Der Coach spricht über die Höhenberger Talentschmiede und die Zukunft von Said El Mala.
Trainer Marian Wilhelm„Viktoria Köln ist ein Sprungbrett“

Marian Wilhelm (37) geht in seine zweite Saison als Cheftrainer der Viktoria.
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Herr Wilhelm, Viktoria Köln gelang zuletzt ein 2:1-Sieg im Testspiel gegen den Bundesligisten Elversberg. Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Vorbereitung?
Ich bin auf jeden Fall zufrieden. Und Ergebnisse in der Vorbereitung sind nicht so wichtig. Wir hängen weder das 2:1 gegen Elversberg zu hoch noch das 1:4 gegen Maastricht davor. Natürlich gewinnt man lieber, das liegt in der Natur der Sache. Aber der Prozess steht im Vordergrund. Bislang ging es viel um Trainingssteuerung. Man wusste nicht genau, wo die neuen Jungs mit ihrem Fitnesszustand stehen. Sie mussten sich an eine neue Spielweise und neue Trainingsformen gewöhnen. In den Testspielen haben sie weniger Einsatzzeit bekommen, als sie vielleicht wollten. Sonst hatten die Einheiten noch nicht viel Aussagekraft. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass wir eine coole Gruppe haben – und keine Arschlöcher dabei (lacht). Gleichzeitig sind viele Charaktere dabei, die auch Bescheid sagen, wenn es nicht gut läuft. Die Vorbereitung fängt jetzt erst so richtig an. Wichtig ist, dass wir am 8. August gegen Regensburg bereit sind. Das haben wir voll im Fokus.
Die Viktoria hat in den letzten zwölf Monaten fast ihren gesamten Mannschaftsrat verloren. Hat sich schon eine neue Führungsachse um den derzeit verletzten Kapitän Christoph Greger gebildet?
Das geht natürlich nicht von dem einen auf den anderen Tag. In diese Lücken müssen die Jungs hineinwachsen. Das ist in der letzten Saison zum Beispiel Arne Schulz, David Otto oder Leonhard Münst gelungen. Wir beobachten das: Wie ist die Harmonie in der Gruppe? Welche Spieler sind bereit, diese Lücken zu füllen? Wem trauen wir als Trainerteam das zu? Am Ende besteht die Gefahr, Spieler mit Verantwortung zu überfrachten. Im Training und in Spielen sieht man, wer auch unter Druck in der Lage ist, unsere Werte zu vertreten. In diese Situationen müssen die Jungs gebracht werden. Aber da wird nichts übers Knie gebrochen.
Klub und Team haben sich noch einmal verjüngt. Mit 29 ist Kapitän Greger der älteste Spieler im Kader.
Ich finde es spannend, dass junge Spieler deutlich mehr Verantwortung übernehmen müssen. Das bringt immer Entwicklung mit sich. In anderen Teams müssen vielleicht besonders die 30-Jährigen ran. Bei uns ist es dann der 26-Jährige – oder vielleicht der 23-Jährige. Ich halte das für unglaublich förderlich bei unserem Entwicklungs-Ansatz. Wir können nicht auf besonders viel Erfahrung setzen, dafür wird es mit jugendlichem Elan und einer gewissen Wildheit funktionieren. Das müssen wir fördern, anstatt es zu unterdrücken. Als wir 2019 aufgestiegen sind, hatten wir den ältesten Kader. Jetzt haben wir nach den Reserve-Teams den jüngsten, im Schnitt 23.
Pascal ist noch mal ein Sonderfall, ein älteres Gemüt in einem jungen Körper. Er war schon letzte Saison bei Erzgebirge Aue in einer schwierigen Phase Teil des Mannschaftsrats. Das hat ihn mit Sicherheit geprägt.
Fallmann sagte, dass er sich bei seinem Wechsel zur Viktoria nicht für das Geld entschieden hätte. Was sagt es über den Verein aus, wenn sich Talente wie Fallmann oder Niklas Swider, immerhin deutscher U-19-Nationalspieler, für die Viktoria entscheiden?
Das spricht einfach für uns und unseren Weg, den wir als Verein seit einigen Jahren gehen. So eine Entscheidung gegen das Geld ist dann auch ein gewisser Charaktertest, der für uns wichtig ist. Denn wir haben keine andere Wahl, mehr Geld können wir den Jungs eigentlich kaum bieten. Dass es für die Fans manchmal schwierig ist, wenn Leistungsträger nach einem Jahr den Verein wieder verlassen, kann ich verstehen. Aber die Viktoria ist eben genau das: ein Sprungbrett. Und bei den Erfolgsgeschichten der letzten Jahre – Sidny Cabral, Said El Mala oder Jonah Sticker – werden sich in Zukunft hoffentlich mehr junge Spieler für die Viktoria entscheiden, die sich vor ein paar Jahren einen Wechsel nicht hätten vorstellen können.
Wie schwierig ist die Arbeitsweise für Sie als Trainer? Spieler verpflichten, zu Leistungsträgern entwickeln und dann vielleicht schon nach einem Jahr wieder ziehen lassen.
Die Arbeit mit jungen Spielern hat mir schon immer am Herzen gelegen. Ich bin ein Entwickler. Und am Ende weißt du, wofür du dich hier entschieden hast. Die Zukunft des Vereins steht über allem. Und die hängt auch an diesen Transfers. Wir sind jetzt seit acht Jahren Drittligist, sind inzwischen der Liga-Dino. Ich gehe jetzt in mein 18. Jahr bei der Viktoria. Ich weiß, wie lange und wie intensiv wir darauf hingearbeitet haben, in der Dritten Liga spielen zu dürfen. Darüber sind wir noch immer unfassbar glücklich. Aber das geht nur mit unserem Entwicklungs-Konzept, einem sehr mutigen Ansatz, wie ich finde. Wenn uns einer der Jungs verlässt, habe ich da ein lachendes und ein weinendes Auge. Die Entwicklung der Spieler ist immer ein Zeugnis für unsere Arbeit, andererseits verliert man tolle Menschen.
Wie läuft der Entscheidungsprozess, einen Spieler entweder zu verkaufen oder ihn zu halten und ein Jahr später dann ablösefrei zu verlieren?
Das ist ein Drahtseilakt. Als wir im Winter Dudu und Tyger Lobinger abgegeben haben, haben wir das nur gemacht, weil wir uns sicher waren, dass Arne Schulz und Benjamin Zank diese Lücken füllen können. Aber es gibt natürlich Momente, in denen wir „Nein“ sagen müssen, aus Stabilitätsgründen. Aber solche Diskussionen finden bei uns nicht öffentlich statt.
An der Zielsetzung – möglichst schnell 45 Punkte holen und den Mittelrheinpokal gewinnen – dürfte sich so schnell nichts ändern.
Wir haben in den letzten Jahren vom Tabellenplatz immer deutlich über unserem Budget abgeschnitten. Das wollen wir fortsetzen. Und wenn wir Jahr für Jahr sauber arbeiten und uns Stück für Stück verbessern, werden wir auch in der Tabelle weiter klettern. Aber für uns ist Platz zehn und niemals in Berührung mit den Abstiegsplätzen gewesen zu sein, auf jeden Fall ein Erfolg. Und saisonübergreifend waren wir schon sehr, sehr lange nicht mit in Kontakt mit dem Tabellenkeller.
Said El Mala ist eine Ihrer Erfolgsgeschichten. Halten Sie es für sinnvoll, wenn er noch ein Jahr beim 1. FC Köln bleibt?
Für Said ist es wichtig, dass er in einem System spielt, das zu ihm passt. Und bei einem Verein, bei dem Wert auf die Entwicklung von jungen Spielern gelegt wird – denn Said ist noch immer sehr jung. Wenn das beim FC gegeben ist, ist das top. Wenn Said das bei einem anderen Verein sieht, freut mich das auch für ihn. Für die Stadt Köln und für den FC wäre es sicher schön, wenn Said bleibt. Er ist ein fantastischer Fußballer – und bald hoffentlich der nächste Kölner Nationalspieler.
Wie wichtig wird es für die Viktoria, am Saisonende über der Fortuna zu stehen?
Für die Fans ist das enorm wichtig, das wissen wir. Wir als Mannschaft schauen auf uns. Wir können die Leistungen der Fortuna wenig beeinflussen, außer in den beiden Derbys. Diese direkten Duelle werden einen besonderen Charakter haben, mit einer super Kulisse und tollen Atmosphäre. Da freuen wir uns drauf. Aber wenn die Fortuna am Ende ganz oben steht und wir nur knapp dahinter, sind wir bestimmt nicht unzufrieden. Wenn die Fortuna am Ende unten steht und wir nur knapp darüber, sind wir bestimmt nicht glücklich. Wir werden unserer Linie treu bleiben.


