Psychische Belastungen bei jungen Menschen nehmen zu – Ein Workshop will auch in Köln Abhilfe schaffen.
Mental Health„Ich war schockiert, wie schlecht es Schülern geht“

Viele Jugendliche auch an Kölner Schulen haben psychische Probleme.
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Bei einem Schülersprechtag vor fünf Jahren machte Winfried Schneider eine Erfahrung, die ihn bis heute beschäftigt. „Vor mir saßen mindestens sieben Schüler, jeweils allein, verzweifelt und weinend. Einige erzählten, dass sie morgens nicht mehr aus dem Bett kommen, unter Angst-, Essstörungen, Depressionen leiden“, erinnert sich der Oberstufenleiter der Katharina-Henoth-Gesamtschule.
Der erfahrene Pädagoge hatte so etwas zuvor noch nie erlebt. „In diesem Alter wollen doch alle stark wirken. Aber plötzlich sitzen junge Menschen vor dir und sprechen offen über ihre seelischen Probleme. Mich hat schockiert, wie schlecht es vielen Jugendlichen psychisch geht.“ Schneider sprach daraufhin mit anderen Kölner Schulen und lud zu einem runden Tisch ein. Rund 50 Menschen kamen zusammen – Lehrer, Sozialarbeiterinnen, Politiker und Expertinnen.
Irrsinnig menschlich: Für eine gute psychische Gesundheit von Schülern
Schnell war klar, dass das Problem nicht nur an seiner Schule existiert. Auf der Suche nach Unterstützung stieß Schneider auf den Verein „Irrsinnig Menschlich e. V.“, der sich bundesweit seit mehr als 20 Jahren für die psychische Gesundheit junger Menschen einsetzt.
Ein bundesweites Vorzeigeprojekt des Vereins ist der Schulworkshop „Verrückt? Na und!“, der bereits mehrfach prämiert wurde. Mit dem Workshop sollen Schulen ermutigt werden, sich aktiv mit psychischen Erkrankungen ihrer Schülerinnen und Schüler auseinanderzusetzen. Denn psychische Erkrankungen beginnen oft schon im Jugendalter. Trotzdem vergehen häufig Jahre, bis sich Betroffene Hilfe suchen. Ein vorrangiges Ziel ist es, Jugendliche zu motivieren, offen über ihre Gefühle, Ängste oder Stress zu sprechen. Gleichzeitig sollen Vorurteile abgebaut und Schülerinnen und Schüler frühzeitig für psychische Belastungen im eigenen Umfeld sensibilisiert werden.
Aus Angst vor Stigmatisierung nicht in der Lage, Hilfe zu holen
„Die größte Hürde ist oft die Angst vor Stigmatisierung“, sagt Klaus Petruschinski, einer der beiden Vereinsvorsitzenden der Gesellschaft zur Förderung psychischer Gesundheit und Resilienz, die den Workshop „Verrückt? Na und!“ in der Kölner Region anbietet. Im Team sind Fachmenschen aus dem psycho-sozialen Bereich und von psychischen Krisen Betroffene – wie Karin Protoschill.

Klaus Petruschinski ist Vorsitzender des Vereins „Gesellschaft zur Förderung psychischer Gesundheit und Resilienz“.
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Unser Anliegen ist es, das Thema psychische Gesundheit und Belastungen von Schülerinnen und Schülern aus der Tabuzone zu holen
Die 60-Jährige engagiert sich seit der Vereinsgründung der Gesellschaft zur Förderung psychischer Gesundheit und Resilienz vor sechs Jahren ehrenamtlich bei „Verrückt? Na und!“ und berichtet dort offen über ihre schwierige Kindheit auf dem Kölnberg in Meschenich. „Ich lese meine persönliche Geschichte vor. Ich bin in einer extrem belasteten Familie aufgewachsen, Gewalt gehörte zum Alltag. Nach außen habe ich funktioniert und eine gute Fassade aufgebaut – bis ich sie irgendwann nicht mehr aufrechterhalten konnte und alles ausgebrochen ist.“
Schwierige Kindheit auf dem Kölnberg in Meschenich
Zwölf Minuten dauert ihr Vortrag. „Da steckt mein ganzes Leben drin. Im Klassenraum ist es immer mucksmäuschenstill, fast magisch. Dann kommen die ersten Fragen – und plötzlich erzählen Schüler auch ihre eigenen Geschichten. Manche laufen mir hinterher, weil sie endlich mit jemandem reden möchten“, sagt Protoschill. Einfache Lösungen gebe es nicht. Wichtig sei, Jugendliche ernst zu nehmen und ihnen Mut zu machen, sich Hilfe zu holen. „Unser Anliegen ist es, psychische Gesundheit aus der Tabuzone zu holen“, betont Petruschinski.
„Viele Jugendliche sprechen aus Angst oder Scham nicht über ihre Belastungen und trauen sich nicht, Hilfe zu suchen. Genau dort setzen wir präventiv an.“ Betroffene Schüler werden nach dem Workshop nicht allein gelassen. Der Verein arbeitet mit Hilfsangeboten in der Region zusammen und verfügt über eine Liste mit Anlaufstellen für Jugendliche und deren Eltern. Wie wichtig solche Angebote sind, zeigt die Geschichte von Daniel (Name geändert).
Kölner Schüler wird Opfer von gefälschtem Instagram-Account
Der Oberstufenschüler wurde gemobbt, beleidigt und es wurden Lügen über ihn verbreitet. „Ich hatte oft Angst, in die Schule zu kommen“, erzählt der 17-Jährige. Besonders belastend sei ein gefälschter Instagram-Account gewesen, auf dem Mitschülerinnen und Mitschüler sich über ihn lustig machten. Die Demütigungen hätten tiefe Spuren hinterlassen. Nach zahlreichen Therapien geht Daniel heute anders mit solchen Situationen um. „Ich habe gelernt, dass ich ein Schutzschild aufbauen muss. Ich versuche, die Beleidigungen an mir abprallen zu lassen.“

Winfried Schneider ist Oberstufenleiter der Katharina-Henoth-Gesamtschule.
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Ich bin überzeugt davon, dass ein Drittel der Oberstufenschülerinnen und -schüler psychische Probleme hat
Statt sich zurückzuziehen, sucht Daniel häufiger die direkte Auseinandersetzung. „Früher habe ich eher geweint. Heute werde ich wütender, versuche, ins Gespräch zu kommen.“ Daniel nahm auch an seiner Schule am Workshop „Verrückt? Na und!“ teil – und sieht darin eine wichtige Hilfe für Jugendliche. „Er ist richtig gut aufgebaut. Erst stellt sich jeder vor, dann werden Fotos von Prominenten gezeigt, die öffentlich über ihre psychischen Probleme gesprochen haben. Anschließend erzählt eine Person ihre Lebensgeschichte. Das ist sehr bewegend.“
Kölner Lehrer auf der Suche nach Förderern für Präventionsangebote
Daniel versteht sich als Mutmacher für andere Jugendliche. Wenn er Mitschüler bemerke, denen es ähnlich gehe wie ihm damals, versuche er zuzuhören und sie zu unterstützen. „Ich könnte mir vorstellen, dass psychische Gesundheit regelmäßig auf dem Stundenplan steht – einfach so selbstverständlich wie Mathe oder Englisch.“ Der eintägige Workshop „Verrückt? Na und!“ ist seit fünf Jahren fester Bestandteil der Jahrgangsstufe 12 an der Katharina-Henoth-Gesamtschule. Mehr sei derzeit kaum möglich – denn die Schule zahlt rund 500 Euro pro Termin. Schneider versucht deshalb, zusätzliche Fördermittel zu finden, um die Workshops und andere Präventionsprogramme regelmäßig anbieten zu können.
„Wir haben aktuell rund 300 Schüler in der Oberstufe. Mehr als 20 haben sich mir persönlich anvertraut. Aber ich bin überzeugt davon, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist und dass mindestens ein Drittel der Oberstufenschüler psychisch belastet ist.“ Für Schneider steht fest, dass psychische Gesundheit an Schulen kein Randthema sein darf. Sein Appell richtet sich vor allem an Erwachsene und Lehrkräfte: „Seien Sie aufmerksam. Schauen Sie hin und helfen Sie. Denn die Jugend ist unsere Zukunft.“ Schulen, die sich für den Workshop interessieren, können sich per E-Mail melden.