Abo

600.000 Mal verkauft„Bestes deutsches Spiel“ – Kölner Entwickler machen Millionen mit Videogame

6 min
Die Computerspiele-Entwickler David Zapfe-Wildemann und Raven Rusch von dem Kölner Independent-Gamingstudio Neoludic sitzen in ihrem Büro vor einem Bildschirm, auf dem die Startseite des Spiels Tiny Bookshop zu sehen ist.

David Zapfe-Wildemann und Raven Rusch haben das Entschleunigungsspiel Tiny Bookshop entwickelt. 

Mit „Tiny Bookshop“ feiert Neoludic Games zwar einen riesigen Hit – von wirtschaftlichen Erfolgszahlen will sich das Kölner Entwicklerstudio trotzdem frei machen. 

2019, zwei Freunde, ein Trip nach Neuseeland, ein kleiner Bücherwagen an der Promenade von Christchurch. Ein älterer Mann, der lesend davor sitzt und gelegentlich ein Werk an stöbernde Kundinnen und Kunden verkauft. Eine Vision: „Entweder, ich kaufe mir selbst einen Bauwagen mit dem gleichen Konzept, oder ich mache ein Videospiel daraus“, erinnert sich David Zapfe-Wildemann – damals Student für Digital Games an der Technischen Hochschule (TH) Köln – heute.

Er und Kommilitone Raven Rusch entschieden sich für die zweite Option. Im August 2025, sechs Jahre nach dem zündenden Moment im gemeinsamen Auslandssemester, veröffentlichten sie mit ihrem in der Zwischenzeit gegründeten Entwicklerstudio Neoludic das Videospiel „Tiny Bookshop“: eine Utopie im fiktiven Küstenstädtchen Bookstonbury-by-the-Sea, in der Spielerinnen und Spieler ihre eigenen Lädchen aufbauen, gebrauchte Bücher verkaufen, sich mit den Einheimischen anfreunden, Rätsel lösen, Zeitung lesen, Briefmarken sammeln. Kurz: dem Alltagsstress in einer nostalgischen, analogen Welt entfliehen.

Wirtschaftlich und karrieretechnisch scheint es die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Seit Verkaufsstart geht das Entschleunigungs-Spiel, auch Cozy-Game („cozy“ heißt „gemütlich“ auf Englisch) genannt, in der Computer-Variante durch die Decke. Es ist kein besonders aufregendes Spiel, weit entfernt von Action, Shooter oder Sportsimulation. Gewinnen oder Verlieren spielen keine Rolle – aber da liegt vielleicht genau der Reiz drin. 

600.000 Mal wurde Tiny Bookshop in den ersten Monaten verkauft

600.000 Kopien wurden in den vergangenen fünf Monaten verkauft. Bei einem Durchschnittspreis von 15 Euro auf dem internationalen Markt spielte „Tiny Bookshop“ einen Umsatz von rund neun Millionen Euro ein. Ein einstelliger Millionenbetrag reiner Gewinn landete seit Verkaufsstart auf dem Unternehmenskonto der beiden Kölner, 27 und 29 Jahre alt.

Dass ein Videospiel aus der Indie-Szene einen solchen Durchbruch schafft, ist in der Branche eher ungewöhnlich. Indie-Studios bestehen meist aus kleinen Entwicklergruppen, die unabhängig („independent“) von der Finanzierung großer Unternehmen wie Sony, EA oder Nintendo Spiele produzieren – so auch Neoludic, das neben den beiden Geschäftsführern lediglich fünf weitere Angestellte zählt.

Während der Entwicklung vom Prototypen zum echten Spiel, bei der sie unter anderem vom Inkubator-Programm des Cologne Game Labs der TH profitierten, vergrößerten sie ihr Team kurzzeitig: „Da saßen wir dann allein mit sieben Entwickelnden dran. Irgendwie war es ziemlich chaotisch, weil wir in kurzer Zeit lernen mussten, Teams zu managen und ein Projekt hochzuskalieren“, sagt Rusch, der bis dato eher Games mit einer Spielzeit von 20 bis 30 Minuten konzipiert hatte. Jetzt sollten es mehrere Stunden werden.

Neoludic macht mit „Tiny Bookshop“ einen Gewinn in niedriger einstelliger Millionenhöhe

Sie investierten Arbeitszeit und Geld, zusammengekratzt aus Eigen- und Fördermitteln, wie der Prototypenförderung des Landes Nordrhein-Westfalen in Höhe von knapp 80.000 Euro. Schließlich konnte Neoludic einen amerikanischen Verleger von ihrem Videospiel überzeugen, der 420.000 Euro zusteuerte. 

Aus einer anfänglichen Idee für eine Bachelorarbeit wuchs etwas Größeres. Und obwohl das Feedback von Studienkolleginnen und -kollegen durchweg positiv war – „man sah das Funkeln in den Augen“, sagt Zapfe-Wildemann – hätte das Projekt auch floppen können. „Die Chance, ein Indie-Game zu entwickeln, das sich häufig verkauft, ist sehr niedrig“, sagt er. 

Kein Wunder. Allein auf der Vertriebsplattform Steam, auf der auch die Kölner ihren „Tiny Bookshop“ erstmals veröffentlichten, erschienen 2025 mehr als 20.000 Spiele, also etwa 54 pro Tag. Die meisten werden aber von kaum jemandem beachtet, geschweige denn gespielt oder verkauft. Gerade einmal sechs Prozent der Spiele verbuchten Steam zufolge im vergangenen Jahr mehr als 500 Bewertungen, sogenannte Reviews, die Auskunft über den Erfolg eines Titels geben. „In Deutschland braucht es mindestens 2000 Reviews, um in der Lage zu sein, Gehälter an seine Angestellten zu zahlen und die Kosten zu decken“, erklärt Zapfe-Wildemann. „Rein statistisch sprach also vieles gegen unseren Erfolg.“ 

Eine der ersten Skizzen des Bücherwagens von Raven Rusch

Eine der ersten Skizzen des Bücherwagens von Raven Rusch. Inzwischen ist daraus eine digitale Spielwelt entstanden.

Doch mit „Tiny Bookshop“ scheinen er und Rusch die Statistik überlistet zu haben, nicht nur was die Verkaufszahlen angeht. Im Dezember 2025 wurden sie in gleich drei Kategorien mit dem Entwicklerpreis ausgezeichnet: als bestes deutsches Spiel, bestes Indie-Game und für die beste Grafik. Für Letztere zeichnet Rusch verantwortlich, der aus zunächst handgemalten Skizzen die bunten Spielwelten und Charaktere auf dem Bildschirm erschafft. Zapfe-Wildemann kümmert sich währenddessen neben dem Programmieren um das Spieldesign: die Regeln und die Geschichte des Games. 

In der Laudatio hieß es: „Mit Herz, Handwerk und einem unverwechselbaren Stil lässt das Gewinnerspiel Kreativität, Wärme und Gemeinschaft miteinander verschmelzen.“ Diese Werte sind den beiden auch bei einem Besuch in ihrem unscheinbaren, aber gemütlich eingerichteten Büro in Köln-Mülheim anzumerken. Dort wechselt man beim Eintritt Straßen- gegen Hausschuhe. In der Küche wird mittags gemeinsam gekocht. Im Treppenhaus hängen verschiedenste Urkunden. Im Flur stehen auf einer Kommode die schweren Trophäen, daneben stehen Gruppenfotos vom Team. 

Wir sind eher ein Handwerksbetrieb, eine Art Atelier. Ein Start-up hat ja meistens das Ziel, schnell zu wachsen, um dann verkauft zu werden. Das wollen wir nicht.
David Zapfe-Wildemann, Spieleentwickler

Hier herrscht keine gezwungen hippe Start-up-Stimmung – und so sehen sich Zapfe-Wildemann und Rusch auch nicht, obwohl sie Neoludic erst 2021 gegründet haben. Flache Hierarchien seien zwar ihr Ding. Doch das Kreative stehe im Vordergrund. „Wir sind eher ein Handwerksbetrieb, eine Art Atelier. Ein Start-up hat ja meistens das Ziel, schnell zu wachsen, um dann verkauft zu werden. Das wollen wir nicht.“ Ganz indietypisch wollen sie die Kontrolle über den künstlerischen Schaffensprozess und das Game-Design wahren, „selbst, wenn das Wachstum irgendwann aufhört und ein Projekt mal in die Hose geht“.

Denn mit „Tiny Bookshop“ haben die beiden genügend Geld verdient, um sich ohne Druck dem nächsten Spiel widmen zu können, sagen sie. In der deutschen Branche sei das keine Selbstverständlichkeit. „Es gibt hier nur wenige Studios, denen es wirklich gut geht.“ Während der Corona-Pandemie habe die Industrie einen Boom erlebt, es sei viel investiert und aufgekauft worden. „Doch Investoren erwarten nun einmal, dass man sich mit jedem Spiel übertrifft. Und wenn das nicht passiert, sägen sie einen ab.“ Für kreative Teams sei das Vorgehen zwar wenig nachhaltig, aber wirtschaftliche Realität. In Köln traf es Berichten zufolge zuletzt eines der größten hier ansässigen Indie-Studios, Massive Miniteam, das zu Hochzeiten 25 Mitarbeitende beschäftigt haben soll. Im Mai 2021 hatte die schwedische Embracer-Gruppe Massive Miniteam übernommen, im Oktober 2025 wurde sie als eigenständige Firma aufgelöst.

David Zapfe-Wildemann (links) und Raven Rusch haben am Cologne Game Lab der TH Köln studiert.

David Zapfe-Wildemann (links) und Raven Rusch haben am Cologne Game Lab der TH Köln studiert.

David Zapfe-Wildemann und Raven Rusch wollen sich nicht auf dieses Spiel einlassen. Lieber wahren sie ihre Unabhängigkeit – und investieren selbst in junge Studios. Bevor man mit weiteren Veröffentlichungen von Neoludic rechnen kann, lassen sie erst einmal ihr Baby, ihren „Tiny Bookshop“, weiterwachsen. Bald soll das Spiel auch für Konsolen bei Media Markt (34,99 Euro) erhältlich sein. „Etwas Physisches in der Hand zu haben, ist natürlich toll.“ Finanziell lohne sich das Geschäft zwar kaum, die Margen seien recht schlecht, der Online-Vertrieb sei weiterhin die Cash-Cow. 

Doch gemeinsam mit dem Entwicklerpreis stelle sich zumindest eine gewisse Zufriedenheit ein: „Aus Studierenden sind wir zu Spieleentwicklern geworden, die das beruflich machen können“, sagt Rusch. „Wir sind angekommen in der Branche in Deutschland.“