Im Interview erklärt ein Experte, warum frühe Förderung und ein revolutioniertes Schulsystem Kindern und der Gesellschaft gut täten.
Kritik am Bildungssystem„Das starre Schulsystem erstickt kindliche Neugier“

Kinder brauchen Freiheiten, um ihren Entdeckergeist ausleben zu können - keine starren Lehrpläne und Leistungstabellen, sagen Expertinnen und Experten.
Copyright: IMAGO/Cavan Images
Herr Zikeli, wir helfen: Kinder frühzeitig auf einen guten Weg zu bringen lautet das Motto unserer Jahresaktion rund um das Thema Prävention. Warum ist frühe Förderung so entscheidend für die Entwicklung von Kindern?
Michael Zikeli: Je früher man damit beginnt, Kinder vor allem in ihren kreativen Fähigkeiten zu fördern, desto größer sind die positiven Auswirkungen auf deren Lebensweg. Das habe ich selbst erleben dürfen: Meine Eltern haben mich sehr früh motiviert, kreativ tätig zu sein. Davon profitiere ich heute vor allem beruflich enorm, denn ich habe dadurch gelernt, Probleme anders, nämlich kreativ zu lösen. In unseren Kita- und Schulprojekten, etwa in Graffiti-Workshops oder anderen Kunstangeboten erleben wir, wie sehr kreatives Arbeiten zudem auch das Gemeinschaftsgefühl stärkt.
Ist frühe Förderung deshalb auch gesellschaftlich so relevant und damit eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft, wie Sie oft betonen?
Diese Aufgabe geht uns alle an. Viele Eltern sind aus verschiedenen Gründen nicht dazu in der Lage, ihre Kinder adäquat zu fördern, weil sie rund um die Uhr arbeiten müssen, um die Familie durchzubringen, weil sie krank sind oder selber kaum Bildung erfahren haben. Auch die Schulen alleine werden es mit ihrem starren System nicht meistern, alle Kinder gerecht zu fördern. Und der Staat stellt dafür nicht genügend Fördergelder zur Verfügung.
Was fatal ist, denn das hat unter anderem zur Folge, dass das Zusammenleben in Deutschland schwierig wird – und auch die wirtschaftliche Lage. Deutschland hat nicht viele Rohstoffe, ist aber für seine Denkerinnen und Denker bekannt. Wenn wir unsere Kinder aber in einem starren System, innerhalb einer festvorgegebenen Struktur, einsperren und nicht individuell fördern, werden auch diese wichtigen Ressourcen für unser Land versiegen.

Michael Zikeli ist Gründer und erster Vorsitzender von Creative Impact e. V.. Der Verein verbindet Bildung, Kreativität und Sport, um Kindern und Jugendlichen weltweit echte Chancen zu geben.
Copyright: Creative Impact e.V.
Frühförderung geht uns alle an. Viele Eltern sind aus verschiedenen Gründen nicht dazu in der Lage, ihre Kinder adäquat zu fördern, die Schulen werden es mit ihrem starren System nicht meistern, alle Kinder gerecht zu fördern. Und der Staat stellt dafür nicht genügend Fördergelder zur Verfügung.Was fatal ist
Fehlende Bildung und Förderung von Kindern führt obendrein zu Ungleichgewichten in der Gesellschaft.
Wir erleben ja gerade hautnah, dass gerade die mangelnde, frühe Förderung von sozialen und emotionalen Kompetenzen dazu führt, dass sich die Gesellschaft spaltet. Kinder und Jugendliche verbringen sehr viel Zeit im Kindergarten und in der Schule, wo sie gemeinschaftlichen Zusammenhalt, Empathie und gewaltfreies Miteinander lernen könnten. Wenn das Personal nicht speziell darin geschult ist, fehlt ein wichtiger Regulator. Das trifft vor allem sozial benachteiligte Kinder, die Zuhause oft auf sich alleine gestellt sind, weil den Eltern die Ressourcen, Zeit oder finanzielle Möglichkeiten fehlen, um ihre Kinder ausreichend zu unterstützen.
Wie kann man sicherstellen, dass möglichst alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft die gleichen Chancen bekommen?
Das ist eine gigantische Herausforderung, die wir auch mit unseren vielen, zivilgesellschaftlichen Unterstützungsangeboten hierzulande nicht stemmen werden. Das muss von staatlicher Seite aus gesteuert werden – indem etwa das Schulsystem revolutioniert wird. Ich bin viel in der Welt unterwegs, habe schon viele Bildungssysteme erlebt, und ich muss sagen: Das deutsche Schulsystem ist im Vergleich sehr zurückgeblieben.
Und das deutsche Schulsystem ist starr, wie sie einige Male betont haben. Auf was genau spielen Sie damit an?
Unsere Schulen funktionieren nach einem sehr strukturierten Schema, es geht um Leistungstabellen und andere Vorgaben, nach denen man Schülerinnen und Schüler bewertet. Sie dürfen keine Fehler machen, Fehler werde bestraft – anstatt dass man die jungen Menschen frei ausprobieren lässt, um selbst auf eine Lösung zu kommen. Es gibt nur den einen, richtigen, vorgegebenen Weg.
Aber das Leben verläuft nicht geradlinig, weder privat noch beruflich. Wenn man Kindern die Freiheit nimmt, sich und die Welt selbst entdecken zu können, nimmt man ihnen auch die Chance, ihre Potenziale zu finden – und sie darin zu bestärken. Wenn zum Beispiel jemand schlecht in Mathe aber ein Sprachentalent ist, muss er oder sie trotzdem akribisch jedes mathematische Detail lernen. Besser wäre doch ihn oder sie in Sprachen stärker zu fördern.
Ich bin viel in der Welt unterwegs, habe schon viele Bildungssysteme erlebt, und ich muss sagen: Das deutsche Schulsystem ist im Vergleich sehr zurückgeblieben.
Von welchen Vorbildern könnte unser Schulsystem lernen?
Viel erreicht wäre meiner Meinung nach schon, wenn man die von Vera F. Birkenbihl propagierten Lernmethoden in den Schulalltag integrieren würde. Die Psychologin kritisierte unser Bildungssystem als nicht mehr zeitgemäß, da es Kreativität durch Auswendiglernen, Notendruck und starre Strukturen unterdrücke. Sie forderte stattdessen ein gehirngerechtes Lernen, das individuelle Potenziale und freies Denken fördert, indem es Rücksicht darauf nimmt, wie das Gehirn am besten lernt, nämlich assoziativ, kreativ und emotional. Kurz gesagt: Birkenbihls Methoden laufen darauf hinaus, spielerisch Inhalte zu vermitteln, die dem Gehirn Spaß machen, nachhaltig und fair sind.
Inwiefern sind Vera F. Birkenbihls Methoden fair?
Indem diese Ansätze individuelle Potenziale fördern, gibt man allen Kindern, auch sozial oder in anderer Form benachteiligten, die gleichen Chancen. Alle Schülerinnen und Schüler wären damit auf einem ähnlichen Level, könnten entsprechend ihrer individuellen Kompetenzen gedeihen und damit auch der Gesellschaft nützen.
Wenn Sie eine Sache im Bildungssystem sofort verändern könnten, welche wäre das?
Ich würde die Kinder schon im früheren Alter mehr entscheiden und ausprobieren lassen – am besten im Team, das nicht unbedingt aus den vier besten Freunden oder Freundinnen bestehen sollte, damit die Teammitglieder lernen, sich mit verschiedenen Charakteren, Meinungen und Talenten auseinanderzusetzen – und gemeinsam Lösungen zu finden. Das würde zeitgleich auch die sozial-emotionalen Kompetenzen stärken, die neben dem erwähnten Gemeinschaftssinn der Selbstregulierung und Empathiefähigkeit dienen. Dürfte ich eine zweite Sache ändern, würde ich veranlassen, dass die Schulen verstärkt auf die Förderung der Lernkompetenz setzen. Kinder sind nicht mehr so neugierig, haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und nicht mehr so viel Spaß daran, neue Dinge zu lernen und zu entdecken. Das hat neben dem starren Schulsystem sicher auch mit den Sozialen Medien zu tun. Dadurch, dass sie dort meist nur konsumieren und vermeintliche Lösungen mit einem Klick präsentiert kriegen, haben sie verlernt, sich Zeit dafür zu nehmen, sich Dinge selbst anzueignen.
Was wünschen Sie der nächsten Generation von Kindern?
Dass sie ernster genommen werden, wieder mehr Spaß haben, in die Schule zu gehen und jeden Tag aufstehen – mit Vorfreude und Neugierde auf das, was sie entdecken werden.
Über Creative Impact e.V.
Michael Zikeli ist Gründer von Creative Impact e. V.. Der wohltätige Verein verbindet Bildungs-, Kreativitäts- und Sportangebote, um Kindern und Jugendlichen echte Chancen zu geben – dort, wo sichere Räume und Förderung fehlen. Denn: „Bildungslücken, Bewegungsmangel und fehlende kreative Förderung lassen Kinder mit strukturellen Nahteilen ins Leben starten und prägen ganze Lebenswege.“
So können Sie helfen

Auszug aus dem neuen wir helfen-Folder 2025_2026
Copyright: MALZKORN Kommunikations- und Kreativagentur
- Mit unserer Jahresaktion „wir helfen: Kinder frühzeitig auf einen guten Weg zu bringen“ bitten wir um Spenden für präventive Projekte in Köln und der Region, die gefährdete Kinder und Jugendliche schützen , fördern und ihnen zu einer guten Zukunftsperspektive verhelfen.
- Die Spendenkonten lauten: wir helfen e.V.
- Kreissparkasse Köln, IBAN: DE03 3705 0299 0000 1621 55
- Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE21 3705 0198 0022 2522 25
- Wünschen Sie eine Spendenbescheinigung, geben Sie bitte +S+ im Verwendungszweck an. Sollten sie regelmäßig spenden, ist auch eine jährliche Bescheinigung möglich. Bitte melden Sie sich hierzu gerne per E-Mail bei uns. Soll Ihre Spende nicht veröffentlicht werden, notieren Sie +A+ im Verwendungszweck. Möchten Sie anonym bleiben und eine Spendenbescheinigung erhalten, kennzeichnen Sie dies bitte mit +AS+.
- Bitte geben Sie in jedem Fall auch immer ihre komplette Adresse an. Auch wenn Sie ein Zeitungsabonnement der „kstamedien“ beziehen, ist Ihre Adresse nicht automatisch hinterlegt.
- Sollten Sie per PayPal spenden, beachten Sie bitte, dass Ihre Spende immer anonym ist. Wünschen Sie eine Spendenbescheinigung schicken Sie eine E-Mail an uns.
- Möchten Sie anlässlich einer Trauerfreier, einer Hochzeit oder eines Geburtstags zu einer Spendenaktion aufzurufen, informieren Sie uns bitte vorab per E-Mail über die Aktion. Sehr gerne lassen wir Ihnen dann, zwei Wochen nach dem letzten Spendeneingang, die gesammelte Spendensumme zukommen.
- Kontakt: „wir helfen e.V.“, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, Telefon: 0221-224-2789 (Allgemeines, Anträge, Regine Leuker/Meike Vojta), 0221-224-2130 (GD/Redaktion, Caroline Kron) wirhelfen@kstamedien.de
- Mehr Infos und die Möglichkeit, online zu spenden, finden Sie auf unserer Vereinshomepage www.wirhelfen-koeln.de
