Nach wie vor entscheidet die Herkunft eines Kindes in Deutschland über den schulischen Erfolg – Ein Plädoyer für mehr Bildungsgerechtigkeit
Gerechte BildungPisa als deutliches Warnsignal

Zukunftssichere, faire Bildung ist eine politische Prioritätenfrage, sagen Experten.
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Die aktuelle Pisa-Studie und der im Juni veröffentlichte Nationale Bildungsbericht 2026 setzen wieder einmal deutliche Warnsignale – und bestätigen, was bereits seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2001 bekannt ist: Kaum anderswo in Europa hängt der Bildungserfolg so stark mit dem Elternhaus zusammen, sind sinkende Basiskompetenzen junger Menschen derart mit sozialen Ungleichheiten verbunden wie hierzulande.
Und sie gefährden damit nicht nur die individuellen Chancen eines jeden betroffenen Kindes, sondern die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Erschreckend sind nicht allein die Ergebnisse der aktuellen Studien, sondern die Tatsache, dass der Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialem Status auch 25 Jahre später noch ausgeprägt ist, sich sogar verschärft hat. Beide Studien attestieren Deutschland eine anwachsende soziale Schere auch in puncto Bildungschancen. Der soziale Status erklärt hierzulande 19 Prozent der Leistungsunterschiede – im OECD-Durchschnitt sind es 12 Prozent.
Nicht schlechte Schüler sondern schlechte Bedingungen
Dass rund ein Drittel der 15-Jährigen das Mindestniveau in Lesen und Mathe verfehlt und etwa ein Viertel in Naturwissenschaften nicht über die grundlegenden Kompetenzen verfügt, ist besorgniserregend, keine Frage. Deshalb einer schlechteren Schülergeneration die Schuld zuzuschieben, wäre zu kurz gedacht. Weder Schülerinnen und Schüler, noch deren Eltern, die Schulen oder Lehrkräfte sind allein in der Verantwortung. Pisa misst Kompetenzen. Die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche diese Kompetenzen entwickeln können, muss die Gesellschaft gestalten.
Anna Margarete Davis stellt deshalb die entscheidende Frage: „Wie oft müssen wir diesen Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft noch feststellen, bevor wir ihn zum Ausgangspunkt politischen Handelns machen?“ Wer mehr Bildungsgerechtigkeit wolle, müsse Armut bekämpfen und Familien wirksam unterstützen. Und wer Bildungsarmut reduzieren wolle, müsse Bildungs-, Familien-, Sozial- und Jugendpolitik zusammendenken.
Wie oft müssen wir diesen Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft noch feststellen, bevor wir ihn zum Ausgangspunkt politischen Handelns machen?
Laut der Bildungsexpertin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung „liegt die Lösung aber nicht in einzelnen Reformen und auch nicht im Mehr vom Selben, sondern in einem Zusammenspiel aus guten Lebensbedingungen, verlässlicher sozialer Unterstützung, starken Kitas und Schulen, einem qualitativ guten Ganztag, individueller Förderung und einer Politik, die all diese Bereiche zusammendenkt.“
Ungleichheit startet nämlich nicht erst in den Schulräumen. Sie zeigt sich oft schon im Alltag: Beinahe jeder siebte junge Mensch wächst in Deutschland – in Köln betrifft es fast jedes vierte Kind – mit materiellen Sorgen auf und hat deshalb nicht die gleichen Startchancen wie ein Kind aus einem finanziell abgesicherten Haushalt. Wo Geld knapp ist, ist es häufig auch der Wohnraum, fehlt ein ruhiger Ort zum Lernen, ein warmes Mittagessen, ist der Zugang zu Bildungs- und Freizeitangeboten beschränkt, mangelt es an Teilhabe-Chancen.
Lösung 1: Qualitativ gute frühkindliche Bildung
Ein früher Kitazugang für alle Kinder wäre eine zentrale Voraussetzung, um diesen Ungleichheiten zu begegnen. Der aktuelle Bildungsbericht betont die große Bedeutung, die hochwertige frühkindliche Bildung für die sozialemotionale, sprachliche und kognitive Entwicklung von Kindern hat. Insbesondere dann, wenn sie aus benachteiligten Familien kommen. Nur erreicht die Kita nicht alle Kinder gleich gut. Die Studienautoren beschreiben den Zugang zur Kindertagesbetreuung als „sozial selektiv“, was auf erschwerte Zugänge zurückzuführen sei: Neben fehlenden Plätzen sind die Angebote regional sehr unterschiedlich verteilt, hohe Kosten oder komplizierte Vergabeverfahren schrecken viele Familien ab.
Kurz: Ein Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz hilft wenig, wenn es vor Ort keinen passenden gibt. Darum müssten ein guter Zugang und angemessene Qualität zusammengedacht werden. Kitas brauchen genug Fachkräfte, gute Arbeitsbedingungen und Zeit, um Kinder individuell zu begleiten. Kitas, in denen viele Familien Unterstützung brauchen, sollten darüber hinaus mit mehr Ressourcen ausgestattet werden. Wichtig sei auch, dass Unterstützungsangebote beim Wechsel in die Grundschule nicht plötzlich wegfallen.
Lösung 2: Ein guter Ganztag, der seinen Namen verdient
Seit dem 1. August haben Erstklässler schrittweise Anspruch auf ganztägige Förderung – bis 2029 soll das für alle Grundschulklassen gelten. Das ist eine große Chance, aber mehr Zeit allein macht nicht den entscheidenden Unterschied. Wichtig ist, ob die Angebote qualitativ gut sind und ob alle Kinder sie nutzen können. Ein guter Ganztag, da sind sich Bildungsexpertinnen und -Experten einig, ist mehr als Unterricht plus Betreuung. Er lässt Zeit für Lernen, Bewegung und Erholung – und für Dinge, die im normalen Stundenplan oft zu kurz kommen: Sport, Musik, Forschen, Medienkompetenz. Schulen können dabei mit Jugendhilfeeinrichtungen, Vereinen und Kultureinrichtungen zusammenarbeiten.
So haben Kinder die Chance, Angeboten zu begegnen, die sonst häufig davon abhängen, über wie viel Zeit und Geld das Elternhaus verfügt. Damit das funktioniert, braucht es qualifiziertes Personal, gute Räume, ein Mittagessen und ein klares pädagogisches Konzept; auch Kinder sollten mitreden können.
Lösung 3: Zukunftsfähig dank Medienkompetenz
Die heutige junge Generation wächst im KI-Zeitalter auf, verbringt immer mehr Zeit in der digitalen Welt, gleichzeitig schwinden die computer-, informationsbezogenen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern. Laut Bildungsbericht 2026 gelten inzwischen mehr als 40 Prozent der Achtklässlerinnen und Achtklässler in diesem Bereich als leistungsschwach. Aus Sicht des Nationalen „Mint-Forums“ sind diese Befunde Indikatoren für längerfristige, strukturelle Probleme, denn mathematische, digitale und technologische Kompetenzen sind Grundlage für Innovationsfähigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und Fachkräftesicherung.
Fakt ist: Wer digital kompetent und sicher unterwegs sein will, braucht mehr als ein Gerät und einen Internetzugang. Kinder sollten lernen, verlässliche Informationen zu erkennen, ihre Privatsphäre zu schützen und Plattformen, Algorithmen und KI kritisch zu verstehen. Auch der Umgang mit Desinformation, Hassrede und Gruppendruck gehört dazu. Medienbildung sollte deshalb kein Nice-to-have, sondern Teil des (vor-)schulischen Bildungs- und Schutzauftrags sein. Dafür braucht es ein gemeinsames Medienkonzept, qualifizierte Fachkräfte und altersgerechte Schutzangebote.
Lösung 4: Bildung braucht höchste politische Priorität
Kitas, Schulen und Jugendhilfe können Armut nicht allein beseitigen – aber sie können Familien verlässlich unterstützen und Hürden abbauen. Dafür müssen Bund, Länder und Kommunen früher investieren, ihre Angebote besser aufeinander abstimmen – und Prioritäten setzen, die sich auch in Haushaltsentscheidungen zeigen sollten. Bildungsprobleme lassen sich nicht allein mit mehr Geld lösen. Aber fehlende Ressourcen – und damit Prioritätensetzungen, verhindern, dass gute Konzepte und Fachkräfte sowie und notwendige Unterstützung ihre Wirkung entfalten.
P.S.: Wer meint, bei all dem handele es um Gleichmacherei, der irrt: Es geht schließlich nicht darum, alle Kinder auf den gleichen Weg zu schicken. Es geht darum, dass die Herkunft nicht darüber entscheidet, welche Wege einem Kind offenstehen.