Abo

Singschule Köln-MitteMusik für alle Kinder!

5 min
Sechs Kinder srpngen in die Luft, klatschen dabei in die Hände und singen laut.

Zu Besuch bei der Chorzeit der Singschule Köln-Mitte - Hier singen Kinder mit dem ganzen Körper! 

Die Singschule Köln-Mitte bringt musikalische Bildung in Kitas und Grundschulen.

Hände wirbeln durch die Luft, Beine in die Höhe, Füße tippeln, Kinderstimmen steigen auf und ab. Wenn, wie an diesem spätsommerlichen Dienstagnachmittag, die Chorzeit im Gemeindezentrum St. Agnes beginnt, könnte man meinen, es handele sich um eine Trainingsstunde rhythmische Gymnastik. Denn bei der Chorprobe singen Greta, Franka, Simon und die weiteren heutigen elf jungen Teilnehmerinnen nicht nur, sie sind mit dem ganzen Körper bei der Sache, hüpfen, springen, klatschen im Takt – und man spürt sofort: Die Kinder haben das ABC der Musik im Blut.

Die„ Chorzeit“ am Nachmittag ist eines von drei – auch von „wir helfen“ geförderten – Angeboten, mit der die Singschule Köln-Mitte inzwischen unter Leitung von Dirk Johannes-Neumann seit dem Jahr 2019 weit mehr als 600 Kinder und Jugendliche mit allen Sinnen an die Musik heranführt.

Musikalische Bildung für 600 Kölner Kinder und Jugendliche

Insgesamt singen hier unter Anleitung eines Teams von geschulten Dozentinnen und Dozenten weit mehr als 600 Kinder, denn die Singschule findet an verschiedenen Orten statt: Neben der „Chorzeit“ für Kinder ab drei Jahren gibt es die „Singzeit“ an zwei Grundschulen, der Nikolaus-Groß-Schule und der Freinet-Schule, und an sechs Kitas wird die „Musikzeit“ angeboten. Gemeinsam ist allen drei Formaten die Idee, Musik für alle Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen und sie zunächst körperlich zu erfahren, bevor es an die Noten geht.

Der ungarische Komponist und Musikpädagoge Zoltán Kodály war der Meinung: Jeder Mensch sollte ein Instrument beherrschen, nämlich die eigene Stimme. Denn sie steht jeder und jedem zur Verfügung – kostenlos, jederzeit und überall. Auf diesem Gedanken beruht die nach ihm benannte Kodály-Methode, die auch in der Singschule Köln-Mitte eine zentrale Rolle spielt.

Singschule-Kinder haben das musikalische ABC im Blut

„Die Kinder sollen bei diesem ganzheitlichen musikalischen Ansatz eine Melodie erst innerlich begreifen, spüren, dass hinter jeder Note ein Klang steht, und hinter jeder Tonfolge eine Bewegung, bevor sie die Melodie auf dem Papier entziffern“, sagt Dirk-Johannes Neumann. Dabei seien die sieben Tonsilben der so genannten relativen Solmisation der musikalische Wegweiser, denn sie funktionierten wie sieben musikalische Buchstaben, aus denen sich unzählige Melodien bilden ließen.

13 Kinder stehen um einen schwarzen Konzertflügel herum, an den Tasten sitzt der Leiter der Singschule Köln-Mitte Dirk-Johannes Neumann dahinter steht Stimmbildnerin Franzsika Schacht

Junge Sängerinnen und Sänger mit dem Leiter der Singschule Köln-Mitte Dirk-Johannes Neumann und Stimmbildnerin Franziska Schacht.

So wandern auch an diesem Dienstagnachmittag immer wieder diese sieben Tonsilben „Do, Re, Mi, Fa, So, La, Si“ durch den Raum. Dabei klingen die Kinderstimmen mal vorsichtig, mal hell und kräftig – und genau dann ist Franziska Schacht im Spiel. Für die Singschule Köln-Mitte ist die Gesangspädagogin seit 2020 als Stimmbildnerin aktiv und verhilft den jungen Sängerinnen und Sängern dazu ihre Stimme – und sich selbst zu finden.

Singen wie es ein Weinfass oder Sumo-Ringer täte

Indem Franziska Schacht die Kinder zum Beispiel dazu animiert, umherzulaufen und dabei den Raum mit ihren Zauberstimmen zu füllen, laut „Ohhhhh“ zu singen und sich dabei wie ein Weinfass, alternativ wie ein Sumo-Ringer zu fühlen, sanft wie eine Katze zu Schnurren oder bei einem kräftigen „Bäh“ die Zunge weit herauszustrecken. Beim anschließenden gemeinsamen Singen zeichnen Greta, Franka, Simon und ihre Mitstreiterinnen hier und da mit ihren Händen den Verlauf einer Melodie in die Luft, heben, senken ihre Hände oder lassen sie auf einer bestimmten Höhe ruhen.

Diese Handzeichen bilden eine Art Gebärdensprache der Musik, machen sichtbar, wohin sich eine Melodie bewegt. „Die Handzeichen sind aber kein Pflichtprogramm. Sie sind eine Hilfe, besonders am Anfang, unterstützen das Hören und verstärken die Verbindung zwischen Klang, Bewegung und Vorstellung“, sagt Neumann.

Musik mit allen Sinnen erfahren - und umsetzen

Viele der Kinder, die an der Chorzeit teilnehmen, kennen das ABC der Musik aus dem Effeff, denn sie haben es schon in der Kita im Rahmen der „Musikzeit“ erlernt. Bei diesem Angebot der Singschule kommen speziell geschulte Musikpädagoginnen und Musikpädagogen einmal pro Woche in die Kindertagesstätten, ermöglichen den Vier- bis Sechsjährigen erste musikalische Erfahrungen – und lassen sie nach der Kodály-Methode Rhythmus, Klang und Melodie mit dem Körper erfahren.

In den sechs Kitas der Familienzentren der pastoralen Einheit Köln-Mitte wird die Musikzeit angeboten. An Grundschulen nennt sich das Angebot Singzeit. Zwei mal pro Woche besuchen professionelle Musikerinnen und Musiker die Nikolaus-Groß-Grundschule und die Freinet-Schule, um mit den Grundschulkindern jeweils 20 Minuten im Klassenverband zu singen und ihnen eine kurze Unterbrechung vom Unterrichtsalltag, Raum zum Durchatmen und die Möglichkeit zu bieten, sich kreativ auszudrücken.

Gemeinsames Singen fördert Chancengleichheit und Integration

„Unser Ziel ist es, dass die Kinder am Ende der Grundschulzeit einfache Lieder sicher vom Blatt singen können. Wir vermitteln dabei aber mehr als musikalische Grundkenntnisse, denn das gemeinsame Singen wirkt weit über die Musik hinaus“, sagt Franziska Schacht. Wer gemeinsam singt, muss auf andere achten. Die eigene Stimme soll hörbar sein, darf aber die Stimmen der anderen nicht überdecken. So werden nebenbei Konzentration, Kreativität und soziale Fähigkeiten gefordert – und gefördert.

Vier Mädchen stehen vor einer Tafel, auf der die Noten des Lieds Gloria mit weißer Kreide aufgemalt sind - ein Kind erklärt, wie die Noten funktionieren.

Erst wenn die Melodie im Blut ist, werden Noten gepaukt.

Das Singen wird zum Mittel der Verständigung, auch dort, wo Kita- und Grundschulkinder unterschiedliche sprachliche oder kulturelle Erfahrungen mitbringen. „Musik ist eine universelle Sprache. Sie kann Sprachbarrieren überwinden und Menschen miteinander verbinden. Damit sorgt musische Bildung auch für mehr Chancengleichheit und Integration“, sagt Neumann.

Die Kraft und die Macht der jungen Generation

In diesem Satz steckt das Selbstverständnis der Einrichtung: Singen soll kein Angebot für wenige musikalisch besonders begabte Kinder sein, sondern eine Möglichkeit für alle. Darüber hinaus sorgt das Singschule-Projekt für mehr Selbstbewusstsein, denn regelmäßige Präsentationen und Konzerte – auch gemeinsam mit Erwachsenenchören und Orchestern – geben den teilnehmenden Kindern Gelegenheit, ihre Fortschritte vor ihren Familien und der Schulgemeinschaft zu zeigen und zu erfahren: Ich kann etwas lernen, ich kann etwas beitragen, meine Stimme zählt – und kann Teil eines größeren Ganzen werden.

Die Macht der KinderSo geht es auch an diesem Spätsommernachmittag bei der Chorzeit im Gemeindezentrum vor allem darum, dass die 14 teilnehmenden Kinder das „Gloria“ von Antonio Vivaldi einüben, das sie beim großen Konzert am 11. Oktober gemeinsam mit den St. Agnes-Chören und dem Orchester Harmonie Universelle in der Agnes-Kirche präsentieren. Doch offenbar viel lieber und mit mehr Verve stimmen sie in das Lied „Wir sind Blumen“ ein. Wahrscheinlich, weil es darin um die Kraft und die Macht der jungen Generation geht: „Wir sind Kinder, wir sind viele, wir sind der Erden Stolz. Hört auf uns, wir können vieles, wir sind stark!“


i