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Wolfgang Holzhäuser im Interview„Ich glaube wirklich, dass es für Bayer 04 zu einem Titel reichen wird“

Lesezeit 12 Minuten
Ein Blick in die Vergangenheit: Der heutige Sportgeschäftsführer der Werkself Simon Rolfes mit Wolfgang Holzhäuser

Ein Blick in die Vergangenheit: Der heutige Sportgeschäftsführer der Werkself, Simon Rolfes, mit Wolfgang Holzhäuser im Jahr 2009.

Wolfgang Holzhäuser, Ex-Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen, über das Duell gegen die Bayern, die Titelsehnsucht bei der Werkself und Investoren in der Bundesliga. 

Herr Holzhäuser, wo und wie haben Sie das Pokalspiel ihres Ex-Klubs gegen den VfB Stuttgart verfolgt?

Wolfgang Holzhäuser Ich muss gestehen, meine innerliche Anspannung bei Bayer-Spielen ist immer noch sehr groß. Bei TV-Spielen geht mein Puls zu hoch. Ich bin derzeit auf Mallorca. Ich war also Tapas essen, habe mir das Spiel aufgezeichnet und es mir dann in der Nacht auf Mittwoch in Ruhe angeguckt. Es ist mir lieber, ich kenne das Ergebnis schon. (lacht)

Aber eigentlich gibt es bei der Werkself in dieser Saison doch gar nichts zu befürchten für den Puls. Sie verliert doch nicht…

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Es ist dem Puls egal, ob Leverkusen – wie in der vergangenen Saison – 17. ist, oder Tabellenführer. Aber das ist natürlich ein schöner Nebeneffekt.

Gehen Sie denn dann überhaupt noch ins Stadion?

Ja, im Stadion geht das viel besser als vor dem Fernseher. Und im Stadion kann ich auch viel besser die taktischen Feinheiten erkennen. Spiele auf dem Fernseher sind mir einfach zu stressig, das war schon immer so.

Ob nun am TV oder im Stadion – wie viel Spaß macht Ihnen Bayer 04 aktuell?

Natürlich riesigen Spaß. Die Mannschaft spielt großartigen Fußball. Für mich ist das Guardiola-Fußball, von dem ich seit vielen Jahren Anhänger bin. Viele Leute finden das Ballgeschiebe nicht so schön, aber ich finde es gerade schön, wenn man sieht, mit welcher Technik der Ball gespielt wird. Das macht Spaß. Es ist natürlich viel auf den Trainer zurückzuführen. Xabi Alonso hat in der vergangenen Saison die Defensive stabilisiert und hat von da aus begonnen, den Guardiola-Fußball spielen zu lassen.

Wer hat noch seinen Anteil?

Ganz klar die sportliche Führung. Da hat in den vergangenen Jahren Vieles gepasst. In der Kaderplanung keinerlei Fehler zu machen, ist schon außergewöhnlich. Es passt zu 100 Prozent. Alle Transfers haben eingeschlagen. Ich gönne es dem Verein und glaube wirklich daran, dass es in diesem Jahr zu einem Titel reichen wird. Falls nicht, sollen sie mir bitte den Gefallen tun, nirgends zu landen, wo etwas mit Vize- beginnt. (lacht)

Sie kennen Simon Rolfes sehr gut, haben ihn als Spieler nach Leverkusen geholt. Haben Sie geahnt, dass er auch ein guter Manager wird?

Als er den Knorpelschaden hatte und wir nochmal den Vertrag verlängert haben, habe ich ihn gefragt, was er nach der aktiven Karriere vorhat, und habe ihm gesagt, dass ich mir ein Trainee-Programm und den Einstieg in die Verwaltung bei uns vorstellen könnte. Ich hatte dann vorgeschlagen, dass er mal drei Monate bei Sportfive im Marketing reinschauen soll. Da antwortete er – das werde ich nie vergessen: Ich interessiere mich mehr für die Wirtschaft, für die Zahlen. Als ich ihn dann bei einem U17-Spiel von Bayer 04 in Dortmund als Zuschauer gesehen habe, war mir endgültig klar, dass er einer für den Managerposten ist. Jetzt macht er einen großartigen Job, hat aber auch ein tolles Team. Es war ein kluger Schachzug, Thomas Eichin dazuzuholen, der viel Erfahrung hat. Das funktioniert, was ich großartig finde.

Menschen in und um den Klub beschreiben derzeit einen Mentalität-Wandel bei Bayer 04. Sehen Sie das als Affront gegenüber Ihrer Zeit als Verantwortlicher, in der gerne von der Komfortzone Bayer 04 gesprochen wurde?

Ich habe das Wort Komfortzone nie verstanden und nie gemocht. Das Medienumfeld ist vielleicht etwas ruhiger als in Köln, aber sonst? Auf meine Fragen hieß es dann immer, die Spieler bekämen alles abgenommen. Das war völliger Unsinn. Dass dort jetzt ein Wechsel in der Mentalität stattgefunden hat, hat sicher mit dem Erfolg zu tun. Dann geht man mit breiterer Brust in seine Vorhaben. In Leverkusen kommen zwei Dinge zusammen: Eine stark zusammengestellte Mannschaft und Erfolg. Beide Dinge sorgen für eine Mentalität, die es ihnen ermöglicht, weiter so Fußball zu spielen. Das hat nichts mit einem vermeintlichen Ende der Komfortzone zu tun. Das sind Plattitüden, die ich nicht mag.

Was empfinden Sie, wenn Sie einen Spieler wie Florian Wirtz im Bayer-Trikot sehen?

Der Junge hat unglaubliche Fähigkeiten, das ist nicht zu fassen. Er hat nicht nur diese technischen Fähigkeiten am Ball, sondern er ist auch ausreichend schnell und dann hat er etwas, was viele andere hochgejubelte Supertalente nicht haben: Er arbeitet mit, arbeitet hervorragend gegen den Ball. Das ist wirklich unglaublich. Ich bin gespannt, wohin sein Weg führen wird. Ich hoffe, er bleibt noch ein bisschen in Leverkusen, um sich weiterzuentwickeln, das würde ihm guttun. Aber er hat ja wohl ein Umfeld, das ihn auch in diese Richtung berät.

Bei den restlichen Gegnern: Ist der Titel im DFB-Pokal ein Muss für Bayer 04?

Ein Muss ist immer schlecht. Das wäre Unsinn. Aber die Chance ist groß. Ich würde mich unglaublich freuen.

Verbindung zwischen Bayer 04 und den Fans 

Zwischen Fans und Mannschaft ist schon in der vergangenen Saison ein enges Band entstanden. Jetzt ist es eine echte Symbiose. Wie beobachten Sie das?

Ich habe immer die Saison 2001/2002 mit den drei Vizetiteln im Kopf. Da gab es auch diese Symbiose. Ich behaupte sogar, halb Fußballdeutschland stand hinter Bayer 04. Aber die jetzige Situation ist noch deutlicher. Das ist eine sehr enge Verbindung, man merkt das in Gesprächen. In den VIP-Räumen gibt es ein paar Leute, die in den vergangenen Jahren nur da waren, um sich blicken zu lassen. Jetzt wollen sie Bayer 04 spielen, siegen und Deutscher Meister werden sehen.

Sind Sie am Samstag noch auf Mallorca oder in der Bay-Arena?

Ich bin noch auf Mallorca und werde mir das Spiel wieder aufzeichnen (lacht).

Wie ist Ihre Prognose?

Es ist ein sehr wichtiges Spiel mit vorentscheidendem Charakter. Wer das negiert, belügt sich selbst. Die Bayern haben eine unglaubliche individuelle Klasse und sind dadurch immer in der Lage, auch unabhängig des Spielverlaufs, den entscheidenden Punkt zu setzen. Das muss man wissen, wenn man gegen sie spielt. Aber Bayer 04 schwebt auf der Erfolgswelle. Das Spiel gegen Stuttgart hat auch noch einmal etwas bewirkt. Das Entscheidende wird sein, ob es gelingt, auch gegen die Bayern dominant aufzutreten. Dann haben sie eine gute Chance auf drei Punkte.

Wie wichtig wäre es nach elf Jahren mal wieder einen anderen Titelträger in der Bundesliga zu haben?

Darüber brauchen wir nicht zu reden. Wir wollen immer eine spannende Bundesliga, so wie in diesem Jahr. Es reicht nicht, nur Spannung um die internationalen Plätze und im Abstiegskampf zu haben. Ich wehre mich aber immer dagegen, dass man dann negativ über Bayern München spricht. Sie spielen einfach einen großartigen Fußball und haben über Jahre einen großartigen Job gemacht. Dennoch: Alle gieren nach einem anderen Meister als Bayern München.

Sie haben mal den Begriff Vizekusen patentieren lassen. Was hatte es damit auf sich?

Das war nach 2002. Es hatte einen rein rechtlichen Hintergrund. Es gab eine Gruppierung von Fans, die zusammen mit der „Bild“ den Begriff „Vizekusen“ vermarkten wollten, auf Trikots, Shirts und anderen Dingen. Das wollte ich verhindern. Ich habe den Titel also schützen lassen, so dass damit kein Unfug getrieben werden konnte. Das war alles.

War auch Selbstironie dabei?

Nein, gar nicht.

Mussten Sie denn mal einschreiten, oder hat die Abschreckungsmaßnahme gereicht?

Die hat gereicht. Es war aber immer wieder Gesprächsthema. Selbst mein guter Freund Uli Hoeneß hat mal gesagt, dass er das für den größten Schwachsinn aller Zeiten hält, denn wer den Titel „Vizekusen“ schützen lässt, möchte kein Deutscher Meister werden. Das wiederum halte ich für Blödsinn.

Wie sehen Sie Bayer 04 für die Zukunft aufgestellt?

Sehr gut. Mit der Bayer AG hat der Klub weiter einen verlässlichen Partner an seiner Seite. Bayer 04 hat zudem eine sehr gut zusammengestellte Führungsmannschaft mit Fernando Carro an der Spitze. Die sportliche Leitung stimmt, und die Mannschaft kann auf diesem Level sicherlich noch länger so spielen. Sicherlich gibt es noch Nachholbedarf im Jugendbereich. Im Nachwuchsleistungszentrum Kurtekotten, das bei seiner Eröffnung vor 15, 16 Jahren noch das Nonplusultra war, ist jahrelang wenig bis nichts passiert.  Aber auch dort hat Simon Rolfes schon einiges angeschoben und verbessert. Bayer 04 braucht ein NLZ, das mit dem der Münchener oder Leipziger mithalten kann.

Ist Xabi Alonso zu ersetzen?

Das weiß ich nicht. Trainer sind temporäre Erscheinungen, der Klub bleibt. Ich hoffe, Xabi Alonso bleibt noch ein wenig, weil er einen Klasse-Job macht. Es wird sicher schwierig, einen passenden Nachfolger zu finden. Aber auch da – so schätze ich Fernando Carro und Simon Rolfes ein – wird schon darüber nachgedacht, was passieren soll, wenn es eines Tages zu einem Alonso-Abschied kommen wird.

Bereuen Sie es eigentlich, nun schon seit einigen Jahren nicht mehr im Profi-Fußball tätig zu sein?

Nein. Es war damals meine freie und bewusste Entscheidung, endgültig aus dem operativen Geschäft auszuscheiden. Ich hatte gemerkt, dass es mir immer schwerer fiel, mich vor den Spielen zu konzentrieren und danach wieder runterzukommen. Irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht, in dem man sich innerlich verabschieden muss. Wenn man das nicht erkennt, wird man darunter leiden. Und das wollte ich nicht.

Sollte Bayer 04 zumindest einen Titel holen: Würde Ihnen dann Rudi Völler leidtun, der es all die Jahre mit Leverkusen versucht hatte, aber dann doch knapp vor dem Ziel scheiterte?

Sollte es so kommen, dann würde der Klub clever genug sein, Rudi mit in den Vordergrund stellen. Und zwar zu Recht. Rudi hat einen großen Anteil an der Entwicklung des Vereins. Ich habe 13 Jahre lang Tür an Tür mit ihm gearbeitet und kann daher einschätzen, wie groß sein Einfluss war. Es war einer meiner besten Transfers, ihn damals nach dem Frust als Trainer der Nationalmannschaft bei der EM 2004 dann Anfang 2005 nach Leverkusen zurückgeholt zu haben. Das war nicht so einfach, Überzeugungsarbeit im Umfeld war dafür notwendig. Denn nicht alle hatten verstanden, warum Rudi Völler zurückkommen sollte. In den Augen der Öffentlichkeit war ich der Buchhalter und Michael Reschke der Jugendwart. Wir brauchten deshalb jemanden, der den Sport repräsentiert. Und das hat mit Rudi wunderbar funktioniert. Und das funktioniert mit ihm auch jetzt wieder hervorragend bei der Nationalmannschaft. In Deutschland haben wir nicht so viele Leute, die den Stellenwert, das Ansehen und die Kompetenz haben, diesen Job auszuüben. Da ist man dann schnell wieder bei Rudi Völler.

Heikle Themen Heim-EM 2024 und DFL-Investor

Was trauen Sie der DFB-Auswahl bei der EM im eigenen Land zu?

Die ersten beiden Spiele sind sicherlich entscheidend und werden zeigen, wohin der Weg hingeht. Wir haben eine große individuelle Klasse in der Mannschaft, die haben nicht viele Nationen. Frankreich und England haben fertige Mannschaft, soweit sind wir noch nicht. Wenn es Trainer Julian Nagelsmann aber gelingt, aus der individuellen Klasse eine echte Einheit zu formen, dann wird das Team bis ins Halbfinale kommen. Und das wäre für mich schon ein Erfolg. Deutschland braucht eine starke Nationalmannschaft. Ich freue mich auf das Turnier.

Zurück zur Bundesliga. Seit Wochen gibt es große Fanproteste gegen den DFL-Investoreneinstieg, die Partien müssen oft unterbrochen werden. Wie beurteilen Sie die Proteste?

Ich könnte jetzt antworten, wie es viele tun: Ich habe großes Verständnis für die Art der Fanproteste. Ich habe es aber nicht. Ich kann die Argumente gegen den DFL-Investoreneinstieg nicht wirklich nachvollziehen. Ich kann schon verstehen, dass viele Fans davor Angst haben, einen Investor von außerhalb in einen Verein zu holen, der dann alles bestimmt und den Mitgliedern keine Einflussmöglichkeiten mehr lässt. Dass man der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs nicht zu 100 Prozent folgt, auch dafür habe ich Verständnis. Und dass der Fußball eher konservativ ist, auch das hat ja was für sich. Der Protest ist legitim, allerdings nicht die Art und Weise des Protests. Das ist pubertierendes Verhalten einer relativ kleinen Gruppe. Und die dann versucht, die schweigende Mehrheit zu majorisieren. Das ist nicht im Sinne der demokratischen Grundordnung, und damit habe ich ein Problem.

DFL und DFB müssen überlegen, wie es weitergehen soll. Es wird eines Tages so weit kommen, dass man die Verursacher derartiger Störungen in Haftung nimmt und Schadensersatz von ihnen fordert. Ich halte es deshalb für richtig, nur noch personalisierte Eintrittskarten abzugeben und Körperscanner einzusetzen. Diese Störung der Spiele ist am Thema vorbei, manche Leute verstehen das System einfach nicht. Zudem protestieren da oft Fans von Klubs, bei denen Investoren längst im Verein sind und zig Millionen reingeschossen haben. Das ist doch bigott. Die Vereine müssen zudem auch im europäischen Vergleich konkurrenzfähig sein. Man muss in der Liga allerdings dafür sorgen, dass die Spanne zwischen den ersten Sechs und den letzten Sechs nicht zu groß wird. Da wird man Maßnahmen ergreifen müssen, und das weiß die DFL auch.

Es gibt Vereine wie den 1. FC Köln, die wehren sich vehement gegen den Einstieg eines Investors – ob im eigenen Klub oder in der DFL.

Der Meinung kann man sein, doch dann sollte man sich nicht wundern, wenn man auf Dauer nicht mehr mithalten kann. Der Fußball in der Spitze, und damit meine ich die Bundesliga, ist Sport und auch Business. Da muss man sich anderen Methoden öffnen – wie andere Sportarten das auch machen. Es gibt auch Kommerz, der positiv ist, das habe ich jetzt wieder bei der Handball-EM in Köln erlebt.

Ich kann auch die populistischen Äußerungen mancher Clubvertreter nicht nachvollziehen. Den Ultras mache ich wegen Ihrer Skepsis keinen Vorwurf, mal abgesehen von dem manchmal weit über das normale Maß hinausgehenden Störungen des Spielbetriebes. Die Bedingungen der DFL in den Ausschreibungen sind so restriktiv gehalten, dass ich die Bedenken von einzelnen Vereinen nicht so richtig mehr verstehen kann. Immerhin soll eine Milliarde bezahlt werden für gerade mal 8% der Medienrechte. Wenn das gelingen sollte, hat die DFL einen guten Job gemacht,

Sie galten als Visionär in der Liga. Sehen Sie da heute einen, der ähnlich tickt?

Im Moment nicht, aber es bewegt sich etwas. Ich denke an Frankfurts Axel Hellmann oder Freiburgs Oliver Leki oder auch Ilja Kaenzig in Bochum die ich sehr schätze. Das sind Personen die über den Tellerrand schauen.

ZUR PERSON

Wolfgang Holzhäuser, geboren am 13. Januar 1950 in Crumstadt, war von 1975 bis 1998 Leiter des Lizenzbereichs beim Deutschen Fußball-Bund. Ab 1998 war er für die Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH tätig, dort als Sprecher der Geschäftsführung von 2004 bis 2013. Nach seinem Ausscheiden aus der Geschäftsführung wurde er in den Gesellschafterausschuss berufen, dem er bis Ende Juli 2017 angehörte. (ksta)

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