Leverkusen – Schon ab der 14. Minute des Achtelfinal-Rückspiels gegen die Glasgow Rangers konnte sich Peter Bosz Gedanken machen, wie er seinen Taktgeber und Vorkämpfer im Mittelfeld in der kommenden Runde der Europa League ersetzen würde. Denn nach einem Foul mit gestrecktem Bein in der Nähe der Mittellinie sah Charles Aránguiz am Donnerstag um kurz nach 19 Uhr die Gelbe Karte. Seine dritte im laufenden Europapokal-Jahr. Und eine, die ihn den Einsatz in Bayer 04 Leverkusens Viertelfinale am Montag (21 Uhr/RTL und Dazn) in Düsseldorf gegen Inter Mailand kostete. Es war der Wermutstropfen im sonst routinierten Sieg gegen die Schotten.
Mailands Waffen
Inter wird die Werkself deutlich mehr fordern. Der Zweite der italienischen Serie A verfügt in seiner Offensive mit Romelu Lukaku und Lautaro Martínez über Waffen, die normalerweise in der K.o.-Runde der Champions League zum Einsatz kommen müssten. Sollten beim Belgier oder beim Argentinier die Kräfte mal nachlassen, wäre der Chilene Alexis Sanchez zur Stelle. Und ausgerechnet gegen diese wuchtige, schnelle und technisch versierte Offensive muss Sanchez’ Landsmann Aránguiz zuschauen. Das Stellungsspiel und die Ruhe des 31-Jährigen am Ball werden Bayer 04 fehlen, mit ihm ist das Spiel der Werkself ein anderes. Manchmal härter und wo es notwendig ist, auch mal dreckiger. In jedem Fall deutlich kontrollierter und gleichzeitig unangenehmer für den Gegner. „Es ist natürlich schade, dass er fehlt. Aber wir haben viele gute Spieler, auch für diese Position“, sagte Bosz am Sonntagnachmittag, ohne dabei Einblick in seine taktischen Überlegungen zu gewähren.
Das könnte Sie auch interessieren:
Genug Zeit hatte der Niederländer aber, um an einer passenden Füllung für die gewaltige Lücke im zentralen Mittelfeld zu arbeiten. Eine Zutat könnte Exequiel Palacios sein, der gegen Glasgow etwas überraschend zu seinem Europa-League-Debüt gekommen war und einen guten Eindruck hinterließ. Der Argentinier, im Winter für etwa 17 Millionen Euro von River Plate aus Buenos Aires verpflichtet, tauchte nach dem Transfer ab, schon vor der Corona-Zwangspause. Das neue Land, die andere Kultur, die andere Sprache – Palacios hatte einige Anpassungsprobleme. Das Spiel gegen die Rangers könnte dabei geholfen haben, sie zu überwinden. Von Trainer Bosz gab es jedenfalls Lob: „Ich war sehr zufrieden mit seiner Leistung. Palacios war im Ballbesitz sehr souverän, hatte wenig Ballverluste und war gegen den Ball sehr aggressiv und hat gut verteidigt. Er war einer der besseren Spieler bei uns. Der Junge hat sich wirklich gut reingespielt und reingekämpft.“ Und gibt es als Lohn einen Einsatz gegen Mailand? Angesichts der Aránguiz-Sperre scheint es zumindest möglich.
Palacios, Demirbay oder Baumgartlinger?
Doch wird Palacios maximal wieder Zuarbeiter des Spielgestalters im Zentrum sein. Die offene Rolle wird wohl Kerem Demirbay zufallen, der seinerseits im Achtelfinale eine Gelbsperre absitzen musste. Auf den Schultern des 27 Jahre alten Nationalspielers wird am Montag viel Verantwortung lasten. Die defensivere und routiniertere Alternative zu Palacios wäre der Österreicher Julian Baumgartlinger.
Eine Reihe weiter vorne steht – wie eigentlich immer in den vergangenen Monaten – Kai Havertz im Fokus. Sollte die Hürde Inter Mailand zu groß für Leverkusen sein, wäre das Spiel am Montagabend wohl das letzte des Superstars für Bayer 04. Havertz möchte zum FC Chelsea, Chelsea möchte Havertz. Einen neuen Stand der Dinge gibt es nicht: Was fehlt, ist ein Angebot der Londoner, was den Wünschen des Werksklubs entspricht. Sport-Geschäftsführer Rudi Völler, aufgrund seiner ruhmreichen Historie in der Serie A ein gefragter Gesprächspartner in Italien, skizzierte in der „Gazzetta dello Sport“ noch einmal ansehnlich den Wert von Havertz: „Für mich ist er der beste meiner Zeit in Leverkusen. Wir hatten Emerson, Michael Ballack, Zé Roberto und Toni Kroos, aber er ist an der Spitze. Er ist ein Mix zwischen Ballack und Mesut Özil, aber er hat ihre besten Seiten.“
Quartier in Düsseldorf
Die Werkself hat derweil Quartier in ihrem Quarantäne-Hotel in Düsseldorf bezogen. Spieler, Trainer und Betreuer werden so lange dort untergebracht sein, wie Leverkusen in der Europa League spielt – maximal bis zum Endspiel am 21. August in Köln. Das Viertelfinale gegen Inter könnte die schwerste aller Aufgaben des Wettbewerbs sein. Völler ist aber optimistisch: In nur einem Duell könne Bayer 04 jedes Team dieser Welt schlagen, schließlich habe die Werkself in dieser Bundesliga-Saison auch schon Bayern München und Borussia Dortmund bezwungen, sagte der 60-Jährige. Trainer Bosz meinte: „Ich fürchte keinen Gegner.“