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Chameneis Tod macht Moskau nervös„Sollte es dazu kommen, wird Hiroshima wie ein Kinderspiel wirken“

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Kremlchef Wladimir Putin zusammen mit Ajatollah Ali Chamenei bei einem Zusammenteffen im Jahr 2022. (Archivbild)

Kremlchef Wladimir Putin zusammen mit Ajatollah Ali Chamenei bei einem Zusammenteffen im Jahr 2022. (Archivbild)

Mit Chamenei hat Putin den dritten Verbündeten verloren. Könnte der Kremlchef selbst ins Visier geraten? Aus Moskau kommen Drohungen. 

Erst Baschar al-Assad in Syrien, dann Nicolás Maduro in Venezuela und jetzt der Tod von Ajatollah Ali Chamenei – die Liste der ausgesprochenen Unterstützer von Kremlchef Wladimir Putin hat sich in den vergangenen Monaten und Jahren deutlich ausgedünnt. Doch wie reagiert Moskau auf die massiven Attacken der USA und Israels auf die eigenen Verbündeten?

Als die beiden Staaten im Juni vergangenen Jahres zuletzt Angriffe gegen den Iran gestartet hatten, wollte Putin über den Verlust Chameneis nicht einmal reden: „Ich will das gar nicht erst diskutieren“, antwortete der russische Machthaber damals auf die Frage eines Reporters, wie er reagieren würde, wenn Irans oberster Anführer getötet werden sollte.

Tod Chameneis: Putin beklagt „zynische Verletzung aller Normen“

Neun Monate später ist genau dieser Fall eingetreten. Und Putin? Der Kremlchef sprach dem Iran am Sonntag (1. März) in einer Stellungnahme sein Mitgefühl aus, schriftlich und ohne medienwirksamen TV-Auftritt.

Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)

Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)

„Bitte nehmen Sie mein tiefstes Beileid im Zusammenhang mit der Ermordung des Obersten Führers der Islamischen Republik Iran entgegen“, hieß es in dem vom Kreml veröffentlichten Telegramm nach Teheran. Die Tötung Chameneis sei eine „zynische Verletzung aller Normen der menschlichen Moral und des Völkerrechts“, beklagte der Kremlchef, während sein Land weiterhin einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt.

Moskau erwähnt Donald Trump nicht namentlich

Das russische Außenministerium erklärte derweil, der Tod des Verbündeten sowie anderer hochrangiger iranischer Beamter habe in Moskau „Empörung und tiefes Bedauern ausgelöst“. Russland verurteile „entschieden und konsequent die Praxis politischer Attentate und die ‚Jagd‘ auf Führer souveräner Staaten“, fügte das Ministerium hinzu.

Auffällig an den Wortmeldungen aus Moskau: Weder Putin noch das Außenamt benannten die für die Tötung Chameneis verantwortlichen Länder – auch US-Präsident Donald Trump wurde nicht namentlich erwähnt.

Gaddafis Tod als Wendepunkt für Putin?

Es sei aber davon auszugehen, dass Putin über die Tötung Chameneis ebenso empört sei, wie über den Tod von Libyens Muammar Gaddafi im Jahr 2011 – Aufnahmen der letzten Momente des Diktators waren damals publik geworden –, heißt es laut „Politico“ aus russischen Kreisen. Den Kremlchef habe das westliche Vorgehen gegen Gaddafi und dessen öffentlicher Tod „in Rage versetzt“, zitierte das US-Medium den gut vernetzten russischen Journalisten Michail Zygar.

„Gaddafis Tod wurde zum Wendepunkt in der russischen Politik – sowohl in der Außen- als auch in der Innenpolitik“, ordnete auch Alexander Baunov vom Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin ein. Dass der Westen den Sturz eines Staatschefs auf so brutale Weise zulassen würde, habe Putin damals „als den Gipfel des Verrats“ empfunden, so Baunov.

Welche Wirkung hat der Tod Chameneis auf Moskau?

In der Folge setzte der Kremlchef zunehmend auf Isolation und Versteckspiel – und bekam vom mittlerweile getöteten russischen Oppositionsführer Alexej Nawalny deswegen den Spitznamen „Bunkeropa“ verpasst. Während der Corona-Pandemie durfte sich schließlich kaum noch jemand dem Kremlchef nähern – und Putins Verhalten wurde zunehmend als paranoid beschrieben.

Welche Wirkung hat der Tod Chameneis nun also auf Moskau? Zumindest die Reaktionen der russischen Scharfmacher und Propagandisten deuten auf eine gewisse Nervosität in Russland hin. Der Fernsehmoderator und glühende Kriegsunterstützer Wladimir Solowjow warf den USA etwa vor, sich „wie ein Raubtier“ zu verhalten.

Alexander Dugin: „Verbündete werden systematisch ausgeschaltet“

Diplomatie nutze Washington lediglich, um „ihre Beute in falscher Sicherheit zu wiegen, bevor sie ihr die Zähne in den Hals schlägt“, beklagte Solowjow und fragte seine Zuschauer: „Ist uns klar, dass die Debatte über den Iran auch eine Debatte über Russland ist?“

Der russische Neofaschist Alexander Dugin. (Archivbild)

Der russische Neofaschist Alexander Dugin. (Archivbild)

Mit Alexander Dugin, einst unter dem Spitznamen „gefährlichster Philosoph der Welt“ bekannt geworden, meldete sich ein weiterer Kriegsunterstützer zu Wort – und schlug ebenfalls Alarm. „Unsere Verbündeten werden einer nach dem anderen systematisch ausgeschaltet“, schrieb der Neofaschist in seinem Telegram-Kanal angesichts der Angriffe auf den Iran und des Todes Chameneis. „Es ist klar, wer als Nächstes dran ist, und es ist klar, was Verhandlungen mit einem solchen Feind wirklich bedeuten“, hieß es weiter von Dugin, der sich dabei auf die von den USA vermittelten Friedensgespräche mit der Ukraine bezog.

Dmitri Medwedew poltert: „Verhalten von Vollidioten“

Ex-Kremlchef Dmitri Medwedew, der seit Russlands Invasion in der Ukraine immer wieder mit drastischen Worten an die Öffentlichkeit getreten ist, blieb seiner Linie auch jetzt treu – und drohte den USA kurzerhand mit einem Atomkrieg.

„Es gibt kein Wundermittel gegen das Verhalten von Vollidioten, und das wird es auch nie geben“, sagte Medwedew auf die Frage eines RIA-Reporters, ob es denkbar sei, dass die USA auch das „Problem eines widerspenstigen Moskaus“ so lösen könnten wie nun im Iran. „Es gibt nur eine Gewissheit: Die USA fürchten Russland und kennen den Preis eines Atomkriegs“, führte Medwedew aus. „Sollte es dazu kommen, werden Hiroshima und Nagasaki wie ein Kinderspiel im Sandkasten wirken.“

Sergej Lawrow bekräftigt Russlands Kriegsziele

Russlands Außenminister Sergej Lawrow bekräftigte unterdessen, dass Moskau an seinen Kriegszielen in der Ukraine auch nach den Angriffen auf die iranischen Verbündeten festhalten werde. „Einem Waffenstillstand zuzustimmen, wenn dies bedeutet, dass der von Europa bewaffnete Feind, den Europa für einen neuen Krieg gegen Russland ins Auge fasst, erhalten bleibt, widerspricht wohl unseren Interessen und dem gesunden Menschenverstand“, erklärte Lawrow bei einer Pressekonferenz am Dienstag (3. März) und sprach erneut von einem „illegitimen Regime“, das in der Ukraine an der Macht sei.

Hinsichtlich des Vorgehens der USA verzichtete auch Lawrow auf namentliche Attacken auf US-Präsident Trump. Es sei jedoch denkbar, dass Washington in Zukunft auch noch andere Länder „kontrollieren“ wolle, erklärte Lawrow. „Nun versuchen sie ein ähnliches Modell für Kuba – und das ist vermutlich noch nicht das Ende“, hieß es weiter vom dienstältesten russischen Minister, der damit auf Washingtoner Geraune über eine mögliche künftige Intervention in dem Karibikstaat abzielte.

Ukraine: „Putin hat drei seiner engsten Vertrauten verloren“

Die Ukraine hätte unterdessen nichts dagegen, wenn sich Lawrows Prognose bewahrheiten sollte: „Assad, Maduro und jetzt Chamenei – Putin hat innerhalb von etwas mehr als einem Jahr drei seiner engsten Vertrauten verloren“, schrieb Außenminister Andrii Sybiha auf der Plattform X nach dem Tod des iranischen Anführers. Dass Moskau keinem seiner Verbündeten geholfen habe, beweise drei Dinge, so der ukrainische Außenminister.

„Russland ist kein verlässlicher Verbündeter“, lautet demnach die erste Erkenntnis. Zweitens zeige der Verlust der internationalen Unterstützer, dass Moskaus „Einfluss in der Welt dramatisch“ abgenommen habe, führte Sybiha aus. Und zu guter Letzt werde, wenn die „Kette gestürzter Diktatoren weitergeht“, auch Putins Sturz eines Tages „unausweichlich“ werden, erklärte der ukrainische Minister. „Gemeinsam müssen wir alles daran setzen, diesen Freudentag herbeizuführen“, fügte Sybiha hinzu.