Vor der WM steht Julian Nagelsmann unter Druck. Er will den Titel mit Mut, denn laut Völler ist er nicht mehr unbedarft.
Klares Urteil von VöllerNagelsmann sei „nicht mehr so unbedarft“ wie vor der EM

Bundestrainer Julian Nagelsmann trägt die Last der WM-Verantwortung.
Copyright: Jan Woitas/dpa
Ein Foto aus Winston-Salem zeigt Julian Nagelsmann mit einem WM-Ball in der erhobenen Hand, eine Pose, die an die Freiheitsstatue gemahnt. Obwohl sein Gesichtsausdruck skeptisch anmutet, ist die Botschaft des Bildes vor Beginn der Weltmeisterschaft für das deutsche Team unmissverständlich: Courage, Zuversicht und der Wille zu bedeutenden Erfolgen.
Nagelsmann strebt danach, diese Eigenschaften für seinen „American Dream“ zu repräsentieren, ungeachtet der unterschwelligen Zweifel am DFB-Team infolge der enttäuschenden Weltmeisterschaften 2018 und 2022. Im Vorfeld der Auftaktpartie am Sonntag (19.00 Uhr/ARD und MagentaTV) in Houston gegen Curaçao äußerte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus: „Er trägt die Verantwortung“. Diese Bemerkung, die sich auf die unerwartete Berufung des 20-jährigen Assan Ouedraogo bezog, besaß jedoch eine übergeordnete Tragweite.
Die Nachwirkungen der Weltmeister-Aussage von 2024
Nagelsmann selbst war es, der die hohen Erwartungen schürte. Nach dem Ausscheiden im EM-Viertelfinale 2024 gegen Spanien (1:2 n.V.) äußerte der Bundestrainer spontan und sichtlich enttäuscht in Stuttgart: „Dass man zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird, tut auch weh.“
Diese Aussage hat bis in die Gegenwart Bestand und ist ein fester Teil von Nagelsmanns Bilanz als Bundestrainer, obwohl ein garantierter Titelgewinn nicht mehr thematisiert wird. Das offizielle Ziel für die WM wird von DFB-Sportdirektor Rudi Völler so umschrieben, dass die Mannschaft „schwer zu schlagen“ sein möchte. Nagelsmann persönlich äußert sich bescheidener: „Ich wäre sehr glücklich, wenn wir am Ende viele Stimmen hören der Fans und der Menschen im Land, die sagen, es hat Spaß gemacht, uns zuzuschauen.“

Nagelsmann mag den WM-Campus der deutschen Nationalmannschaft.
Copyright: Jan Woitas/dpa
Obwohl der 38-Jährige im deutschen WM-Quartier in North Carolina einen energiegeladenen Eindruck macht, ist der Erfolgsdruck trotz neun aufeinanderfolgenden Siegen seit September spürbar. Völler stellte fest: „Er ist auch angespannt, aber es ist eine positive Angespanntheit“.
Laut Völler: Nagelsmann agiert erfahrener
In Winston-Salem tätigte Völler, der dem Nationaltrainer als Berater fungiert, eine aufschlussreiche Aussage: „Wichtig ist natürlich: Er ist nicht mehr so unbedarft wie noch vor der Europameisterschaft.“
Im Profifußball gilt der Begriff „unbedarft“ als eine schonungslose, aber treffende Charakterisierung. Diese Eigenschaft kann allerdings auch konstruktive Energien mobilisieren, da Nagelsmann den Mut besitzt, seine Beschlüsse konsequent umzusetzen, unabhängig von der Reaktion der Öffentlichkeit.
Die Causa Manuel Neuer dient hier als exemplarisches Beispiel. Kommunikativ missglückte die Bekanntgabe der Rückkehr des Torhüters ins DFB-Team, die gegen Curaçao erfolgen wird, vor allem durch den Auftritt im ZDF-„Sportstudio“. Nagelsmann wich jedoch nicht zurück und hielt an dem Fernsehauftritt fest.

Rudi Völler steht Nagelsmann auch bei der WM zur Seite.
Copyright: Federico Gambarini/dpa
Für Völler ist dies ein Zeichen von charakterlicher Festigkeit: „Er stellt sich, obwohl er weiß, dass es dann auch ein bisschen holprig werden kann. So ist er halt, deshalb mag ich ihn ja auch so. Und deswegen werden wir auch eine gute Weltmeisterschaft spielen.“
Jüngster Trainer der WM-Historie trifft couragierte Wahl
Seine Courage beweist Nagelsmann auch in den USA. So wird der junge Nathaniel Brown (23) als Linksverteidiger gesetzt. Im zentralen Mittelfeld vertraut er auf Felix Nmecha (25) und Aleksandar Pavlovic (22), die beide ihre Turnierpremiere feiern. Wäre Lennart Karl (18) nicht verletzungsbedingt ausgefallen, hätte er sich als zweitjüngster deutscher WM-Teilnehmer in die Geschichtsbücher eingetragen.
Nagelsmann ist mit seinen 38 Jahren der jüngste Bundestrainer in der deutschen WM-Historie. Er ist zudem der jüngste Coach aller 48 teilnehmenden Nationen bei diesem Turnier. Völler, der 2002 als DFB-Teamchef selbst nur vier Jahre älter war, merkte an: „Er macht es ja auch schon knapp drei Jahre jetzt. Er weiß, dass die ganze Nation natürlich auch gewisse Dinge hinterfragt“.
In den USA steht für Nagelsmann ein Jubiläum an: Zwischen dem Spiel gegen Curaçao und der zweiten WM-Begegnung mit der Elfenbeinküste am 20. Juni in Toronto ist er am 18. Juni seit 1000 Tagen im Amt. In der Historie des DFB konnte an einem solchen Meilenstein lediglich Jupp Derwall bei der EM 1980 schon einen Titel vorweisen. Keinem seiner Vorgänger, weder Sepp Herberger, Helmut Schön, Franz Beckenbauer noch Joachim Löw, glückte ein WM-Triumph beim ersten Anlauf.
Eine Bilanz der bisherigen Amtszeit
Im Podcast „Spielmacher“ wurde er gefragt, ob jeder einzelne Tag als Bundestrainer eine Freude gewesen sei. Nagelsmann gab eine offene Antwort: „Nee, aber mehr Supertage als schlechte Tage. Ich glaube, nur Supertage gibt es nie. Insgesamt ist es ein ganz toller emotionaler Job, der jetzt im Sommer noch etwas ganz Großes bereithält.“

Von Rekordnationalspieler Matthäus bekommt Nagelsmann WM-Ratschläge.
Copyright: Federico Gambarini/dpa
Nagelsmann, vertraglich bis zur EM 2028 gebunden, schätzt mittlerweile das bedeutendste Traineramt im deutschen Fußball. Die tägliche Präsenz als Vereinstrainer hat er gegen die größtmögliche öffentliche Plattform eingetauscht. Ein kleiner Fauxpas in Winston-Salem, bei dem ihm nach der Fotoaufnahme der Ball auf den Kopf fiel, soll jedoch nicht zu einem symbolischen Bild für die WM werden. (dpa/red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.