Abo

Mediensucht„Wir alle müssen Kinder fit machen für die digitale Welt“

4 min
Ein Kind liegt auf einem Sofa und blickt auf sein Smartphone.

Eine unabhängige Expertenkommission hat Handlungsempfehlungen entwickelt zum Schutz von Kindern in der digitalen Welt. 

Dr. Michael Hubmann ist Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzt*innen e.V. (BVKJ). Als Mitglied der unabhängigen Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ hat er  56 Handlungsempfehlungen mitentwickelt. Caroline Kron sprach mit ihm. 

Herr Hubmann, Sie sind Mitglied der unabhängigen Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“, die dieser Tage 56 Handlungsempfehlungen an die Bundesfamilienministerin übergeben hat. Was ist der Kern dieser Empfehlungen in einem Satz?

Kinder und Jugendliche sollen sich in der digitalen Welt geschützt bewegen können und zur verantwortungsvollen Teilhabe befähigt werden.

Welche Erfahrungen aus Ihrer Kinderarztpraxis sind in die Empfehlungen eingeflossen? Anders gefragt: Inwiefern und wie häufig erleben Sie ungesundes Medienverhalten bei jungen Menschen?

Kinder und Jugendliche leiden durch den übermäßigen Konsum digitaler Medien unter anderem vermehrt an Konzentrationsproblemen, Bewegungsmangel oder sogar Depressionen. Bei den Allerkleinsten kommen Sprachentwicklungsstörungen hinzu. Auch der elterliche Medienkonsum wirkt sich zum Teil negativ aus. Gerade, wenn Kinder dadurch zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Erst gestern habe ich im Zug erlebt, wie ein Vater die ganze Fahrt über AirPods in den Ohren hatte und sein Kind permanent versucht hat, mit ihm zu interagieren. Der Vater hat sich aber nicht seinem Kind zugewandt und ist nicht in ausreichendem Maß auf die analogen Gefühlsreize seines Kindes eingegangen. Diese Probleme habe ich bei der Kommissionsarbeit angehen wollen. Die Kommission möchte Kinder gleichzeitig schützen, sie fit machen für die digitale Welt und ihnen Mitsprache ermöglichen.

Wo geraten diese Ziele in der Praxis miteinander in Konflikt?

Ich denke da etwa an die Empfehlung, die Tablet- und Handynutzung an Schulen bis zur siebten Klasse weitgehend zu verbieten, statt den Kindern möglichst früh einen verantwortungsvollen Umgang damit beizubringen. Die Ergebnisse einer Kommission sind immer ein Kompromiss. Kinder sollen ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechend an die digitalen Medien herangeführt werden, um dann teilhaben zu können. Es muss immer zwischen Nutzen und Schaden abgewogen werden. Darauf haben wir uns zum Wohle der Kinder in der Kommission verständigt, und das ist auch im Sinne der Kinder und Jugendlichen, die wir haben zu Wort kommen lassen und die uns das bestätigt haben.

Was sagt die Forschung zu einem Verbot?

Studien und Praxiserfahrungen zeigen, dass reine Verbote nicht funktionieren. Besser ist es, auf einen Dreiklang aus altersgerechten Schutzmaßnahmen, Medienkompetenz und einer stärker regulierten Gestaltung von Plattformen wie TikTok oder Instagram zu setzen. Bei der Frage, ab welchem Alter Kinder Social Media nutzen dürfen, schlägt die Kommission zwei Wege vor: eine Altersgrenze von 13 Jahren oder unterschiedliche Grenzen je nach Plattform und Funktion.

Welchen Weg halten Sie für sinnvoller?

Aus meiner Perspektive ist eine Altersgrenze der bessere Weg. Er ist leichter umsetzbar, für alle klar und verhindert Hintertüren. KI-Chatbots, die sich wie Freunde verhalten, sollen erst ab 13 Jahren erlaubt sein.

Reicht eine Altersgrenze aus, um Kinder vor emotionaler Abhängigkeit von solchen Programmen zu schützen?

i

Das wäre abhängig vom individuellen Entwicklungsstand des Kindes. Es gibt 13-Jährige, die schon sehr differenziert bewerten können, genauso wie es 16-Jährige gibt, die noch sehr kindlich handeln. Entscheidend ist vor allem, ob im Vorfeld die nötige Medienkompetenz vermittelt wurde, wie es unsere Handlungsempfehlungen vorgeben.

Noch eine Frage zur Künstlichen Intelligenz: Hier möchte die Kommission vorsorglich regulieren, bevor Schäden eintreten. Wie verhindert man dabei, dass auch sinnvolle und kindgerechte KI-Angebote ausgebremst werden?

Nach meinem Dafürhalten sind zumindest für die Unter-Dreijährigen keine KI-Angebote sinnvoll. Bildschirmfrei bis 3 ist eine der Forderungen, die mir in der Kommissionsarbeit am wichtigsten war. Nicht nur die ohnehin schon überlasteten Lehrkräfte stehen in der Pflicht.

An welche weiteren Akteure richten sich die Empfehlungen?

Sie sprechen alle Akteure an, die mit Kindern, Jugendlichen und ihrem Schutz in der digitalen Welt zu tun haben: Bund, Länder und EU, Plattformanbieter, Bildungseinrichtungen, Eltern, Kinder- und Jugendhilfen, Wissenschaft und auch die Kinder und Jugendlichen selbst. Jeder Einzelne muss sehen, was er in seinem Verantwortungsbereich tun kann.

Zurück zu den Schulen. Das „KI-Seepferdchen“ soll bereits im Grundschulalter ein Grundverständnis für Künstliche Intelligenz vermitteln. Wie realistisch ist die flächendeckende Umsetzung?

Wenn die Länder sich darauf einigen können, das in ihren Lehrplänen zu integrieren, halte ich es für realistisch. Entsprechende Lehrmaterialien werden bereits von vielen Stellen angeboten. Aber auch hierbei darf man die menschliche Komponente nicht vergessen. Wie weit die Lehrkräfte bereit sind, sich für das Thema zu engagieren, wird Einfluss auf das Verständnis der Kinder haben.

„Digitale Vernachlässigung“ soll im Familienrecht verankert werden. Welche praktischen Konsequenzen hätte eine solche Gesetzesänderung?

Zunächst einmal wäre eine praktische Konsequenz hoffentlich, dass die betroffenen Familien Hilfen bekämen und über die Konsequenzen digitaler Vernachlässigung aufgeklärt würden. Für die Jugendämter ginge damit natürlich ein Arbeitsanstieg und ein höherer Personalbedarf einher, den das Ministerium mitdenken sollte und wird.

Sicher haben Sie als Kinderarzt zur Empfehlung beigetragen, dass Medienberatung verbindlich in die kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen aufgenommen wird und es ein systematisches Mediensucht-Screening in den Kinder- und Jugendarztpraxen geben soll. Sind Sie und Ihre Kollegen dafür künftig ausreichend qualifiziert und zeitlich ausgestattet?

Wir Kinder- und Jugendärzte und -ärztinnen sind schon jetzt entsprechend qualifiziert. Die zeitlichen Ressourcen müssten durch die Vergütung geregelt werden. Die Sommerferien stehen vor der Tür. Nicht jede Familie kann sich einen Urlaub oder eine Dauerbeschäftigung für die Kinder leisten.

Wie können Eltern verhindern, dass ihre Kinder sechs Wochen lang vor dem Bildschirm verbringen?

Eltern müssen ihren Kindern alternative Angebote aufzeigen. Oft wissen Kinder heute leider gar nicht mehr, wie sie sich ohne Bildschirm beschäftigen sollen. Dafür braucht es keinen großzügigen finanziellen Hintergrund, sondern nur Ideen: Federballspielen, Fußball, Basteln, Höhlenbauen, Lesen, Puzzeln. All diese Dinge haben viele Kinder einfach vergessen. Auch bieten eigentlich in allen Städten Vereine oder andere Organisationen ein Ferienprogramm für Kinder an. Wir ermutigen die Eltern stets dazu, sich zu informieren und ihre Kinder anzumelden. Viele Angebote sind kostenlos.