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Interview

Uwe Koschinat
„Viktoria Köln sollte man nicht unvorbereitet begegnen“

5 min
Uwe Koschinat

Uwe Koschinat (55) ist seit Ende 2024 Trainer von Rot-Weiss Essen. Zwischen 2011 und 2018 coachte der gebürtige Koblenzer Fortuna Köln.

Der Höhenberger Drittligist ist am Samstag zu Gast in Essen. Der RWE-Coach hat viel Respekt vor der Viktoria.

Herr Koschinat, wie bewerten Sie den Saisonstart von Rot-Weiss Essen mit vier Punkten aus drei Spielen sowie dem Triumph im DFB-Pokal gegen St. Pauli?

Insgesamt ist der Start in Ordnung. Vor allem vor dem Hintergrund, dass wir im Sommer eine bewusste Entscheidung getroffen haben, die Mannschaft und die Spielweise zu verändern. Es ist dann eine deutlich jüngere Mannschaft geworden, die aus meiner Sicht aber unglaublich viel Qualität in sich trägt. Die größte Herausforderung ist, in so einem großen Traditionsklub wie Essen diese Mannschaft mit der grundsätzlichen Erwartungshaltung in Einklang zu bringen. Die gestiegene Erwartungshaltung orientiert sich vor allem an den Erfolgen der letzten eineinhalb Jahre. Gegen Saarbrücken haben wir stark losgelegt, dann aber auch das andere Gesicht gezeigt, das Instabile, das etwas Zögerliche. Dann kam ein souveräner Heimsieg gegen Havelse und das Highlight gegen St. Pauli. Das Unentschieden gegen Wiesbaden finde ich nicht dramatisch.

Wie kann man bei einem Klub wie RWE die Erwartungshaltung bremsen und einer verjüngten Mannschaft Zeit zur Entwicklung verschaffen?

Ich gehe das mit offenem Visier an. Wir haben Spieler in einem enormen Tempo entwickelt, sodass klar war, dass wir sie nur schwer würden halten können. Wir haben im Sommer einige Führungsspieler verloren, die uns Stabilität gegeben haben. Es macht aber überhaupt keinen Sinn, die jetzige Mannschaft mit der letztjährigen zu vergleichen. Sie ist in ihrer Zusammensetzung anders und soll auch eine andere Form von Fußball spielen. Aber vor allem in den Heimspielen gegen Havelse und St. Pauli haben wir gezeigt, dass es für die Fans total Sinn macht, diese Truppe bedingungslos zu unterstützen, weil sie unheimlich viel geben will.

Essen ist haarscharf an der 2. Bundesliga vorbeigeschrammt. Wie lange hat Sie die verlorene Aufstiegs-Relegation gegen Fürth noch beschäftigt?

Nicht lange. Nach dem Rückspiel hat es ein bisschen wehgetan, gerade als ich am Stadionzaun mit meiner Frau getrauert habe. In dem Moment, in dem du so viele Möglichkeiten zum Anschlusstreffer oder sogar zum Ausgleich hast und eigentlich mit anderthalb Beinen schon in der Zweiten Liga warst, tut das erst einmal weh. Aber am Ende geht es ja auch darum, welches Bild du abgegeben hast. Ich habe bei allen und auch bei mir selbst gemerkt, dass das zwar Trauer ist, aber auf der anderen Seite der Stolz total überwogen hat, weil ich nicht auf dieses eine Ereignis zurückgeschaut habe, sondern auf diese anderthalb Jahre bei RWE. Und allein im letzten Saisonspiel überhaupt noch den Sprung in die Relegation geschafft zu haben – auch dank Viktoria Kölns Unentschieden in Duisburg –, das wurde in Essen gefeiert wie ein Aufstieg. Deswegen spüre ich keine Schwere in mir.

Was verbinden Sie nach eineinhalb Jahren mit Rot-Weiss?

Aktuell ist es ein Segen, in dem Verein zu arbeiten – vor allem wegen der Schritte, die der Verein nach vorn macht. Da geht es gar nicht nur um die sportliche Perspektive, sondern auch darum, dass ein ohnehin schon extrem emotionales Stadion jetzt ausgebaut wird. Das ist keine Fiktion, sondern beginnt demnächst. Dann sind zeitnah die Ecken geschlossen, und du hast auf einmal ein 26.000-Mann-Stadion. Die Mitgliederzahl hat sich zuletzt stark erhöht. Die Sponsoren haben ein klares Bekenntnis geliefert, und große Sponsoren sind dazugekommen. Der Verein ist auf dem Vormarsch, und da als Cheftrainer Teil davon zu sein, ist natürlich auch ein riesiger Ansporn.

Ihr Ex-Klub Fortuna Köln ist in die Dritte Liga zurückgekehrt. Mitte Oktober kommt es zum Duell an der Hafenstraße.

Über den Aufstieg habe ich mich natürlich gefreut, allein schon wegen meiner Erfahrung mit dem Aufstieg 2014. Ich weiß, was das den Leuten bedeutet. Und mein Sohn Ole ist Trainer der U17 der Fortuna, da gibt es natürlich auch einen aktuellen, engen Draht. Ich tauche jetzt nicht permanent irgendwo am Südstadion auf. Wenn ich da bin, dann wegen meines Sohnes. Wenn ich aber die alten Fortunen wieder treffe, ist da ganz viel Herzlichkeit. Dann spüre ich, dass ich aus der Historie heraus immer noch ein guter Teil des Klubs bin. Aber ansonsten muss ich ehrlicherweise sagen: Das wird ein Gegner sein, gegen den ich natürlich alles geben werde, um ihn zu besiegen.

Vor der Fortuna ist die Viktoria zu Gast in Essen (Samstag, 16.30 Uhr). Wie sehen Sie die Mannschaft von Trainer Marian Wilhelm?

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich auf Basis der letzten drei Spiele schon beeindruckt bin. Der Sieg in Stuttgart (3:1, d. Red.) war hochverdient. Aber vor allem das Auftreten im DFB-Pokal gegen Nürnberg (4:5 i. E., d. Red.) und jetzt der Auftritt zu Hause gegen Münster (4:1, d. Red.) über einen ganz langen Zeitraum – das hat Spuren hinterlassen. Was ich bemerkenswert finde: Viktoria verliert permanent wirkliche Top-Spieler, die man entweder selbst entwickelt oder wieder auf ein maximal hohes Niveau gebracht hat. Dass das aber scheinbar spurlos an diesem Klub und der Mannschaft vorübergeht und sie im nächsten Jahr wieder mit denselben Abläufen, aber auch mit derselben Qualität und Selbstverständlichkeit Fußball spielt, ist beeindruckend. Insofern macht mir die sportliche Qualität gerade erst einmal Bauchschmerzen in der Gegnervorbereitung. Ich glaube, da brauchen wir schon einen guten Tag, weil die Viktoria mit Sicherheit in dieser Mischung aus der Leichtigkeit nach den zwei Siegen in der Liga und der Lust, an der Hafenstraße zu performen, ein schwieriger Gegner sein wird.

Ist die Viktoria, gegen die Sie als Fortuna-Trainer heiße Schlachten geschlagen haben, noch mit der heutigen Viktoria vergleichbar?

Nein. Konträrer könnte der von der Viktoria in der Dritten Liga eingeschlagene Weg kaum sein. Zum damaligen Zeitpunkt hat der Klub aus sich selbst heraus viele Schlagzeilen geliefert, weil man eher dafür gestanden hat, viele Spieler zu verpflichten, die allein aufgrund ihres Namens Prestige in diesen Klub bringen. Heute geht es darum, Spieler zu entwickeln, ihnen eine Bühne im Profibereich zu geben, eine nachhaltige Spielidee zu haben und mittlerweile sogar eigene Trainer zu entwickeln. Deswegen muss man sagen: Die Viktoria von heute hat nichts mehr mit der zu tun, gegen die ich damals mit der Fortuna angetreten bin.

Was erwarten Sie am Samstag von Ihrer Mannschaft?

Ich glaube, der Schlüssel gegen Viktoria Köln ist, dass du auf der einen Seite die Fähigkeit entwickelst, den Gegner frühzeitig zu stellen – im Wissen darum, dass die Viktoria dir mit ihrer Spielbeschleunigung wehtun kann. Da brauchst du eine gute Idee. Du musst dich länger mit diesem Gegner beschäftigen. Das zeigt schon, wie viel Respekt wir vor der Art des Spiels haben, weil ich der Meinung bin, dass die Viktoria zu den Mannschaften in der Dritten Liga gehört, denen man nicht unvorbereitet begegnen sollte.