Gewalt an SchulenSo bleibt die Faust in der Tasche

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Ein Mädchen wird von zwei Schülerinnen auf dem Schulhof bedrängt.

Die Gewalt auf dem Pausenhof nimmt laut neuester Zahlen des Landeskriminalamtes zu.

Laut Landeskriminalamt NRW ist die Gewalt an Schulen seit 2019 um 41 Prozent gestiegen. Der Antiaggressions-Trainer Ulrich Krämer aus Erftstadt erklärt warum.

Gehörte Raufen, Schreien, Schubsen nicht schon immer zu einer Schulpause?

Ulrich Krämer: Es gab immer Raufereien, aber die waren nicht so brutal. Heute wird aus Schubsen gleich Treten und statt mit Ranzen wird mit Steinen geworfen. Früher hat das Lehrpersonal klare Grenzen aufgezeigt, heute ist Respektlosigkeit gesellschaftsfähiger geworden. Der in Mode gekommene Ausdruck du ‚trumpst gerade‘ bringt es auf den Punkt.

Ulrich Krämer ist systemischer Antigewalttrainer, er berät pädagogische Einrichtungen im Umgang mit Aggression und Gewalt.

Ulrich Krämer ist systemischer Antigewalttrainer, er berät pädagogische Einrichtungen im Umgang mit Aggression und Gewalt.

In welcher Altersgruppe ist die Gewaltbereitschaft am größten?

Mobbing beginnt in der zweiten Klasse, da kommt es zu Ab- und Ausgrenzungen mit konfrontativen Auseinandersetzungen. In der siebten und achten Klassenstufe nimmt die Qualität der Gewalt zu. Je näher die Schulabschlüsse rücken, desto mehr lässt die Gewaltbereitschaft nach. In Gymnasien sind die Auseinandersetzungen häufig eher subtil als körperlich und damit schwerer zu durchschauen. In Haupt- oder Gesamtschulen ist der Konflikt in der Regel für alle Beteiligten berechenbarer. Der eine sagt, ‚was guckst du‘ und schon kommt die Faust.

Bei welchen Grenzüberschreitungen ruft man Sie als Antigewalttrainer zur Hilfe?

Grundsätzlich arbeiten wir präventiv mit Schülerinnen und Schülern aller Schularten. Es gibt aber auch extremere Motivationen. So habe ich habe von einer Kölner Schulsozialarbeiterin zwei Videos bekommen. In dem ersten schütteten Schüler einen vollen Mülleimer über dem Kopf einer Lehrerin aus. Sie schob sich den Müll von der Schulter, sagte: ‚Das macht Ihr nicht noch einmal‘, und unterrichtete weiter. Im zweiten Video aus der gleichen Unterrichtsstunde haben die Schüler den Mülleimer mit Wasser gefüllt und ihn über ihr ausgekippt. Auch da hat sie nicht adäquat reagiert.

Das, was an Erziehung notwendig ist, kann Schule allein nicht leisten, Mittagsbetreuung heißt nicht Mittagserziehung!
Ulrich Krämer, Antigewalt-Trainer

Wie hätte die Lehrerin reagieren sollen?

Spätestens nach der ersten Aktion hätte sie die beteiligten Schüler aus dem Unterricht ausschließen und den Schulleiter verständigen müssen. Bei einer Körperverletzung muss der Lehrer reagieren, sonst entspricht das einer Strafvereitelung. Um den Müll an den Kopf zu bekommen, da müssen schon vorher mehrmals viele Grenzen konsequenzlos überschritten worden sein und genau das muss ich als Lehrkraft merken und beziehungsbasiert, aber klar durchgreifen. Wenn nichts passiert, fühlen sich die ‚Täter‘ motiviert und machen immer weiter.

Tragen also Lehrerinnen und Lehrer Mitschuld an der Respektlosigkeit und steigenden Gewaltbereitschaft unter Kindern und Jugendlichen?

Viele Lehrer sind Einzelkämpfer, wollen keinen Stress mit der Polizei, den Eltern, wollen nicht das Image der Schule beschädigen. Das ist aber falsch. Die Kinder schreien regelrecht nach Grenzen und Konsequenzen, sie möchten, dass man sie ernst nimmt. Klar werden die Grenzen ausgetestet, aber darauf muss man schnell und konsequent reagieren.

Welche Rolle spielt das Elternhaus?

Erziehung wird häufig delegiert, das ist nicht gut. Die Kinder kommen aus der Schule nach Hause und keiner ist da. Wenn es gut läuft, gehen sie nachmittags in einen Verein. Abends haben die Eltern keine Lust mehr zu erziehen und die Kinder werden vor dem Computer geparkt. Das, was an Erziehung notwendig ist, kann Schule allein nicht leisten, Mittagsbetreuung heißt nicht Mittagserziehung!

Wie bleibt man cool, wenn der Gegenüber beleidigend wird? Andres gefragt: Wie trainieren Sie, dass die Faust in der Tasche bleibt?

Gemeinsam versuchen wir zunächst herauszufinden, was die betroffenen Schülerinnen und Schüler aus der Coolness bringt. Was provoziert sie? Viele haben nur einen Plan A: Auf ‚Du Hurensohn‘ folgt die Faust. Ein Plan B existiert nicht. Die üblichen Ratschläge: ‚Geh doch weg, höre nicht hin‘, funktionieren in dem Alter nicht.

Und wie sieht ein Plan B aus?

Wir sammeln zum Beispiel gemeinsam die kreativsten verbalen Reaktionen und schreiben sie auf einen Zettel, den der oder die Betroffene stets in der Hosentasche bei sich trägt. Die Notizen geben ihm oder ihr Sicherheit und eine andere Körpersprache.

Wo können, Politik, Gesellschaft und Eltern ansetzen?

Der soziale Bereich muss finanziell besser ausgestattet sein, es braucht kleinere Klassen, Lehrinhalte wie Achtsamkeit und lebenspraktische Skills. Und: Eltern sollten gute Vorbilder sein.


Antigewalt-Trainings in der Region - eine Auswahl

  1. Das Team von Krämer Trainings aus Erftstadt begleitet Menschen, pädagogische Einrichtungen und Verbände auf dem Weg zu einem lösungsorientierten Umgang mit Konflikten, Aggressionen und Gewalt.  Kontakt: Krämer Trainings, Bahnhofstraße 44, 50374 Erftstadt,  0176 47 07 49 41, info@kraemer-trainings.de, www.kraemer-trainings.de
  2. Fair.Stärken e.V.: Seit 2018 engagiert sich der Kölner gemeinnützige Verein mit Sozialkompetenztrainings, Gewaltprävention und Gruppenangeboten für Kinder und Jugendliche in Köln. Die Vision des Vereins ist ein buntes und inklusives Köln, in dem alle Kinder mit den gleichen Chancen aufwachsen, ihre Kinderrechte kennen und anwenden können. Kontakt: Hohenstaufenring 63, 50674 Köln, 0221/588326, www.fairstaerken.de
  3. AWO-Antigewalttraining für Jungen zwischen 14 und 21 Jahren, die durch Gewalttaten strafrechtlich in Erscheinung getreten sind. Die Trainerinnen und Trainer haben gewaltspezifische und traumapädagogische Zusatzausbildungen. Kontakt: Melissa Latz, Venloer Wall 15 50672 Köln latz@awo-koeln.de, 0221/ 88810-122, www.awo-koeln.de
  4. Mut-tut-gut: Das Team bietet zertifizierte Gewalt-
    Präventionsmaßnahmen für Kindergartenkinder, Grundschulkinder und Jugendliche an. Kontakt: Hilker Josef Bierbrauer-Kurtoglu, Dreisamweg 19, 51061 Köln, 0221/ 26 06 38 22, info@netzwerk-rheinland.de, www.mut-tut-gut-rheinland.de

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