Mädchen und junge Frauen mit sogenannter geistiger oder körperlicher Behinderung stehen im Alltag vor besonderen Herausforderungen. Ein Projekt von „Lobby für Mädchen“ soll sie stärken.
Lobby für MädchenKölner Verein stärkt junge Frauen mit Behinderungen

Teilnehmerinnen des Projekts „Hürden überwinden“ mit Projektleiterin Alina Jurksch (hinten rechts) und Mitarbeiterin Lynn Goosens (vorne links)
Copyright: Inge Swolek
Junge Frauen mit Einschränkungen erleben häufig Fremdbestimmung, werden unterschätzt oder nicht ernst genommen. Hinzu kommen Erfahrungen mit sexueller Belästigung, Gewalt und Grenzverletzungen im öffentlichen Raum und insbesondere auch in ihrem direkten Umfeld – im Elternhaus, in der Schule oder im Job. Genau hier setzt das Projekt „Hürden überwinden“ des Kölner Vereins „Lobby für Mädchen“ an. Ziel ist es, die Teilnehmerinnen zu stärken, ihnen eine Stimme zu geben und die Öffentlichkeit auf ihre Lebensrealität aufmerksam zu machen. Die Workshops finden direkt in Förderschulen und Werkstätten für Menschen mit Behinderung statt und schaffen so einen geschützten Raum, in dem die Mädchen offen über ihre Erfahrungen sprechen können.
Einem Mädchen wurde ungefragt an den Po gefasst
„Dadurch, dass wir vor Ort sind, fällt oft schon die erste Hürde. Viele Mädchen fassen schnell Vertrauen, öffnen sich und erzählen uns von ihren Problemen“, sagt Projektmitarbeiterin Lynn Goosens – und Projektleiterin Alina Jurksch ergänzt: „Ist das Vertrauen erst einmal da, sind die Mädchen sehr offen. Eine Teilnehmerin erzählte mir, dass ein Arbeitskollege in der Werkstatt ihr ungefragt an den Po gefasst hat. Eine andere berichtete, dass sie auf dem Schulhof ungewollt geküsst wurde.“ Neben sexuellen Übergriffen erleben viele Mädchen auch starke Einschränkungen im Alltag. „Wenn deren Eltern etwa bestimmen, was sie zu essen, welche Kleider sie zu tragen oder wie sie ihr Zimmer einzurichten haben. Sorgen um ihre Sicherheit führen dazu, dass diese Mädchen und junge Frauen oft übermäßig beschützt werden, und erleben müssen, dass ihre Meinung nicht zählt.“
Eigene Grenzen erkennen und setzen
Der Umgang mit solchen Themen erfordert viel Fingerspitzengefühl, nur dann kommt ein offenes Gespräch zustande. Viele junge Betroffene sind sehr zurückhaltend und fürchten Ablehnung. Und wenn dann etwas passiert, hören sie oft Sätze wie: „Stell dich nicht an“, „Das war bestimmt nicht so gemeint“. „Wenn man das über Jahre hört, verliert man das Vertrauen in die eigenen Gefühle. Genau da setzen wir an und stärken die Selbstbestimmung. Man sollte den Mädchen und jungen Frauen Entscheidungsmöglichkeiten geben – etwa in der Wahl der Kleidung oder beim Essen. Selbstbestimmung beginnt im Kleinen“, sagt Jurksch. Ein zentrales Ziel des Projekts ist es, den Mädchen und jungen Frauen dabei zu helfen, eigene Grenzen zu erkennen und zu setzen. Sie sollen lernen, zu entscheiden, was sie möchten und was nicht. „Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, etwa, wenn während der Körperpflege jemand übergriffig wird, dann sollen sie wissen: Das ist nicht in Ordnung.
Sie dürfen und sollen Nein sagen, sich wehren und anderen davon erzählen. Die Schuld liegt immer beim Täter,“ sagt Jurksch. „Unsere aufklärende Arbeit ist nicht immer angenehm – weder für Einrichtungen noch für Eltern. Wenn Missstände sichtbar werden, stehen wir an der Seite der Betroffenen: als Anwältinnen und Sprachrohr für diese Mädchen. Wir sorgen dafür, dass ihre Stimmen gehört werden“, betont Sabine Osbelt, die geschäftsführende Vorständin von „Lobby für Mädchen“. Bei den Workshops achtet das Team besonders darauf, Inhalte verständlich aufzubereiten – mit einfacher Sprache, visuellen Materialien und individueller Unterstützung. So können auch Mädchen mit Lernschwierigkeiten aktiv teilnehmen. Ein wichtiges Element der Workshops ist die „Wundertüte“.
Finanzielle Selbstbestimmung ist ein großes Thema
Sie enthält verschiedene Gegenstände, die Themen wie Sexualität, Selbstbestimmung, Rechte und Alltag greifbar machen. Zwar sorgt sie oft zunächst für Unsicherheit, doch die Neugier überwiegt meist schnell. Die Gegenstände werden gemeinsam in der Gruppe besprochen, angefasst und ausprobiert. Private und finanzielle Selbstbestimmung: Über Kondome, Menstruationsprodukte oder auch ein Handy kommen Jurksch und Goosens mit den Teilnehmerinnen ins Gespräch über die Privatsphäre, die viele der jungen Frauen erst lernen müssen, einzufordern. Auch finanzielle Selbstbestimmung ist immer wieder Thema. „Viele Mädchen dürfen nicht selbst über ihr Geld verfügen, teilweise wird es ihnen sogar weggenommen, auch von Vormündern. Wir klären darüber auf, dass die Teilnehmerinnen ein Recht darauf haben, selbst zu entscheiden, wofür sie ihr in der Werkstatt verdientes Geld ausgeben“, sagt Jurksch.
Das Projekt, das auch von „wir helfen“ gefördert wird, zeigt, wie wichtig Aufklärung, Schutzräume und Selbstbestimmung für betroffene Mädchen und junge Frauen sind. Viele von ihnen haben über einen Workshop den Weg in die Beratungsstellen von „Lobby für Mädchen“ gefunden und suchen auch in ihrer Freizeit die offenen Angebote in dessen beiden Kölner Mädchenzentren auf. In den vergangenen fünf Jahren hat das „Lobby für Mädchen“-Team 997 Mädchen erreicht, 376 Workshops und 112 Beratungen angeboten, 799 Fachkräfte und 148 „Peers“, also gleichaltrige Betroffene, sensibilisiert und geschult. Diese Zahlen machen die Bedeutung, Wirksamkeit und den Bedarf des niederschwelligen Projekts deutlich.
Doch dessen Zukunft ist ungewiss: Die Landesfinanzierung läuft Ende des Jahres aus, damit ist das Angebot ab dem Jahr 2027 nicht mehr realisierbar. „Wir brauchen eine nachhaltige Finanzierung. In den vergangenen sechs Jahren haben wir intensiv an dem Thema Gewaltschutz gearbeitet, haben Vertrauen aufgebaut und können diese Mädchen und jungen Frauen doch nicht einfach im Regen stehen lassen“, sagt Osbelt – und fügt mahnend an: „Wir stehen als Gesellschaft in der Verantwortung, Angebote für diese Personengruppe, die überproportional häufig von Gewalt betroffen ist, zu schaffen.“ 37 Prozent weibliche Opfer. Im Jahr 2024 gab es erstmals eine wissenschaftliche Studie über das Ausmaß und die Betroffenheit von sexueller Belästigung und Gewalt in Deutschland gegen Menschen mit Behinderungen. Die gemeinsame Untersuchung des Bundesfamilien- und des Bundesarbeitsministeriums bestätigt: 37 Prozent der weiblichen Werkstattbeschäftigten haben sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt – und damit mehr als doppelt so viele wie männliche Beschäftigte mit 15 Prozent.
