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Interview

Kölner Schwergewichtler Nelvie Tiafack
„Box-Deutschland lebt. Man braucht nur Helden“

6 min
Boxen: The Homecoming, Schwergewicht, Oberhausen, 10.01.2026 Nelvie Tiafack GER - Piotr Cwik POL *** Boxing The Homecoming, Heavyweight, Oberhausen, 10 01 2026 Nelvie Tiafack GER Piotr Cwik POL

Nelvie Tiafack (l.) bei seinem jüngsten Sieg gegen den Polen Piotr Cwik

Der Bronzemedaillen-Gewinner von Paris über seinen WM-Traum und seine Zusammenarbeit mit US-Superstar Jake Paul.

Herr Tiafack, Sie haben kürzlich in Oberhausen vor über 13.000 Zuschauern geboxt und auch ihren dritten Kampf als Profi souverän gewonnen. Was war es für ein Gefühl, vor so einer Kulisse in Deutschland zu kämpfen?

Das war schon unbeschreiblich, die Fans haben ordentlich Gas gegeben, auch bei mir. Obwohl die meisten mich vermutlich gar nicht kannten und nur wegen Agit Kabayel da waren. Aber der Support war super. Als Agit dann kam, war Feierabend. So eine Stimmung, das muss ich ganz klar sagen, habe ich noch nie erlebt. Das war wie im Fußballstadion, unbeschreiblich. Box-Deutschland lebt. Man braucht nur Helden.

Bekommt man von der Stimmung während des Kampfes etwas mit? Oder ist man da komplett im Tunnel?

Ich bin voll auf meinen Gegner fokussiert, aber natürlich bekommt man etwas mit. Gerade in den Rundenpausen – von denen hatte ich ja nur eine (lacht). Aber der Einlauf ist natürlich mega, gerade bei so einer Kulisse.

Haben Sie nach Ihren drei Siegen in den drei Kämpfen das Gefühl, dass Sie richtig im Profi-Bereich angekommen sind?

Absolut, das Gefühl hatte ich aber schon gleich bei meinem ersten Kampf.

Wie drückt sich dieses Gefühl aus?

Einfach mit einer Vorfreude. Schon auf das ganze Drumherum. Ich sehe es als Entertainment. Außerhalb des Rings und darin. Der Ring ist für mich wie eine Bühne, man fühlt sich wie ein Rockstar.

Agit Kabayel gilt derzeit als größte deutsche Box-Hoffnung. Er möchte gegen Oleksandr Usyk um einen WM-Titel in den Ring steigen. Hat er das Zeug dazu, ein Champion zu sein?

Absolut, absolut. Das hat er schon vor drei Kämpfen bewiesen. Und diesen Kampf hat er sich mehr als verdient – schon vor dem Event in Oberhausen jetzt. Allein aufgrund seines Worldrankings ist er an der Reihe. Wenn Usyk den Kampf nicht annimmt, dann sollte er wenigstens seine Gürtel vakantieren.

Haben Sie das Gefühl, dass Usyk sich drückt?

Nein, nein, nein. Es kann sein, dass er nicht kämpfen möchte. Aber Usyk hat gegen jeden geboxt, er hat jeden geschlagen. Er muss niemandem mehr etwas beweisen, Angst hat er auf keinen Fall. Für ihn geht es darum, Geld zu verdienen, das kann ich verstehen. Das könnte er mit einem Fight gegen Deontay Wilder. Aber dann soll er doch bitte seine Gürtel niederlegen.

Wie weit sehen Sie sich noch von Kabayel entfernt? Im Ring und außerhalb?

Das ist schwer zu sagen. Wir sind gerade in zwei unterschiedlichen Karrierephasen. Agit ist schon fast ganz oben angekommen, ich habe gerade erst angefangen. Darum möchte ich mich gar nicht mit ihm vergleichen. Aber wo er jetzt ist, möchte ich unbedingt hin.

Den Weg, den Kabayel gegangen ist, möchten Sie auch nehmen.

Zu 100 Prozent. Sonst würde ich gar nicht in den Ring steigen. Ich habe bei den Amateuren und beim olympischen Boxen bewiesen, dass ich zu den besten der Welt gehöre. Das möchte ich jetzt auch bei den Profis machen. Und das Beste bei den Profis ist es, Weltmeister zu werden.

Bislang waren Sie bei den Profis jedem Gegner klar überlegen. Wie sehen die nächsten Schritte aus? Wann kommen größere Herausforderungen?

Der nächste Kampf wird Ende März oder Anfang April stattfinden, so viel kann ich verraten. Und die Gegner sollen von Mal zu Mal stärker werden. Ich möchte nicht ewig gegen Aufbaugegner antreten. Wenn ich zehn oder 15 Kämpfe absolviert habe, möchte ich schon relativ hoch gerankt sein. Alles andere ist nicht mein Ziel und auch nicht mein Niveau.

Boxen: The Homecoming, Schwergewicht, Oberhausen, 10.01.2026 Nelvie Tiafack GER - Piotr Cwik POL *** Boxing The Homecoming, Heavyweight, Oberhausen, 10 01 2026 Nelvie Tiafack GER Piotr Cwik POL

Nelvie Tiafack (r.) will sich Stück für Stück nach oben boxen.

Vor einiger Zeit haben Sie sich kritisch über den Zustand des deutschen Boxens geäußert. Haben die letzten Wochen Ihre Meinung geändert?

Dass der deutsche Markt da ist, war mir schon immer klar. Aber sie kriegen hier nichts zu sehen. Talent haben wir mehr als genug. Aber wir bekommen einfach nicht die Reichweite. Aber aktuell werden die Hallen nur voll, wenn Agit kämpft, er hat über 700.000 Follower. Die Kämpfer sind letztlich die, die Tickets verkaufen. Aber wenn unsere Kämpfe nicht bei RTL oder im ZDF laufen, wird es schwer. Als Boxer können wir nur sportlich überzeugen und unsere Persönlichkeit präsentieren.

Sie stehen bei „Most Valuable Promotions“ unter Vertrag, die unter anderem von Jake Paul, einem US-Internetstar und -Boxer, gegründet wurde. Wie ist der Kontakt zu MVP entstanden?

Zunächst ist MVP natürlich nicht nur Jake Paul. Da stecken viele Box-Experten dahinter. Einer der Scouts hatte mich 2022 bei einem internationalen Turnier in den USA gesehen, das ich gewonnen habe. Wir hatten damals schon Kontakt. Als ich dann Profi geworden bin, ist er nochmal auf mich zugekommen.

Sie haben gesagt, dass für Sie beim Boxen mehr denn je der Entertainment-Faktor in den Fokus gerückt ist. Das passt gut zu Jake Paul. Was bedeutet er für den Boxsport?

Er ist das absolute Zugpferd. WM-Kämpfe hin oder her. Nirgends gibt es so viel Geld, wie bei einem Fight von Jake Paul. Er nimmt den Boxsport verdammt ernst, tut richtig viel dafür, auch für das Frauen-Boxen. Er hat fast alle Weltmeisterinnen unter Vertrag. Er sorgt dafür, dass sie gut bezahlt werden und eine riesige Bühne bekommen. Bei Youtube hat er über 20 Millionen Follower und bringt somit auch die Jugend dazu, sich sportlich zu betätigen. Also wer das nicht als Gewinn sieht, bei dem stimmt was nicht.


Auch in diesem Jahr ist der „Kölner Stadt-Anzeiger“ exklusiver Medienpartner der Kölschen SportNacht. Auf der Gala am 21. März in der Kölner Flora werden Kölns Sportler, Sportlerin und Team des Jahres ausgezeichnet. Geehrt wird zudem „Kölns Nachwuchsportler*in 2025“ – jene Auszeichnung, die auch Boxer Nelvie Tiafack erhalten hat.

Voraussetzung für eine Nominierung ist, dass der Athlet oder die Athletin zwischen 16 und 21 Jahre alt ist (Stichtag 31. Dezember 2025), in Köln lebt, trainiert oder für einen Kölner Verein startet. Kandidaten-Vorschläge können bis zum 22. Februar 2026 eingereicht werden. Den Bewerbungsbogen gibt es unter: www.sportlerwahl.koeln Ein Gremium aus Vertreterinnen und Vertretern des Kölner Sports wählt „Kölns Nachwuchsportler*in 2025“.

Der Gewinner erhält die Hälfte aus allen Einnahmen einer Verlosung auf der Gala am 21. März in der Kölner Flora, um seine sportliche Karriere voranzutreiben. (ckr)


Haben Sie ihn persönlich kennengelernt?

Ja, kurz beim Event in Miami, als er gegen Anthony Joshua gekämpft hat. Jake ist ein super bodenständiger Typ und ein gewiefter Businessmann, verdammt schlau, muss man sagen. Und natürlich ist seine Persönlichkeit komplett anders, als wie er sich im Internet gibt.

Hatten Sie beim Kampf gegen Joshua für einen Augenblick das Gefühl, dass Paul hätte gewinnen können?

Nein (lacht). Jake ist einfach verrückt, das muss man sagen. Und du musst erstmal die Eier haben, gegen einen Heavyweight wie AJ anzutreten, einen Champion, zweimaligen Weltmeister. Dann noch der Gewichtsunterschied, Jake war bei 98 Kilo, AJ bei 110. Boxen ist kein Kindergarten. Das hat man beim doppelten Kieferbruch bei Jake ja gesehen. Das war auch definitiv kein abgekartetes Spiel.

ARCHIV - 19.12.2025, USA, Miami: Der frühere Schwergewichtsweltmeister Anthony Joshua kämpft gegen den Influencer Jake Paul. Anthony Joshua (r) schlägt Jake Paul während eines Boxkampfs im Schwergewicht in Miami, Florida. (zu dpa: «Box-Star Joshua in Unfall mit zwei Toten verwickelt») Foto: Lynne Sladky/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Jake Paul (l.) bei seinem Kampf gegen Anthony Joshua

Sie kommen viel in der Welt rum, Ihr Lebensmittelpunkt ist aber nach wie vor Köln und Bergheim?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe aktuell nicht vor, mich irgendwo anders niederzulassen.

Vor den Olympischen Spielen in Paris haben Sie noch bei Ihrer Mutter gewohnt…

… inzwischen habe ich eine eigene Bude, auch in Bergheim, quasi nebenan.

Zum Essen und Wäsche waschen geht es also einmal über die Straße…

… ja, genau (lacht).

Was bedeutet Ihnen Heimat?

Ruhe, Gelassenheit. Hier bin ich aufgewachsen, von hier aus habe ich meine Ziele verfolgt und erreicht. Zum Boxen geht es in die weite Welt, dann geht es wieder in die Heimat.

Parallel zum Boxen haben Sie einen Autoverleih mit aufgebaut, jetzt ist noch ein Sportmode-Label dazugekommen.

Gerade die Mode hat mich schon lange interessiert, ich bin da in jeden Step involviert. Wenn solche Business-Möglichkeiten kommen, will sich sie auf jeden Fall nutzen.

Glauben Sie, dass Sie das alles auch ohne die olympische Bronzemedaille erreicht hätten?

Nein, das wäre vermutlich sehr schwierig gewesen. Die meisten Promoter wollen heute nur noch fertige Produkte, also Kämpfer, die Tickets verkaufen können. Aber dafür brauchst du erstmal eine Anhängerschaft, die du irgendwie erreichen musst. Das ist am leichtesten über Social Media – und natürlich hilft da auch eine Medaille. Aber wenn du keine Fans hast, die am Ende auch in die Halle kommen, ist es relativ egal, wie gut du im Ring bist. Du musst ein ebenso guter Boxer wie Entertainer sein.

Bei Agit Kabayels „Homecoming“ in Oberhausen waren Sie im Vorprogramm. Wie hört sich Nelvie Tiafacks „Homecoming“ in der Lanxess-Arena an?

Das wäre gigantisch. Das ist mein Traum, der auf jeden Fall wahr werden muss. Und ich konnte mir schon einige Träume erfüllen. Es ist eine legendäre Arena, wo schon viele Legenden aufgetreten sind. Wenn man die voll bekommt, hat man es geschafft.