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Interview

Fortuna Köln
„Ein Aufstieg bleibt für immer“

6 min
Thomas KRAUS (FK) bejubelt sein Tor zum 1:0 Fussball Regionalliga Relegation, Hinspiel, Fortuna Koeln - FC Bayern Muenchen II 1:0, am 28.05.2014 in Koeln/Deutschland.

Thomas Kraus FK cheered be goal to 1 0 Football third division Relegation Leg Fortuna Cologne FC Bavaria Munich II 1 0 at 28 05 2014 in Cologne Germany

28. Mai 2014: Thomas Kraus feiert den 1:0-Siegtreffer Fortuna Köln im Relegations-Hinspiel gegen die Bayern.

Thomas Kraus, eine der „Südstadt-Legenden“ von 2014, spricht über die anstehende Drittliga-Rückkehr der Fortuna.

Herr Kraus, Fortuna Köln steht unmittelbar vor der Rückkehr in die Dritte Liga. Wie bewerten Sie die Leistung Ihres Ex-Vereins?

Erst einmal glaube ich, dass die Tage bis zum tatsächlichen Aufstieg einfach schön sind, die Vorfreude und alles drumherum. Grundlage dafür war meiner Meinung nach die Erkenntnis, dass diese Saison für einen Aufstieg wie gemacht war. Und so hat man den Kader im letzten Sommer aufgestellt. Jede Position ist nahezu gleichwertig doppelt besetzt. Wenn man überlegt, dass Fortunas wahrscheinlich bester Spieler, Suheyel Najar, fast die gesamte Saison ausgefallen ist und man trotzdem solche Leistungen bringt, dann spricht das einerseits für eine brutale Geschlossenheit der Mannschaft und andererseits für eine brutale Kaderqualität. Man hat in der Breite so viele potenzielle Stammspieler wie noch nie.

Die Saison war perfekt geeignet, weil es keine Über-Mannschaften wie Essen, Duisburg, Aachen oder Münster gab.

Ja, da muss man nicht drum herumreden und es ist ja auch nicht scheinheilig, in einem solchen Moment als Verein zu sagen: Jetzt legen wir nochmal eine Schippe drauf, jetzt geben wir noch ein bisschen mehr Geld aus. Aber es ist nicht nur eine Frage des Geldes. Das muss alles Sinn ergeben, das muss in der Kabine passen, du musst die richtigen Leute holen, auf dem Platz und daneben. Wenn man die Saison verfolgt und sieht, wie stabil Fortuna oben war, dann ist das am Ende ein völlig verdienter Aufstieg, der – was ja gar nicht zu Fortuna passt – frühzeitig kommt.

Ähnelt die aktuelle Kader-Zusammenstellung der Ihrer Aufstiegsmannschaft von 2014?

Wenn ich von außen draufschaue, dann hat man es gut gemacht, dass man Leute geholt hat, die schon viel erlebt haben. Wenn ich jetzt an Hamadi Al-Ghaddioui denke, der hat alles erlebt und wird nicht nervös, wenn mal ein Rückstand da ist. Wenn ein Spiel verloren wird, weiß er, wie du damit umgehen solltest. Trotzdem haben sie auch viele Junge drin, die sich gut entwickelt haben. Ich glaube, dass bei uns vielleicht der Unterschied war, dass die Spieler, die diese Mannschaft getragen haben, über Jahre in dieser Liga gespielt haben. Und dass man jetzt auch Spieler geholt hat, für die diese Liga neu war – und trotzdem ist die Mischung perfekt, weil man eben Leute hatte, die die Umstände bei Fortuna und in der Liga kennen.

Wie oft denken Sie noch an die Relegation von 2014 gegen die Bayern? Mit Ihrem Siegtor im Hinspiel und dem dramatischen Aufstieg von München durch das späte Tor von Oliver Laux?

Es kommt immer wieder zum Jahrestag hoch. Dann schickt einem jemand, der dabei war, etwas, oder man sieht es im Internet. Ich glaube, das ist das Schöne am Fußball, dass man in diesen Erinnerungen schwelgen kann. Ein Aufstieg bleibt einfach für immer. Aber es wäre den aktuellen Fortuna-Spielern nicht gerecht gegenüber, die Aufstiege zu vergleichen. Die Mannschaft kann nichts dafür, dass die anderen Vereine nicht mehr in dieser Liga spielen oder dass die Fortuna 2019 abgestiegen ist. Und die Ausgangslage von damals. Zwei Teams, die in ihren Ligen jeweils 80 Punkte geholt haben, müssen in einer komplett wahnsinnigen Relegation antreten. Und bei uns war es so, dass bis zu dem Moment, als der Ball von Oliver Laux über die Linie gegangen war, 90 Prozent der Spieler arbeitslos waren. Zuzüglich Trainer. Und ich glaube, unter diesem Druck diese Geschichte zu schreiben – das macht es zu einem Alleinstellungsmerkmal. Für mich war das am Ende, ehrlich gesagt, eher eine Erleichterung als pure Freude.

Sie wurden damals zu „Südstadt-Legenden“. Was hat das Team ausgezeichnet?

Wir hatten viele Persönlichkeiten in der Kabine. Sei es ein Andre Poggenborg, sei es ein Daniel Flottmann –, die wahnsinnig fokussiert sind, aber auch unbequem sein können. So sind wir auch in die Spiele gegangen, haben in den ersten fünf Minuten zwei Mann aus den Latschen gehauen. Dann war der Gegner erstmal perplex und wir gewinnen das Spiel. Wir haben eine Haltung und eine Kultur entwickelt. Das war in der Regel kein Champagnerfußball. Aber die Leute wissen: Wir haben bis zum Schluss geackert und wollten bis zur letzten Sekunde gewinnen. Was uns ja letztlich auch gerettet hat. Jetzt drücke ich der aktuellen Truppe einfach die Daumen, dass sie es am Wochenende ins Ziel bringt. Und dann soll die Insel (Mallorca, d. Red.) wackeln.


Zur Person: Thomas Kraus (39), geboren in Bamberg, absolvierte in der Regionalliga und Dritten Liga 119 Pflichtspiele für Fortuna Köln und 120 Einsätze für die Reserve des 1. FC Köln. Von Juli bis Ende November 2023 war Kraus Co-Trainer der Fortuna, ehe er als Assistent von Robert Klauß den österreichischen Spitzenklub Rapid Wien übernahm. (ckr)


Wie ist damals aus der Regionalliga- eine Drittliga-Mannschaft geworden?

Der Sprung von der Regionalliga in die Dritte Liga ist einfach brutal. Damals hat der Verein die richtige Entscheidung getroffen, als er den Spielern, die für den Aufstieg gesorgt hatten, auch die Möglichkeit gegeben hat, sich in der neuen Liga zu beweisen. Das hält zusammen in den schwierigen Phasen, die wir gerade zu Beginn hatten. Nichtsdestotrotz musst du die Mannschaft natürlich punktuell verstärken. Ich bin ein großer Fan davon, wenn du sagst: Diese Mannschaft hat sich die ganze Saison oben gehalten, die hat sich das verdient – diese homogene Truppe. Dass du dann lieber weniger Spieler holst, in jedem Mannschaftsteil vielleicht einen, der die Mannschaft aber wirklich verbessert. Und ich glaube, wenn diese Spieler charakterlich sehr gut gescoutet sind – was ich bei Fortuna nicht bezweifle –, dann hast du eine gute Chance, die Klasse zu halten.

Hätten Sie nach dem Drittliga-Abstieg 2019, dem Abschied von Investor Michael Schwetje und dem kompletten Neustart gedacht, dass sich die Fortuna wieder erholen kann?

Mir war immer klar, wie viele Leute an Fortuna Köln hängen und was der Klub für eine Bedeutung hat. Wenn der Verein sich so strukturiert und kluge Entscheidungen trifft – wie Niklas Müller zum Geschäftsführer zu berufen, dann ist die Entwicklung kein Zufall. Es sind Leute am Werk, die einerseits Fan der Fortuna sind, andererseits auch viel Sachverstand mitbringen. Die Charaktere passen gut zueinander, offensichtlich im Team, aber auch auf der Geschäftsstelle. Von Hanns-Jörg Westendorf als Präsident, über Niklas Müller als Geschäftsführer und Gereon Schultze als Geschäftsstellenleiter bis hin zu Costa am Grill. Man spürt, was die Fortuna den Menschen bedeutet.

SOCCER - BL, Rapid, training VIENNA,AUSTRIA,21.NOV.23 - SOCCER - ADMIRAL Bundesliga, SK Rapid Wien, training. Image shows assistant coach Thomas Kraus Rapid. PUBLICATIONxNOTxINxAUTxSUIxSWE GEPAxpictures/xArminxRauthner

Thomas Kraus als Co-Trainer von Rapid Wien

Künftig werden Fortuna und Viktoria voraussichtlich wieder in einer Liga spielen. Ist die Fortuna dann wieder die Nummer zwei der Stadt?

Zunächst muss man der Viktoria Respekt zollen, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Früher ging es nur über teure und namhafte Spieler, jetzt liegt der Fokus total auf dem Nachwuchs. Dazu noch mit Marian Wilhelm ein junger Trainer, der den jungen Spielern das Vertrauen schenkt und dominanten Fußball spielen lässt. Das ist beeindruckend, das hätte man vor zehn Jahren nicht erwartet. Auch wenn man sieht, welche Ex-Viktoria-Spieler es inzwischen in höhere Ligen geschafft haben. Das haben sie sich mit ihrem NLZ erarbeitet. Das ist natürlich ein großer Vorteil der Fortuna gegenüber. Und ich glaube nicht, dass irgendein Drittligist gerne nach Höhenberg fährt und gegen die Viktoria spielt. Das ist das größte Kompliment, das ich als Ex-Fortuna geben kann. Für die Fortuna ist es wichtig, sich nicht von ihrem Weg abbringen zu lassen. Es wird schwierige Phasen geben, in denen du Spiele verlierst, das muss einkalkuliert werden. Und zurück zur Frage: Für mich persönlich ist die Fortuna immer der größere Verein als Viktoria gewesen (lacht). Aber da bin ich wahrscheinlich kein objektiver Ansprechpartner.

Sie waren zuletzt als Assistent von Robert Klauß bei Rapid Wien. Wie sieht Ihre Zukunftsplanung aus?

Ich absolviere noch bis Ende November meine A-Lizenz. Parallel spiele ich in meiner Heimat für den SC Reichmannsdorf in der Kreisliga A. Für die neue Saison hoffe ich, dass sich für Robert und mich wieder etwas ergibt. Anfragen gab es schon einige, Robert wartet auf die richtige Gelegenheit. Da brenne ich drauf.