Herr Lierenfeld, ‚wir helfen‘ widmet seinen Schwerpunkt im neuen Aktionsjahr dem Schutz der jungen Generation in der digitalen Welt. Dormagen gilt bundesweit als Vorreiter im präventiven Kinderschutz – gilt das auch für die digitale Welt?
Erik Lierenfeld Da haben wir sicher noch Nachholbedarf. Aber wir sind dabei, uns als Stadt gut aufzustellen, gemeinsam mit den freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe. Dennoch: Es ist ein Thema, das bundesweit angegangen werden muss, wir Kommunen können das allein nicht schaffen. Cybermobbing, Sexting, Falschinformationen – die Liste digitaler Risiken ist lang.
Worin sehen Sie die größten Gefahren für junge Menschen im Digitalen?
Meines Erachtens bergen das Suchtverhalten und nichtaltersgerechte Inhalte die größten Risiken. Kinder und Jugendliche werden auf Social-Media-Kanälen sehr schnell getriggert, sich immer wieder zwanghaft Dinge anschauen zu müssen. Sie verlieren dabei das Zeitgefühl und den Sinn für die Realität. Gewaltvideos, Pornografie – all das erreicht Kinder ungefiltert. Wenn sich ein Kind täglich anschaut, wie Frauen belästigt und heimlich fotografiert werden, warum sollte es dann glauben, dass es nicht normal sei, in der Schultoilette Fotos von Mitschülerinnen zu machen? Das sind Fälle, die auch an unseren Schulen passieren.
Wann wurde Ihnen klar, dass das Thema in Ihrer Kommune dringend anzugehen ist?
Der stärkste Auslöser war der Tod von Yosef im Januar. Der 14-jährige Schüler aus unserer Stadt soll nach gesicherten Erkenntnissen von einem 12-jährigen Mitschüler ermordet worden sein. Ich habe in diesem Zusammenhang TikTok und Instagram ganz anders wahrgenommen. Ich wollte dort zu diesem Fall recherchieren, plötzlich wurden mir Gewaltvideos in Dauerschleife angezeigt. Und ich stieß dort auf abstruse Behauptungen von Menschen, die mit dem Fall gar nichts zu tun hatten – etwa, dass der Junge von einer Sekte, die in Dormagen aktiv sei, umgebracht wurde. Es kam zu falschen Verdächtigungen, die dazu geführt haben, dass Kinder und Jugendliche sich nicht mehr vor die Tür getraut haben.
Sie sind selbst Vater. Gibt es einen Moment, an dem Sie gemerkt haben, dass digitaler Kinderschutz kein abstraktes Thema ist, sondern am Küchentisch anfängt?
Absolut. Ich habe zwei kleine Töchter, vier und ein Jahr alt. Beide nehmen wahr, dass Erwachsene ständig mit dem Handy unterwegs sind, weshalb es eine große Anziehungskraft auf sie ausübt. Wenn ich es irgendwo hinlege, laufen oder krabbeln sie hinterher. Ich sehe viele Eltern, die ihrem Kind selbst beim Essen das Handy geben, damit es beschäftigt ist. Wir achten in der realen Welt darauf, dass Kinder etwa nicht mit Fremden mitgehen. Aber in der digitalen Welt lassen wir sie komplett allein.

Erik Lierenfeld ist Bürgermeister der Stadt Dormagen und engagiert sich in seiner Kommue für Kinderrechte in der digitalen Welt.
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Was kann eine Kommune tun, damit das nicht geschieht?
Junge Menschen verlagern ihre Lebenswirklichkeit in den digitalen Bereich. Damit müssen wir Schritt halten, und ihnen auch dort Schutz-, Diskussions-, und Beratungsräume schaffen. Wir sehen das als eine unserer wichtigsten kommunalen Aufgaben und als Querschnittsthema.
Welche Angebote gibt es in Dormagen, die Kindern beim sicheren Umgang mit digitalen Medien helfen?
Da sind zunächst die Medienscouts, also junge Menschen, die an den Schulen in Punkto Medienkompetenz zu Multiplikatoren ausgebildet werden – und mit ihren Mitschülern auf Augenhöhe über digitale Themen sprechen. Wir haben die Dormagener Familien-App entwickelt, in der wir den Anbieter‚ Between the Line‘s integriert haben. Dort können sich Betroffene anonym hinwenden, wenn sie etwa merken, dass sie süchtig nach Social-Media-Inhalten sind. Auch die Eltern erhalten dort Hilfs- und Beratungsangebote. Darüber hinaus verstärken wir die Schulsozialarbeit an allen Schulen und haben dort beinahe durchgängig I-Pad-Klassen installiert.
Kurz zurück zum Querschnittsthema: Wie arbeiten Schulen, Jugendamt und freie Träger bei Ihen zusammen?
Wir haben ein gutes Netzwerk aufgebaut und bilden Lehrkräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe und des Jugendamts fort. Die Träger der offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen arbeiten eng mit uns zusammen und bieten etwa Workshops und Medienkompetenztrainings an. Auch bei der Lehrerfortbildung sind wir selbst tätig geworden, obwohl das Aufgabe des Landes ist.
Und Sie planen ein Projekt „Familienschule“. Was hat es damit auf sich?
Wir möchten die Schule mehr in die Stadtteile bringen und auch beim Thema Medienkompetenz die Eltern stärker mitnehmen. Die Idee kam auf, als wir an Yosefs Schule gemeinsam mit Eltern diskutiert haben, wie wir mit Medien umgehen und ob es sinnvoll wäre, während des Unterrichts das Handy zu verbieten.
Prävention kostet Geld. Wie wichtig ist die Unterstützung durch Spenden, um solche Projekte auf die Beine zu stellen?
Wir finanzieren vieles selbst, haben zum Beispiel die Kinder- und Jugendhilfe gut finanziell ausgestattet und die offenen Einrichtungen – sie erhalten 90 Prozent der gesamten Personalkosten, auch bei Tarifsteigerungen. Und wir haben den freien Trägern Fünfjahresverträge gegeben, damit sie sich auf ihre Konzepte konzentrieren und aktiv schauen können: Wo ist aktuell der größte Bedarf? Aber natürlich brauchen wir auch zivilgesellschaftliches Engagement. Für gewisse Angebote sind die Haushaltsmittel irgendwann begrenzt.
Kinder bewegen sich auf TikTok, YouTube und in Online-Spielen oft in Welten, die Erwachsene kaum kennen. Wie gut kann eine Stadtverwaltung da im Bilde sein?
Die meisten Schüler werden sich besser in der digitalen Welt auskennen als mancher Lehrer. Deshalb sind die Medienscouts so wichtig. Ich selbst habe mich bei TikTok angemeldet, obwohl ich mich lange dagegen gesträubt habe. Wir Verantwortungsträger müssen in diese Welten hineingehen, um zu verstehen, wie deren System funktioniert.
Die Bundesregierung diskutiert über Alterskontrollen und strengere Regeln für Social Media. Reicht das aus?
Es baucht deutlich mehr Regeln. In Amerika etwa haben die Plattformbetreiber eingeräumt, dass ihre Inhalte Menschen süchtig machen, weshalb sie sich bereit erklärt haben, Algorithmen zu verändern, Altersverifikation einzuführen und Inhalte stärker zu überprüfen. Hierzulande gibt es einen Pressekodex, warum gilt der nicht für Social Media? Gewaltverherrlichende oder rassistische Inhalte stehen nicht in der Zeitung, werden nicht im Fernsehen gezeigt, und sollten auch in der digitalen Welt nicht erscheinen dürfen.
Was erwarten Sie darüber hinaus vom Bund und Land, um Kommunen beim digitalen Kinderschutz zu unterstützen?
Neben diesen gesetzlichen Regelungen und verbindlichen Vereinbarungen mit den Plattformbetreibern braucht es zusätzliche Ressourcen für die Qualifizierung aller Beteiligten – Lehrkräfte, Sozialarbeiter, Jugendamtsmitarbeiter und Eltern. Und wir brauchen im digitalen Bereich mehr jugendadäquate Inhalte, die für die Zielgruppe ansprechend und gleichzeitig informativ sind.
Was wünschen Sie sich von unserer Gesellschaft, wenn es um den Schutz von Kindern im Netz geht?
Dass wir Erwachsenen unseren eigenen, digitalen Konsum hinterfragen. Unsere Gesellschaft hat sich radikal verändert, mit den Fragestellungen, die das aufwirft, haben wir nicht Schritt gehalten. Junge Menschen zu befähigen und zu unterstützen – das sollte unser aller Thema sein. Ich stamme aus einer Familie mit fünf Kindern, hatte nur bedingte Fördermöglichkeiten, aber tolle Lehrer, die mich motiviert und gefördert haben. Kinderschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – dafür braucht es viele Akteure.
Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken: Wie sollte digitaler Kinderschutz Ihrere Meinung nach in Dormagen dann aufgestellt sein?
Ideal wäre ein starkes Netzwerk von Pädagogen, Eltern und Kindern zu haben, in dem alle voneinander wissen, welche Inhalte sie konsumieren und in dem wir uns gegenseitig und vor allem die Kinder beraten und stärken. Beratung und Begleitung, möglichst lückenlos, das wäre perfekt.
So können Sie helfen

Der neue „wir helfen“-Folder 2026_2027
- Mit unserer neuen Jahresaktion „wir helfen: dass Kinder sicher in die Welt von morgen gehen“ bitten wir um Spenden für (medien-)pädagogische Projekte in Köln und der Region, die Kindern und Jugendlichen helfen, Gefahren wie grenzüberschreitendes, gewalttätiges Verhalten zu erkennen und sich zu wehren – im Netz wie im Alltag.
- Die Spendenkonten lauten: „wir helfen e.V.“
- Kreissparkasse Köln, IBAN: DE03 3705 0299 0000 1621 55
- Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE21 3705 0198 0022 2522 25
- Wünschen Sie eine Spendenbescheinigung, geben Sie bitte +S+ im Verwendungszweck an. Sollten sie regelmäßig spenden, ist auch eine jährliche Bescheinigung möglich. Bitte melden Sie sich hierzu gerne per E-Mail bei uns.
- Soll Ihre Spende nicht veröffentlicht werden, notieren Sie +A+ im Verwendungszweck. Möchten Sie anonym bleiben und eine Spendenbescheinigung erhalten, kennzeichnen Sie dies bitte mit +AS+.
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