Gewalt gegen Mädchen mit HandicapKölner Verein bietet ihnen Schutz

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Die Silhouette eines Mädchens im Rollstuhl in der Abendsonne, das mit dem Finger auf einen Regenbogen zeigt.

Mehr Freiheit und Sicherheit für Mädchen mit einer Behinderung: Der Kölner Verein „Lobby für Mädchen“ macht sich dafür stark.

Behinderte junge Frauen sind dreimal so häufig Opfer von Gewalt als andere. Oft können sie Hilfsangebote nicht erreichen - und umgekehrt. Ein Kölner Verein baut Hürden ab.   

Maria, 15, wurde in ihrem jungen Leben nicht nur einmal auf der Straße verspottet — weil sie aufgrund ihrer Beeinträchtigung anders aussieht als andere Gleichaltrige. Der Busfahrer, der Vivian, 12, seit Jahren in die Schule fährt, streift beim Einsteigen regelmäßig ihren Busen — wegen ihrer Krücken kann sie sich nicht wehren. Sarah, 26, möchte schon lange zu Hause ausziehen, aber ihre Mutter traut ihr das nicht zu — weil sie im Rollstuhl sitzt. Bianka, 28, lebt zwar schon lange in einem eigenen Zimmer einer Pflegeeinrichtung, wo Betreuer in der Regel in ihr Zimmer stürmen, ohne vorher anzuklopfen — das stört die junge Frau, aufgrund ihrer geistigen Beeinträchtigung fehlt ihr aber für Protest die Sprache.

„Die Lebensrealität von Mädchen und jungen Frauen mit einer schwerwiegenden Behinderung ist weit stärker von körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt geprägt als die von Gleichaltrigen ohne Behinderung“, weiß die Geschäftsführerin des Kölner Vereins „Lobby für Mädchen“ Beatrice Braunisch.

Mädchen mit einer Behinderung sind dreimal mehr von Gewalt betroffen

Die erste wissenschaftliche Untersuchung zur Lebenssituation von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen aus dem Jahr 2012 gibt ihr Recht. Die „Bielefeld-Studie“ ergab: Diese Zielgruppe ist etwa dreimal so häufig von Gewalt betroffen als andere Mädchen und junge Frauen. Auch, weil sie oft rund um die Uhr auf verschiedene Hilfspersonen angewiesen sind, die manchmal deren Abhängigkeit und ihre Macht missbrauchen — im privaten wie im professionellen Umfeld.

Die Projektleiterinnen Cynthia Hoffmann und Anna Rustler von „Hürden überwinden“ des Kölner Vereins „Lobby für Mädchen“ sitzen auf einem roten Sofa.

Cynthia Hoffmann (links) und Anna Rustler vom Projekt „Hürden überwinden“ des Kölner Vereins „Lobby für Mädchen“.

„Leider konnten wir diese Zielgruppe mit unseren bisherigen Beratungs- und Hilfsangeboten nur schwer bis gar nicht erreichen — weil sie zum Beispiel nicht mobil sind, ihre Eltern sie darin nicht unterstützen oder sie kognitiv nicht dazu in der Lage sind“, sagt Braunisch. Um Abhilfe, sprich: Zugang zu Hilfsangeboten zu schaffen, hat „Lobby für Mädchen“ vor drei Jahren mit Unterstützung von „wir helfen“ das von Cynthia Hoffmann und Anna Rustler geleitete Pilot-Projekt „Hürden überwinden“ ins Leben gerufen.

Ganz oben auf der Wunschliste steht, alleine mit der Bahn fahren zu dürfen, das Zimmer selbst zu gestalten oder eine eigene Bankkarte zu besitzen
Anna Rustler, Projekt „Hürden überwinden“ des Kölner Vereins „Lobby für Mädchen“

Wie der Name schon verrät, geht es unter anderem darum, die Barrieren für betroffene Mädchen abzubauen, indem das Team zu ihnen fährt — und Beratung in ihrem direkten Lebensumfeld anbietet. In der Wohneinrichtung, der Schule oder der Werkstatt. „Unser Angebot besteht aus einem vierteiligen Workshop rund um den Gewaltschutz, je nach Wunsch der Teilnehmerinnen besprechen wir die Themenschwerpunkte Körper, Liebe, Beziehungen, Rechte, Selbstbestimmung, digitale Medien und wie sich Betroffene Hilfe holen können“, sagt die Sozial- und Sexualpädagogin Cynthia Hoffmann.

Beatrice Braunisch ist „Lobby für Mädchen“-Geschäftsführerin

Beatrice Braunisch ist „Lobby für Mädchen“-Geschäftsführerin.

Die Teilnehmerinnen lernen zum Beispiel, sich selbst und ihre Grenzen wahrzunehmen, sich zu behaupten und mitzubestimmen, unter anderem was ihre Freizeitgestaltung betrifft — oder wer sie wie pflegen darf. „Ganz oben auf der Wunschliste steht, alleine mit der Bahn fahren zu dürfen, das Zimmer selbst zu gestalten oder eine eigene Bankkarte zu besitzen“, sagt Anna Rustler.

Familienkonflikte, Sexualität oder Gewalterfahrungen

Einen Großteil des Präventionsmaterials haben sie und Cynthia Hoffmann selbst konzipiert — und entwickeln es stets weiter. „Unsere Zielgruppen sind sehr divers, manche können nicht sprechen, andere sind körperlich eingeschränkt oder haben eine geistige Behinderung, deshalb müssen wir unsere Methoden an die Bedürfnisse der jeweiligen Gruppe anpassen — und etwa bei Teilnehmerinnen mit Sprachproblemen mit Piktogrammen arbeiten“, sagt Hoffmann.

Da bei den Präventionsveranstaltungen immer zwei Fachkräfte anwesend sind, kann das Team während oder nach den Workshops Einzelgespräche anbieten — über persönliche Themen wie Familienkonflikte, Sexualität oder Gewalterfahrungen. „Indem wir garantieren, dass wir das Gesagte nicht an Eltern, Erzieher oder Lehrerinnen weitertragen, bieten wir den Mädchen einen besonderen Schutzraum“, sagt Rustler.

Kölner Verein hat im vergangenen Jahr 257 junge Frauen erreicht

Das Team schult, sensibilisiert und klärt daneben auch (Fach-)Personal auf, das täglich mit den Betroffenen zu tun hat. Im vergangenen Jahr hat „Lobby für Mädchen“ 35 Beratungen, 22 Workshops angeboten, und damit 257 Mädchen und junge Frauen zwischen 12 und 27 Jahren erreicht. „Für 2023 sind wir längst ausgebucht“, sagt Braunisch. Was zeigt: Der Bedarf ist enorm. In ganz NRW gibt es nur zwei Fachstellen. „Unser Ziel ist, dass wir die dritte werden“, sagt Braunisch. Um informativ, fortbildend und präventiv den Gewaltschutz für Mädchen und junge Frauen wie Maria, Vivian oder Sarah auf- und auszubauen.


Bielefeld-Studie: Gewalt an behinderten Mädchen und Frauen

  • Menschen mit Behinderungen sind aufgrund körperlich-psychischer und kognitiver Abhängigkeiten einem besonderen Risiko ausgesetzt, in verschiedenen Altersphasen und Lebenssituationen Opfer von psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt zu werden. Hierbei spielen auch strukturelle Gewalt und Diskriminierung sowie Vernachlässigung im Kontext von Betreuung und Pflege eine besondere Rolle.
  • Mädchen und Frauen mit Behinderungen haben ein erhöhtes Risiko, Opfer von Gewalt zu werden: Bis zu 75 Prozent der Betroffenen haben als Erwachsene körperliche Gewalt erlebt.
  • Sexuelle Übergriffe in Kindheit und Jugend haben 34 Prozent der Frauen erlebt und sind damit dreimal häufiger betroffen als andere junge Frauen — mit zehn Prozent.
  • Psychische Gewalt und psychisch verletzende Handlungen in Kindheit und Jugend haben etwa 60 Prozent von ihnen erlebt — 36 Prozent sind es im weiblichen Bevölkerungsdurchschnitt.
  • Quelle: Die sogenannte „Bielefeld-Sudie“ der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2012 ist die erste große repräsentative Untersuchung zur „Lebenssituation und zu Belastungen von Frauen mit Behinderungen in Deutschland“. Befragt wurden bundesweit 1.500 zufällig ausgewählte Frauen mit verschiedenen Behinderungen, die in Privathaushalten sowie in unterschiedlichen Einrichtungen und Wohnprojekten leben. 

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