Mit der Goldmedaille bei den World Games beendet eine der besten Kanupolospielerinnen der Welt ihre Karriere – und steht in Köln als Sportlerin des Jahres zur Wahl.
Kölner WeltmeisterinWarum Kanupolo-Ass Leonie Wagner froh ist, nicht in einer olympischen Sportart gelandet zu sein

Zwei Jahre lang war Leonie Wagner Spielertrainerin, feierte währenddessen unter anderem ihren zweiten World-Games-Sieg. Jetzt konzentriert sie sich auf ihre Rolle als Chefcoach.
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„Es ist schon kalt“, sagt Leonie Wagner, während sie ihre Badelatschen auf dem Steg am Liblarer See abstreift und in ihr Kajak steigt. Weiße Atemwölkchen steigen in die Luft, das Pusten in die Hände helfe nur bedingt – stattdessen sorgen die Paddelhandschuhe dafür, dass ihre Finger in der anstehenden Trainingseinheit nicht abfrieren.
Es ist eine der letzten Stunden auf dem Wasser, in denen die Kölnerin ihre deutschlandfarbene Schwimmweste mit der weiß aufgedruckten Nummer Sieben tragen kann. Wagners Tage in der Nationalmannschaft sind gezählt. Mit 28 Jahren beendet sie, eine der weltbesten Kanupolospielerinnen der Welt, ihre internationale Karriere. Nicht, weil sie genug von Kanupolo hat, sondern weil sie sich auf ihre Trainerrolle konzentrieren will. Bereits seit 2024 ist Wagner hauptamtlich als Chefcoach der Polosektion beim Deutschen Kanu-Verband angestellt. Und mit der Doppelfunktion ist nun Schluss.
Leonie Wagner ist bei der Kölschen SportNacht in der Kategorie Sportlerin des Jahres nominiert
Endlich habe Wagner, für die das Wort Multisporttalent wohl erfunden wurde, Zeit für andere Sachen: Klettern und Sportakrobatik zum Beispiel oder ein simpler Sommerurlaub – Dinge, die in den vergangenen Jahren, als alles auf Kanupolo ausgerichtet war, meist zu kurz kamen. Auch, wenn ein gewisser Druck von den Schultern der jungen Frau fällt, die Sache mit der Schwimmweste, „die trifft mich jetzt irgendwie schon“, sagt Wagner.
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Doch die Entscheidung steht: „13 Jahre im A-Kader sind genug“. Noch dazu hat sie alles gewonnen, was man im Kanupolo gewinnen kann. Ein Auszug: Wagner ist viermalige Europameisterin, dreifache Weltmeisterin und Doppel-World-Games-Siegerin. Den Titel beim alle vier Jahre stattfindenden Multisportevent der nicht-olympischen Sportarten holte sie zuletzt im vergangenen Sommer im chinesischen Chengdu. Für diese letzte Goldmedaille ist sie bei der Kölschen SportNacht als „Sportlerin des Jahres“ nominiert.

Jahrelang trainierte Leonie Wagner im Verein der Wassersportfreunde Liblar auf dem gleichnamigen See in Erfstadt.
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„Es war die krasseste Veranstaltung, die ich je miterlebt habe“, erzählt Wagner über die Zeit in China. Das lag nicht nur am goldenen Endergebnis und dem 4:0-Finalsieg gegen Weltmeister Neuseeland. Für Wagner war es bereits die dritte World-Games-Teilnahme. „Die Chinesen haben das alles nochmal viel professioneller aufgefahren. Man hatte wirklich das Feeling von Olympischen Spielen.“ Mit Athletendorf, Shuttle, abgesperrten Straßen, riesigen Hallen – nur in etwas kleinerem Stil. „Es war ein toller Abschluss, es hat einfach alles gepasst.“
Neid oder Wehmut gegenüber den prestigeträchtigen und weitaus populäreren Olympischen Spielen scheint es bei Leonie Wagner nicht zu geben. Sie sehe die World Games nicht als B-Veranstaltung an. „Es ist einfach etwas anderes.“ Alles sei etwas entspannter. „Weniger Kommerz“, fasst sie zusammen. „Da stehen die Athleten noch mehr im Vordergrund.“
Viermal EM-Gold, dreimal WM-Gold, zweimal World-Games-Siegerin
Gleichzeitig sind die Sportler in einer Randsportart wie Kanupolo aber auch mehr auf sich selbst gestellt, zum Beispiel, was die finanzielle Unterstützung angeht. Etwa 2000 Euro im Jahr zahlen die Kaderathletinnen und -athleten drauf, die Förderung des Bundes sei gering. Bei Trainingslagern oder Bundesligaspieltagen übernachtet man häufig im Zelt.
Rund 10.000 Aktive spielen in Deutschland Kanupolo, eine Sportart, die Handball, Basketball und Rugby in Kajaks auf dem Wasser vereint. Gespielt wird Fünf gegen Fünf auf Tore, die in zwei Meter Höhe in der Luft hängen. Auf internationalem Niveau gehören die Deutschen zu den Top-Mannschaften, genauso wie die europäischen Nachbarn aus Frankreich oder Italien. National ist Nordrhein-Westfalen eine Hochburg. Duisburg, Essen aber eben auch die Wassersportfreunde aus Liblar landen in der Bundesliga regelmäßig auf den vordersten Plätzen.
Und Leonie Wagner hatte das Glück, nach ihrem Umzug nach Köln vor mehr als zehn Jahren dort, in Erfstadt, ihre Trainingsstätte gefunden zu haben. Ursprünglich stammt sie aus Coburg. Das Studium an der Deutschen Sporthochschule – ihren Master machte sie im Fach „Leistung, Training und Coaching im Spitzensport“ – zog sie ins Rheinland. Und der Verein am Liblarer See nahm sie auf, obwohl sie weiterhin für den PSC Coburg startete. Schnell erarbeitete sie sich den Platz im Männertraining. Rund neun Einheiten stemmte sie wöchentlich neben der Uni: Kraft und Athletik meist in Köln, für Polo pendelte sie rund viermal pro Woche von der Südstadt Richtung Ville-Seenplatte.
Auf dem Liblarer See zieht sie auch jetzt, an einem kalten Januarvormittag, ihre Bahnen, paddelt von einer Uferseite zur anderen, übt Wenden und ein paar Torwürfe. Ihre Wangen sind rot, das Gesicht mit Wasserspritzern bedeckt, die Finger taub. Nach 25 Minuten reicht es – sie muss ja schließlich nicht mehr. Selbst Kanupolo zu spielen ist jetzt nur noch ihr Hobby. Sie liebe das Wasser und die Natur. „Dir geht's danach auch seelisch einfach besser.“ Vor allem aber liebe sie das Umfeld. Deshalb habe sie sich auch als Kind, als sie die Wahl hatte zwischen Kanupolo und Sportakrobatik, für das Kajak entschieden.
„Mich haben die Menschen begeistert. Es ist super sozial, wie eine Familie, die man immer wieder trifft und mit denen man gemeinsam zockt.“ Ihre akrobatische Begabung sei vielleicht sogar größer gewesen als die fürs Paddeln. Doch: „Einen Sport nur vom Talent abhängig zu machen, geht nach hinten los“, sagt Wagner, die ohnehin mehr im Moment zu leben scheint.
Ich glaube, mit Spaß kommt man am leichtesten zum Erfolg. Es muss vom Herzen kommen
„Ich glaube, mit Spaß kommt man am leichtesten zum Erfolg. Es muss vom Herzen kommen“ – wie bei ihr und dem Kanupolo. Zwischenzeitlich sei ihr diese Leidenschaft auch mal abhanden gekommen. „Da ging es zu viel um Erfolg. Das Gefühl stimmte nicht, alles wurde zur Pflicht" – eine Abwärtsspirale. Auch ein Bandscheibenvorfall samt Lähmung des Arms hatte sie 2023 zurückgeworfen. Aus dem mentalen, genauso wie dem körperlichen Loch kämpfte sich Wagner zurück, stellte ihr Training um, änderte ihre Einstellung. „Gewinnen und perfekt spielen war nicht mehr Priorität.“
Die Leichtigkeit sei zurückgekommen. In den folgenden zwei Jahren habe sie besser gespielt als je zuvor und die Pokalsammlung erweitert. Doch die Einschnitte, die waren auch ein Weckruf. „Ich will meinen Körper schützen und den noch lange haben.“ Ein Leben lang Sport zu machen, in Bewegung sein zu können, sei ihr wichtiger als die Medaillen. „Vielleicht hat mir der Körper unterbewusst das Signal gegeben, dass es reicht.“
Die in diesem Jahr anstehende Heim-Weltmeisterschaft in Duisburg wird Leonie Wagner nun vom Ufer aus als Coach beobachten müssen. Eine andere Spielerin wird die Weste mit der Nummer Sieben tragen. Teil der Kanupolofamilie wird die einstige deutsche Leistungsträgerin aber wohl für immer bleiben.


