen Spiel trotzen müssen. Dass wir es schaffen müssen, unter Druck mit Widerstand Bälle zu behalten“, erklärte Seoane. Wie schon häufiger in der Bundesliga hatte die Werkself Probleme mit einem Gegner, der ihre Strategie der schnellen Spielkunst mit Intensität, Aggressivität und Disziplin einfach niedergewalzt hat.
Wenige Mannschaften in Europa stehen exemplarischer für diese Spielweise als Atalanta - und wenige in der Bundesliga als der 1. FC Köln. „Wenn es uns gelingt, mit wenigen Ballkontakten direkt zu spielen, dann sind wir auf einem sehr guten Niveau, aber zum Spiel gehören natürlich auch andere Fähigkeiten. Und das ist ein Prozess, den diese jungen Spieler durchlaufen müssen. Wir werden da eine Entwicklung sehen. Natürlich nicht bis Sonntag, aber es hilft, wenn man darüber spricht, wenn man gewisse Ansätze findet, um es schnellstmögliche auf den Platz zu bringen. Gegen den 1. FC Köln werden diese Skills gebraucht“, sagt Gerardo Seoane.
In Bergamo hat eine späte Änderung der Taktik das Schlimmste verhindert. Bereits zur Halbzeit erwog der Schweizer, die Viererabwehrkette, auf der seine eigentliche, offensive Spielidee beruht, aufzulösen und einen dritten Innenverteidiger einzuwechseln, der die gesamte Architektur verändert und vor allem verhindert hätte, dass die überragenden Stürmer Luis Muriel und Ruslan Malinoskyi ständig zwischen den Linien und in den Schnittstellen entwischten. Doch er wollte seine Spielidee nicht so schnell aufgeben. Erst als beim Stand von 1:3 der Untergang drohte, entschloss er sich nach gut einer Stunde zu der Formation, die am Samstag zuvor in München einen Punkt sozusagen ermauert hatte. Das war die Basis des späteren 2:3, mit dem alle in Leverkusen wunderbar leben konnten.
Mit welchem taktischen Ansatz er das Derby angeht, konnte Seoane schon deshalb am Freitag nicht sagen, weil er es selbst nicht wusste. „Das habe ich für mich noch nicht entschieden“, erklärte er auf die Frage nach der Abwehrformation. Das Fußball-Herz würde vermutlich gern mit Viererkette, offensiven Außenspielern, zwei Sechsern und permanenter Offensivpräsenz spielen lassen. Das Hirn sagt aber, dass dieser Plan bei einer ähnlich dürftigen Umsetzung wie in Norditalien gegen den 1. FC Köln grandios scheitern könnte. Eine Derby-Niederlage vier Tage vor dem Rückspiel gegen Atalanta, dazu noch vor 22 658 Fans, ist das Letzte, was der Trainer auf der Jagd nach einem Champions-League-Platz gebrauchen kann.
Hilfreich ist immerhin die Rückkehr des im Europapokal gesperrten Kerem Demirbay und die Option auf die zuletzt verletzten Charakterspieler Robert Andrich und Karim Bellarabi. Sie sind allerdings erst einmal Kandidaten für die Bank. Im Hinspiel hat der FC den anfangs hoch überlegenen Leverkusenern durch einen couragierten Auftritt ein 2:2 abgetrotzt. Wie man heute weiß, was das kein Zufall. Gerardo Seoane hat nur Lob für den Konkurrenten von der anderen Rheinseite: „Der FC hat alle Punkte zurecht geholt. Sie gehören dahin, wo sie stehen. Sie haben eine mutige Spielweise. Wir wissen, was von Kölner Seite auf uns zukommen wird: Viel Energie, viel Power, viel Pressing. Unsere Aufgabe wird sein, dass wir die gleiche Energie und Intensität an den Tag bringen. Ich bin überzeugt von unseren spielerischen Qualitäten. Aber die kommen erst zum Tragen, wenn man die Mentalitätspunkte auf das gleiche Niveau bringt wie der Gegner.“