Fernando Carro hat zum Jahreswechsel einen Satz gesagt, der tief in sein Selbstverständnis als Klubchef von Bayer 04 Leverkusen blicken ließ. Der Werksklub stand da noch auf Platz zwei der Bundesliga-Tabelle, schien im Achtelfinale mit RW Essen den leichtesten Gegner zu haben, und in der Europa League verbreitete der Name Young Boys Bern auch keinen Schrecken bei der Organisation, die in der Vorrunde in der Fußball-Bundesliga am längsten ungeschlagen geblieben war. Eigentlich, erklärte Carro, ärgere es ihn ziemlich, dass selbst in dieser Situation Bayer 04 Leverkusen nicht öfter als Meisterschaftsfavorit genannt werde.
Inzwischen müsste der Spanier wissen, warum das im deutschen Fußball so Usus ist. Bayer 04 ist in der Liga fünf Punkte hinter Platz vier und die Champions-League-Grenze zurückgefallen, spektakulär aus dem DFB-Pokal ausgeschieden. Nur ein Sieg im Europa-League-Rückspiel gegen Bern morgen Abend (21 Uhr, Bay-Arena) kann nach dem turbulenten 3:4 aus dem Hinspiel verhindern, dass auch im zweiten Pokalwettbewerb Schluss ist. Nur mit einem Sieg kann der talentierte Kader von Trainer Bosz das Privileg der Doppel-Belastung weiter genießen.
„Es ist ein sehr wichtiges Spiel für uns“, sagte der Trainer am Tag vor dem Spiel, „es geht darum, dass wir in diesem Wettbewerb bleiben, aber natürlich auch um das generelle Gefühl.“ Dem Niederländer ist klar, dass ein weiteres Scheitern seinen Stand im Klub erschweren würde. „Ich trage hier die Verantwortung für die Ergebnisse. Natürlich. Wenn man mich nachher aber fragen würde: ,Was hast du schlecht gemacht?„, dann wüsste ich keine klare Antwort.“ Vorbereitung und Analyse der Spiele seien so akribisch wie stets gewesen.
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Damit ihm diese Frage am Freitagmorgen nicht gestellt wird, sollte Bosz das Spiel gegen die beste Mannschaft aus der Schweiz mit weniger als drei Gegentoren gewinnen, dann stünde Bayer 04 im Achtelfinale der Europa League. Allerdings bleibt die Personalsituation dramatisch. Torhüter Lukas Hradecky fällt bis weit in den März aus, wie auch Ex-Kapitän Lars Bender, der sich einer Knie-OP unterzog. Sein Zwillingsbruder Sven ist von seinem ersten Startelfeinsatz am Sonntag in Augsburg noch so entkräftet, dass er nicht zum Kader gehören wird.
Zur Personalsituation hat Peter Bosz eine klare Meinung: „Wir hatten diese Saison wirklich viele Verletzte. Aber das hatte ich wegen der vielen Spiele ja vorhergesagt. So viele Verletzte innerhalb einer Saison habe ich in 40 Jahren Profi-Fußball nicht erlebt.“ Als Entschuldigung für den Fall des Scheiterns war das nicht gedacht. Man würde sie in der ehrgeizigen Klubführung von Bayer 04 auch nicht gelten lassen.