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Boniface über Social-Media-Poesie„Ich poste diese Sachen doch nur, um mich ein bisschen abzulenken“

7 min
07.11.2025, Bremen: Fußball: Bundesliga, Werder Bremen - VfL Wolfsburg, 10. Spieltag, im Weserstadion. Victor Boniface (Werder Bremen) reagiert nach dem Sieg. Foto: Carmen Jaspersen/dpa - WICHTIGER HINWEIS: Gemäß den Vorgaben der DFL Deutsche Fußball Liga bzw. des DFB Deutscher Fußball-Bund ist es untersagt, in dem Stadion und/oder vom Spiel angefertigte Fotoaufnahmen in Form von Sequenzbildern und/oder videoähnlichen Fotostrecken zu verwerten bzw. verwerten zu lassen. +++ dpa-Bildfunk +++

Victor Boniface ist in dieser Saison von Bayer Leverkusen an Werder Bremen ausgeliehen.

Victor Boniface ist von Bayer Leverkusen an Werder Bremen ausgeliehen. Er spricht über seine Entwicklung, das Duell mit dem 1. FC Köln und seine Social-Media-Poesie.

Herr Boniface, haben Sie den Sieg Ihrer ehemaligen Kollegen aus Leverkusen in Manchester am Dienstag verfolgt?

Nein, ich war in Köln.

In Köln? Den Gegner scouten?

Nein, nein.

Sie spielen am Samstag mit Werder Bremen gegen den FC, den großen Rivalen von Bayer 04. Spielt das eine Rolle in ihrem Kopf?

Ja, natürlich, irgendwie schon. Aber eigentlich ist es mir egal, wie der Gegner heißt. Auch wenn ich gegen Leverkusen spielen würde, würde ich alles versuchen, damit wir gewinnen.

Sie sind seit dem Sommer auf Leihbasis bei Werder Bremen. Sie haben neun Mal gespielt, aber nur zwei Mal von Beginn an, zwei Assists, kein Tor. Wie ordnen Sie die bisherige Zeit in Bremen ein?

Zuerst einmal bin ich froh, dass ich in einem so großen Klub spielen darf. Nicht nur ich, jeder Fußballspieler will so oft es geht, spielen. Aber der Trainer hat seine Pläne. Ob Sie es glauben oder nicht: Ob ich in der Startelf spiele oder nicht, spielt keine Rolle, ob ich Vollgas gebe. Jeder kennt mich, jeder kennt meine Stärken. Ich versuche immer 100 Prozent zu geben. Was mich wirklich ärgert, ist, dass ich noch kein Tor gemacht habe. Wobei für mich klar ist: Boni steht nicht nur für Tore und Assists.

Wie ist die Kommunikation mit Trainer Horst Steffen?

Die ist völlig in Ordnung.

Sind Sie denn auf dem Fitnessniveau, dass Sie jedes Spiel von Beginn an spielen könnten?

Natürlich, ich habe ja auch Spiele angefangen. Ich habe gut gespielt gegen Union Berlin und Mainz - nicht nur ich, das ganze Team. Der Trainer hatte dann andere Ideen. Als ich hierhergekommen bin, habe ich gesagt: Ihr werdet sehen, ich mache keinen Ärger, wenn ich mal nicht spiele. Wenn ihr fühlt, dass ich spielen soll, bin ich bereit. Ich versuche in jedem Spiel, etwas beizutragen, auch wenn es manchmal nur ein paar Minuten sind.

In der Leverkusener Doublesaison 2023/2024 waren Sie der Shootingstar der Bundesliga. Was sind die Gründe, warum es bei Leverkusen nicht so weiterging?

Also, im Fußball ist es doch so: Wenn du eine Saison gut spielst, Tore machst, erwarten alle, dass du das auch in der nächsten Saison genau so wiederholst. Sonst fangen die Leute eben an, zu reden. Alle sagen, dass ich in der ersten Saison in Leverkusen sehr gut war. Ich glaube, ich hatte 14 Tore und neun Assists. Aber generell ging es da nicht nur um mich. Wir hatten eine tolle Mannschaft. Grimaldo, Jerry (Frimpong, Anm. d. Red.), Flo (Wirtz), alle waren top. Wir waren als Mannschaft gut, wir waren sehr, sehr gut. Und in der zweiten Saison wurden wir dann schlechtgemacht, obwohl wir Zweiter wurden und im Pokal-Halbfinale standen... Wenn ich mich nicht täusche, habe ich in dieser Saison die drittmeisten Tore der Mannschaft gemacht, obwohl ich 16, 17 Spiele verletzt ausgefallen bin. War das also jetzt wirklich eine so schlechte Saison von mir?

Sie fühlen sich nicht gerecht bewertet…

Wenn man sich die Gesamtstatistik meiner Zeit in Leverkusen anschaut, habe ich in etwas mehr als 60 Spielen mehr als 40 Scorerpunkte geliefert. Also sage ich: Meine Zeit in Leverkusen war großartig. Ich hatte keine schlechte Saison dort.  In der vergangenen Saison hatte ich einen Top-Start, bis ich mich verletzt habe. Dann habe ich 16, 17 Spiele verpasst – das ist eine Menge. Ich habe meine Zeit in Leverkusen sehr genossen und jetzt versuche ich, meine Zeit in Bremen zu genießen.

Wann fiel die Entscheidung, dass Sie im Sommer wechseln? Und: Wollten Sie gehen, oder hat der Klub Sie dazu aufgefordert?

Das ist kein Thema, über das ich mir aktuell Gedanken machen möchte. Ich konzentriere mich voll auf meine Aufgabe hier. Über alles andere kann man irgendwann später einmal sprechen.

Victor Boniface als Torschütze in seiner Zeit bei Bayer 04 Leverkusen - links Jeremie Frimpong

Victor Boniface als Torschütze in seiner Zeit bei Bayer 04 Leverkusen - links Jeremie Frimpong

Fest steht, Sie wären dann beinahe beim AC Mailand gelandet. Doch es gab Probleme mit dem Medizincheck. Sie hatten bereits zwei Kreuzbandrisse. Wie geht es ihren Knien und was bedeutet das für die Zukunft Ihrer Karriere? Sie sind erst 24. Haben Sie Angst, dass es irgendwann nicht mehr geht?

Zunächst einmal: Diese Verletzungen sind etwas, mit dem ich für immer leben muss. Es ist mein Leben, davor habe ich keine Angst. Es gibt viele Menschen, die nicht so ein Leben führen können wie ich. Ich bin Gott sehr dankbar für mein Leben. Ich hatte sehr ernsthafte Verletzungen, als ich ein junger Spieler in Norwegen war. Aber Gott hat mir geholfen, einen Weg zu finden, dass ich trotz dieser Verletzungen auf diesem Niveau spielen kann. Ich bin also nicht überrascht darüber, was die Ärzte über mein Knie gesagt haben. Von meiner Zeit in Norwegen bis jetzt, hatte ich viele Schmerzen, aber ich habe es bis hierhin geschafft. Ich bin wirklich sehr froh, dass ich es überhaupt geschafft habe, für solche Top-Klubs Fußball spielen zu dürfen, also kenne ich keine Angst mehr. Ich muss damit leben. Und es gab ja nicht nur Milan. Es gab viele gute Teams, zu denen ich hätte gehen können. Ich nehme mein Leben Tag für Tag, du weißt ja nie, was passieren wird. Aber ich arbeite an mir, um besser zu werden. Ich bin zu 100 Prozent fokussiert.

Dass Leute manchmal an Ihrem Fokus zweifeln, liegt vor allem auch an Ihren Aktivitäten außerhalb des Platzes. Bei Ihren Social-Media-Kanälen treten Sie ab und an als Philosoph auf. Ich zitiere, übersetzt aus dem Englischen: ,Das Leben ist wie ein Schuh, du kannst keine Kuh trinken, weil die Erde eine Karotte ist. Denkt mal darüber nach.' Genießen Sie diese Rolle des Fußballers, der das Leben nicht so ernst nimmt?

Wissen Sie, was lustig ist: Ich weiß gar nicht, warum die Leute darüber so überrascht waren. Ich habe das Gleiche gemacht, als ich in Leverkusen war. Ich habe genau diese Bildunterschrift schon mal benutzt. Der Unterschied ist: Damals habe ich Tore geschossen und wir haben alles gewonnen. Niemand hat darüber gesprochen. Im Leben gibt es Hochs und Tiefs, gerade habe ich ein kleines Tief. Ich poste diese Sachen doch nur, um mich ein bisschen abzulenken von allen anderen Dingen. Es ist doch nichts Ernstes. Ich poste nur das, was ich lebe. Ich beleidige ja niemanden, es schadet niemandem und hat auch keine Bedeutung.

Nervt es Sie sehr, dass sich die Leute darauf konzentrieren?

Ich spreche ja kein Deutsch, also verstehe ich auch nicht, was sie alle sagen. Was ich nicht verstehen kann, kann mich auch nicht nerven.

Sie sind zur Leihe in Bremen, haben noch bis 2028 Vertrag in Leverkusen. Ist es Ihr Plan, im nächsten Jahr nochmal in Leverkusen anzugreifen, oder ist das eher eine Bewerbungssaison für andere Klubs?

Um ehrlich zu sein, habe ich noch nie darüber nachgedacht. Ich nehme das Leben Schritt für Schritt. Ich will diese Saison ohne Verletzungen spielen, dann sehen wir, was passiert. Ich habe noch einen Vertrag in Leverkusen, nach der Saison sehen wir weiter.

Haben Sie sich Ziele für die aktuelle Saison gesteckt?

Ich will einfach nur eine Saison ohne Schmerzen und Verletzungen spielen. Ich war nie ein Spieler, der sich auf die Tore und Assists konzentriert. Ich will die Art Spieler sein, von der die Menschen sagen: Boni hat ein tolles Spiel gemacht, auch ohne ein Tor geschossen zu haben. Das ist etwas, was ich in Leverkusen gemacht habe. Ich habe nicht so viele Tore geschossen, weil Patrik (Schick, Anm. d. Red.) der Goalgetter ist. Ich bringe etwas anderes ins Spiel ein.

Fühlen Sie sich als Fußballer missverstanden?

Missverstanden will ich nicht sagen, aber einige Leute sehen es vielleicht nicht. Die Leute, die es tatsächlich wissen, sehen mich, bevor sie mich verpflichten. Sie haben mich doch auch in Leverkusen gesehen, Sie wissen also, welcher Spieler ich bin. Die Leute, die mich Fußball spielen sehen, wissen, was Boni für ein Typ ist.