Donald Trump und Gianni Infantino, die machtversessenen Brüder im Geiste, zelebrieren die Vermischung von Sport und Politik.
Politische WM-BilanzVon der Unabhängigkeit des Fußballs ist nichts übrig

Donald Trump (l.) und Gianni Infantino im goldenen Konfetti-Regen des WM-Finals
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Spaniens Kapitän Rodri hatte auch beim letzten offiziellen Moment der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 alles im Griff. Der zum besten Spieler des Turniers gewählte Mittelfeld-Taktgeber ließ sich von Donald Trumps plumpem Versuch, sich nach der Pokalübergabe wieder mittig aufs Siegerfoto zu quetschen, nicht aus der Ruhe bringen. Bei der Klub-WM 2025 hatte sich Trump erfolgreich zwischen die verdutzten Profis des FC Chelsea gedrängelt. Doch ein Jahr später wartete Rodri, wie in den letzten Augenblicken vor einem öffnenden Pass, taktisch perfekt, bis sich der US-Präsident ein paar Meter zur Seite begab, ehe er die goldene WM-Trophäe in die Höhe stemmte und ihr ein Küsschen aufdrückte.
Es war sein Moment und der seiner Teamkollegen, des besten Teams des Turniers, Bezwingers der argentinischen Zerstörungsmaschinerie (1:0 n.V.) und verdienten Weltmeisters 2026. Ein symbolischer Hoffnungsschimmer, dass der Fußball trotz aller Einflussnahme letztlich im Mittelpunkt steht. Doch lässt sich festhalten: Nach mehr als fünf Wochen und 104 Spielen in den USA, Kanada und Mexiko dürften neben Weltmeister Spanien vor allem US-Präsident Trump und der Weltverband Fifa um Alleinherrscher Gianni Infantino zufrieden sein. Und von der angeblichen politischen Unabhängigkeit des Fußballs ist endgültig nichts mehr übriggeblieben.
Die machtversessenen Brüder im Geiste
Trump und Infantino, die machtversessenen Brüder im Geiste, waren vor der Pokalübergabe mit einem beeindruckenden, wie erwartbaren Pfeifkonzert auf dem Rasen des Metlife-Stadium in New Jersey begrüßt worden. Infantino kennt in der westlichen Welt keine anderen Begrüßungen der Massen, er lächelt über den Lärm hinweg. Und auch Trump wird nach seinen jüngsten Äußerungen über den ungeliebten Nato-Partner Spanien („schlechte Menschen“) sowie bei einem Auftritt im liberalen New York kaum etwas anderes erwartet haben. Doch wichtiger als der Empfang im Stadion waren den beiden ohnehin die nackten Zahlen. Und aus rein finanzieller Sicht war die WM ein gewaltiger Erfolg: Die Fifa rechnet mit Einnahmen von rund 15 Milliarden Dollar, nach Angaben des Weltverbands besuchten 6,6 Millionen Fans die 104 Spiele – jeweils Rekorde. Die teils astronomisch teuren Tickets machten das Stadion-Erlebnis zwar in der Regel zu einem Oberschicht-Event – doch das Endergebnis stimmte.
Erwartbar fiel Trumps Reaktion aus, die, wie viele seiner Vorschläge, zwar erst einmal absurd klingt, am Ende aber im Kern ernst gemeint ist. Vor allem, weil sich die Welt aus Sicht des 80-Jährigen um ihn dreht und er sie nach eigenem Bedarf beeinflussen kann. Er habe eine „tolle Idee“ für Infantino, sagte der US-Präsident beim US-Sender Fox: „Ich sagte: Kündige uns also beim nächsten Mal wieder an und danach ein weiteres Land. Das wird die Wut und den Schock etwas lindern.“ Angesichts der Zahlen rund um die WM werde er „sofort“ eine weitere Ausrichtung beantragen. „Wir müssen das noch einmal machen, und zwar solange ich noch da bin. Hast du das gehört, Gianni?“, sagte Trump.
Trump will eine weitere WM in den USA
Die nächste WM findet 2030 in Spanien, Portugal und Marokko statt. Die ersten drei Spiele werden in Uruguay, Argentinien und Paraguay ausgetragen, um das 100-Jahr-Jubiläum des Turniers zu feiern. Derzeit diskutiert die Fifa dazu eine Aufstockung von 48 auf 64 Teams, mehr Spiele, mehr Spektakel, mehr Geld. Vier Jahre später ist Saudi-Arabien Gastgeber, die Turnier-Ausrichter ab 2038 sind also noch vakant. Trump muss laut US-Verfassung Anfang 2029 aus dem Amt scheiden. Bei der Fifa steht 2027 Infantinos Wiederwahl, trotz Kritik aus Europa, bis 2031 quasi nichts im Weg. Diese Amtszeit wäre den Fifa-Statuten zufolge seine letzte. Allerdings sehen sich sowohl Trump als auch Infantino gerne außerhalb der allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten. Wieso nicht länger im Amt bleiben? Und wieso nicht noch eine WM in die USA holen? Infantino hatte seinem mächtigen Freund noch am Samstag bei einem gemeinsamen Termin vorgeschwärmt: „Diese WM war das größte sportliche, gesellschaftliche und kulturelle Ereignis der Menschheit. Ich glaube, wir müssen neue Wörter erfinden.“
Trump und Infantino geben sich nicht einmal die Mühe, die Vermischung von Fußball und Politik zu verschleiern, sie zelebrieren sie. Für den vom Nobel-Komitee verschmähten US-Präsidenten wurde als Trost der Fifa-Friedenspreis ins Leben gerufen. Infantino tritt wiederum in Trumps „Friedensrat“ auf, einer Art Pseudo-UN, und versucht sich in der großen Weltpolitik. Dass die Fifa laut Artikel 4 ihrer Statuten zu strikter politischer und religiöser Neutralität verpflichtet ist, spielt keine Rolle. Entsprechend feierte sich Trump auch am Finalwochenende noch immer für seine Intervention gegen die Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun, die nach einem Anruf des Präsidenten bei Infantino erlassen worden war – seinem Schweizer Freund dankte er erneut ausdrücklich.
Die Amerikanisierung des Fußballs
Für Trump kam die in Ultra-HD produzierte und in alle Ecken der Welt ausgestrahlte Ablenkung zu einem guten Zeitpunkt. Während sich Milliarden Menschen am Fußball erfreuten und die vielen unappetitlichen Nebengeräusche weitgehend ausblendeten, konnte der US-Präsident mit weniger Gegenwind seine außen- und innenpolitische Agenda umsetzen. Der Krieg mit WM-Teilnehmer Iran wurde nach kurzer Pause fortgesetzt. Und in den USA durfte die umstrittene US-Einwanderungsbehörde ICE die Daumenschrauben anziehen, kritisierte kurz vor dem Finale die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. „Die WM wurde ausgetragen vor dem Hintergrund des missbräuchlichen harten Durchgreifens der US-Regierung gegen Einwanderer und des Versagens der Fifa, sich an ihre eigenen Menschenrechtsstandards zu halten“, kritisierte Direktorin Minky Worden. Teilweise habe es durch ICE 2000 gewalttätige Verhaftungen gegen Migranten täglich gegeben. Auch zwei Tote waren zu beklagen – mit Wurzeln aus WM-Teilnehmer-Nationen: In Maine wurde der kolumbianische Familienvater Johan Sebastian Guerrero von Bundesagenten in seinem Auto erschossen. In Houston kam der Mexikaner Lorenzo Salgado Araujo durch ICE-Kugeln ums Leben.
Neben einem politischen Scherbenhaufen wird die WM auch eine Amerikanisierung des Fußballs hinterlassen – nicht nur durch die knapp halbstündige Final-Halbzeitshow, die gegen Fifa-Recht verstieß, wonach die Pause grundsätzlich 15 Minuten nicht überschreiten darf. Hinzu kamen die obligatorischen und wohl vor allem aus Werbe-Gesichtspunkten eingeführten Trinkpausen, die aus zwei Halbzeiten de facto vier Viertel machten. Sowie die protzigen, der American-Football-Tradition entliehenen Meisterschafts-Ringe. Gegen die konnte sich nicht einmal Rodri wehren.




