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NRW-Innenminister nimmt Vereine in die Pflicht„Wer zündelt, ist kein Fan, sondern ein Straftäter“

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1. FC Köln vs. Bayern München, 17. Spieltag, 14.01.2026, 20.30 Uhr, Pyroshow auf der Südtribüne (1. FC Köln), Bild: Herbert Bucco

Schön, aber aus Sicht des NRW-Innenministers gefährlich: die Pyroshow der Ultras auf der Südtribüne des 1. FC Köln beim Spiel gegen Bayern München im Januar. Foto: Herbert Bucco

NRW bezieht jetzt auch die Drittligavereine in die Stadionallianzen für mehr Sicherheit ein und fordert mehr Einlasskontrollen

Herbert Reul versucht es im Guten. Und wagt gleichzeitig einen Spagat. Der Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen weiß nur zu genau, dass 450.000 Arbeitsstunden der Polizei im Zusammenhang mit Fußballspielen im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen auf Dauer nur nicht zu rechtfertigen sind.

Dass Hochrisikospiele wie die Bundesliga-Derbys des 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach oder Borussia Dortmund gegen Schalke 04 ohne den Einsatz von Polizei-Hundertschaften nicht durchführbar sind, damit will sich Herbert Reul nicht einfach so abfinden.

NRW-Polizei leistete 450.000 Arbeitsstunden nur für den Fußball

350 Polizistinnen und Polizisten, die rein rechnerisch ausschließlich damit beschäftigt sind, die Sicherheit rund um die Stadien zu gewährleisten, zu verhindern, dass Fangruppen aneinandergeraten, dass Hubschrauber bei Hochrisikospielen eingesetzt und Fanmärsche überwacht werden müssen? Das alles soll jetzt ein Ende haben. Ohne gleich die große Keule auszupacken, hofft Reul.

Die hätte der CDU-Politiker rein theoretisch in der Hand, seit das Bundesverfassungsgericht im Januar 2025 entschieden hat, dass Vereine bei Hochrisikospielen durchaus an den Kosten für Polizeieinsätze beteiligt werden dürfen.

1. FC Köln vs. 1. FC Heidenheim, 33. Spieltag, 10-05.2026, 17.30 Uhr, links: Innenminister NRW Herbert Reul, Bild: Herbert Bucco

Schluss mit der Pyrotechnik: Innenminister Herbert Reul beim letzten Heimspiel des 1. FC Köln gegen Heidenhem im Rhein-Energie-Stadion.  Bild: Herbert Bucco

Damals hatten die Richter eine Verfassungsbeschwerde der Deutschen Fußball Liga (DFL) um die Beteiligung der Dachorganisation der Bundesliga an den Kosten für den Polizeieinsatz beim Bundesligaspiel zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV abgewiesen, für die der Stadtstaat Bremen der DFL insgesamt zwei Millionen Euro in Rechnung gestellt hatte.

Reul zeigte sich von dem Urteil wenig überrascht. Es stelle nun klar, dass es erlaubt sei, Geld bei den großen Vereinen zu kassieren. „Ich bin persönlich nach wie vor der Meinung, wir sollten es nicht tun. Allerdings wird das nur zu halten sein, wenn auch die großen Fußballklubs endlich dafür sorgen, dass in ihren Stadien Ruhe und Ordnung herrscht. Und das läuft nicht zufriedenstellend“, sagte er.

Fehlverhalten in den Stadien könnten nur die Vereine lösen. Aber: „Für mich ist klar: Nach diesem Urteil könnten wir bei Hochrisikospielen die Vereine zur Kasse bitten. Und wenn sie das nicht wollen, müssen sie liefern und mehr Maßnahmen ergreifen als bisher.“

Die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort, als einige hundert Fans des 1. FC Köln das Relegationsspiel gegen Holstein Kiel 0:1 auf den Jahnwiesen in unmittelbarer Nähe zum Rhein-Energie-Stadion verfolgen und den Bus der Mannschaft mit Rauchbomben begrüßen. Trotz der Heimniederlage des 1. FC Köln kommt es zu keinen Ausschreitungen. Es ist seit langem in der Diskussion, für die Kosten für Polizeieinsätze in der Bundesliga stärker die Vereine zur Kasse zu bitten. Köln, 26.05.2021 *** The police are on the scene with a large contingent as several hundred fans of 1 FC Cologne watch the relegation match against Holstein Kiel 0 1 on the Jahnwiesen in the immediate vicinity of the Rhein Energie Stadium and greet the teams bus with smoke bombs Despite the home defeat of 1 FC Cologne, there are no riots There has long been talk of making the clubs pay more for the costs of police operations in the Bundesliga Cologne, 26 05 2021 Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage

Ein Großaufgebot der Polizei auf der Jahnwiese bei einem Heimspiel des 1. FC Köln. Foto: imago/future image

Dieser Lieferkatalog liegt seit gestern auf dem Tisch. Ob er eine Wirkung entfalten wird, ist fraglich. Schließlich schreibt das Innenministerium selbst, dass die neue „Kooperationsvereinbarung zu den Stadionallianzen“ zwischen den 16 Vereinen der ersten, zweiten und dritten Liga und der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin kein neues Papier ist, sondern „ein bewährtes Modell der Zusammenarbeit weiterentwickelt“.

Ein „bewährtes Modell“, das bisher weder Pyrotechnik aus den Stadien verbannen noch Gewaltausbrüche verhindern konnte.

Bundespolizei spricht von einem „bewährten Modell“

Das belegen die Zahlen der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze (ZIS). In ihrem Jahresbericht haben die Polizeianalytiker für die Saison 2024/2025 Straftaten aus bundesweit 1170 Spielen der ersten, zweiten und dritten Bundesliga sowie weitere 1513 Partien in den fünf Regionalligen herausgefiltert. Demnach wurden während des Ligaspielbetriebs der ersten drei Ligen insgesamt 1107 Menschen verletzt, darunter 160 Polizisten und 89 Ordner. In der Saison zuvor waren es noch 1338 Personen. Weiterhin verzeichnet die ZIS mit 624 Personen eine „hohe Anzahl verletzter Unbeteiligter“.

Die Polizeibehörden leiteten in der vergangenen Saison 5197 (Vorjahr: 6678) Strafverfahren im Zusammenhang mit Fußballspielen ein. „Bei knapp der Hälfte der Strafverfahren handelt es sich um anlasstypische Straftaten wie Körperverletzung, Widerstand, Landfriedensbruch oder Sachbeschädigung.“

21.03.2026: Im Vorfeld des Bundesligaspiels 1. FC Köln - Mönchengladbach kommen die Fans aus Mönchengladbach am Ehrenfelder Bahnhof an. Die Polizei erwartet bis zu 500 gewaltbereite Störer aus beiden Lagern und eskortiert die Fangruppe. Foto: Martina Goyert

Polizisten empfangen am Ehrenfelder Bahnhof Fans aus Mönchengladbach vor dem Spiel beim 1. FC Köln im März und eskortieren sie zum Stadion. Foto: Martina Goyert

Zugleich stieg die Zahl der gewaltbereiten Fans in den 53 Vereinen der ersten drei Ligen sowie der Regionalligaklubs um 280 auf zirka 18.000 Personen. Mehr als jeder Vierte kommt aus Nordrhein-Westfalen.

Bundesweit verdoppelten sich die Pyrotechnik-Verstöße in der abgelaufenen Saison auf 4783 Fälle. „Im Berichtszeitraum wurden 95 Personen erfasst, die durch den missbräuchlichen Einsatz von Pyrotechnik verletzt wurden. Auch gänzlich Unbeteiligte wurden dabei zu Opfern“, stellt der Leiter der ZIS, Polizeidirektor Michael Madre, fest. Nach Angaben des DFB waren im August 2025 bundesweit allerdings nur 600 Stadionverbote ausgesprochen worden.

Doch was ist jetzt neu an der Kooperationsvereinbarung? Dass die NRW-Vereine der dritten Liga, darunter auch Viktoria und Fortuna Köln, jetzt unter das Stadionallianz-Dach schlüpfen, wertet sie erheblich auf. Zumal sie wegen ihrer geringen finanziellen Mittel häufig große Schwierigkeiten haben, die hohen Sicherheitsauflagen zu erfüllen. Die NRW-Sicherheitsliga kennt keinen Klassenunterschied.

Drittligisten neu in der Stadionallianz

„Ich freue mich darauf, dass wir Teil dieser Stadionallianzen werden. Viele dieser Klubs verfügen über eine große Tradition, eine starke Fanbasis und stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie die Profivereine in höheren Ligen“, sagt Michael Preetz, Geschäftsführer des MSV Duisburg. „Wir werden es nur gemeinsam schaffen, ein gemeinsames Stadionerlebnis zu garantieren.“ In Duisburg sei das schon jetzt zu 99,9 Prozent gut und positiv, „ein reibungsloser Ablauf gewährleistet“.

Das kann man vom 1. FC Köln so nicht behaupten. Allein das Abbrennen von Pyrotechnik beim Bundesliga-Heimspiel im Januar gegen den FC Bayern München im Januar kostete den Klub 220.000 Euro.

Wir reichen den Fans die Hand und appellieren an ihre Eigenverantwortung 
Herbert Reul (CDU), NRW-Innenminister

NRW-Innenminister Herbert Reul erwartet, dass das Thema Pyrotechnik bei allen NRW-Vereinen in der neuen Saison ein Ende findet. Das Sicherheitspersonal müsse so qualifiziert werden, dass die Fackeln gar nicht erst ins Stadion gelangen. Deshalb hat man die Beauftragten für Sicherheit und die Fans mit ins Boot geholt. „Sie sind das Rückgrat. Die Fanbeauftragten kennen ihre Leute. Gewalt in und ums Stadion kann man nicht wegmoderieren. Wir reichen den Fans die Hand und appellieren an ihre Eigenverantwortung. Wer zündelt, ist kein Fan, sondern ein Straftäter.“ Davon muss der Fanbeauftragte jetzt die Ultras nur noch überzeugen.

Mehr Sicherheit in und um die Stadien mit weniger Polizeieinsatz? Wie soll das gehen? „Zu 100 Prozent wird das niemals funktionieren“, sagt Reul. Neben verbesserten Einlasskontrollen sollen bekannte Störer künftig konsequenter mit Stadionverboten belegt werden. Auch vorbeugende Polizeimaßnahmen wie Platzverweise, Meldeauflagen und Betretungsverbote für bestimmte Bereiche seien „wichtige Instrumente“.

Wenn das alles nichts hilft, dürfte die Diskussion um personalisierte Tickets, Ausweiskontrollen, Gesichtserkennung durch KI-Überwachung und ein konsequentes Durchsetzen des Pyrotechnik-Verbots wieder aufkommen.

Im April 2025 standen diese härteren Stadionkontrollen schon auf der Tagesordnung der Innenministerkonferenz in Bremen – und wurden nach Protesten in den Fankurven wieder gestrichen. Damals sprach die Polizei von einer „Rolle rückwärts“.

In Düsseldorf lobte Nicolai Marchlewski von der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin die Fortschreibung der Stadionallianzen in NRW als eine „Verfahrensweise, die sich bereits seit vielen Jahren in der Praxis bewährt und immer weiterentwickelt wurde. Deshalb freuen wir uns nun auch Teil der Stadionallianzen in NRW zu sein“. Na dann kann der Ball ja wieder rollen.