Köln – „Mein Geschäft befindet sich jetzt in der Neusser Str....“ Immer mehr solcher Hinweise hängen im Laufe des 2. Weltkrieges an den ausgebombten Gebäuden der Stadt. Nach jedem der insgesamt 262 Fliegerangriffe zwischen Mai 1940 und März 1945 liegt Köln mehr in den Trümmern und damit auch die wirtschaftliche Betätigung im Stadtgebiet am Boden. In Köln leben am Ende des Krieges nur noch etwa 40 000 der einst knapp 770 000 Einwohner. Viele Facharbeiter sind zur Wehrmacht eingezogen worden, gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft. Die Menschen hungern, viele Unternehmen sind ausgebombt, alle fünf Kölner Brücken über den Rhein sind zerstört, 145 Schiffe liegen versenkt im Rhein.
So läuft das wirtschaftliche Leben erst allmählich und auf geringem Niveau wieder an. Es fehlt vor allem an Rohstoffen wie Kohle, Stahl und an Energie. Die Verkehrswege sind stark beschädigt und die Besatzungsbehörden schnüren die Produktion auch mit einer Vielzahl von Verboten, Auflagen und Kontrollen ein.
Bis zu 18 000 Menschen pro Woche kehren in den Sommermonaten 1945 in die Stadt zurück. „Hilflos mit Kind und Kegel, mit Sack und Pack kamen sie vor der unbenutzbaren oder zerstörten Wohnung an. Aus allen Illusionen der Heimkehrerfreude gerissen, armselig und verzweifelt, hausten sie eng zusammengepfercht in Bunkern oder bei Bekannten und Freunden“, beschreibt der Augenzeuge Fritz Hauenstein das Elend und Chaos.
Arbeitspflicht und Arbeitspass eingeführt
Kölner Arbeitern, denen eine Stelle etwa am Bau angeboten wird, nehmen diese selten an. Warum auch? Sie hätten ein wenig Geld bekommen, ohne dafür viel kaufen zu können. Andererseits fehlte ihnen dann die Zeit, um ihre Wohnung zu reparieren oder Lebensmittel, Kleidung oder Brennmaterial zu „besorgen“ – sei es im Tauschhandel, durch Hamsterfahrten ins Umland, durch „Fringsen“ auf den Güterbahnhöfen, durch Suchen in den Trümmern. Es wird auch vielfach geraubt und geplündert.
„Zunächst war alles zu Fuß und besonders Begünstigte mit dem Fahrrad unterwegs. Alle diese Menschen schleppten zu jeder Tageszeit Ameisen gleich irgendetwas mit sich: Türen, Bretter, Steine, Fensterrahmen, Glas, Schränke, Stühle, Tische, Öfen, Herde, Rohre, Teile von Fahrrädern und Autos...“, schreibt Publizist Hauenstein. Deshalb wird im Januar 1946 – in Köln schon drei Monate vorher – die Arbeitspflicht und der Arbeitspass eingeführt. Jedem Mann zwischen dem 14. und 65. Lebensjahr und jeder Frau zwischen dem 15. und 60. Lebensjahr kann das Arbeitsamt durch Zwangszuweisung einen Arbeitsplatz bestimmen. Der Arbeitspass wiederum ist Voraussetzung um Lebensmittelkarten zu erhalten.
Rasant ansteigende Bevölkerung
Köln ist bereits am 6. März 1945 von amerikanischen Truppen eingenommen worden und wird dann einige Monate lang von ihnen verwaltet, bevor das Oberkommando an die Briten übergeht. Ihre vordringlichste Aufgabe ist die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung und Wohnraum. Denn die Einwohnerzahl geht schnell nach oben. Schon im Mai gibt es wieder 138 500 Einwohner – nach der Ausgabe von Lebensmittelkarten errechnet. Im August 1945 sind 325 000 Kölner in ihre Vaterstadt zurückgekehrt, im September bereits 360 000.
Der im Mai 1945 wiedereingesetzte Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer greift angesichts der desolaten Lage zur Selbsthilfe: Er lässt alle noch im Kölner Stadtgebiet vorhandenen Fahrzeuge beschlagnahmen, um mit ihnen die bei den Bauern des Umlandes gekauften Kartoffeln, Getreide, Gemüse oder Vieh nach Köln zu bringen. Gegen die von den Briten empfohlene Abholzung des Kölner Grüngürtels zu Heizzwecken wehrt sich Adenauer erfolgreich.
Bei der 100-Tage-Herrschaft nach der Eroberung Kölns am 6. März 1945 steht der Kommandeur der US-Militärregierung, Oberst Patterson, vor der Aufgabe, eine provisorische Verwaltung in der entvölkerten und zerstörten Stadt zu installieren. Den gut vorbereiteten Offizieren des Military Government Detachment E1H2 gelingt es trotz vieler Probleme, erste funktionierende Strukturen aufzubauen. Bereits im März nehmen Gesundheitsamt und Arbeitsamt ihre Tätigkeit wieder auf, Ende April soll der als „Manager“ eingesetzte Bernhard Hilgermann die Kölner Industrie- und Handelskammer reorganisieren. Im Juni 1945 übernehmen die Briten das Kommando in Köln. (sub)
Trotz der Maßnahmen und gelegentlicher Hilfslieferungen der Amerikaner verschlechtert sich die Versorgung der schnell wachsenden Bevölkerung rapide. Im Frühsommer 1945 beträgt der Nährwert der pro Person und Tag zur Verfügungen stehenden Lebensmittel noch 600 Kilokalorien.
Auch die Versorgung mit Wohnraum ist wegen des steigenden Bedarfs nicht annähernd zu decken. Unzerstört gebliebener Wohnraum wird oft von den Besatzungsstellen requiriert. Denn Rest müssen sich immer mehr Menschen teilen, weil zu den Köln-Rückkehrern auch noch Vertriebene aus dem Osten hinzukommen.
Lesen Sie im nächsten Abschnitt, warum der Schwarzmarkt in Köln blüht und weshalb Betriebe ihre Produkion in die Nacht verlegten.
Weil schon in den Kriegszeiten vieles rationiert ist, haben die Menschen relativ viel Geld übrig. Dafür gibt es aber wenig Adäquates zu kaufen. Die öffentliche Zwangsbewirtschaftung verhindert, dass der Geldüberhang in eine offene Inflation mündet. Die versteckte Inflation zeigt sich allerdings auf dem Schwarzmarkt, wo Zigaretten oder Edelmetalle die „Währungen“ neben der Reichsmark sind. Bekannte „Schwarze Märkte“ in Köln sind laut einem Polizeibericht Frankenwerft, Weidengasse, Elsass- und Merowingerstr., Ehrenfelder Bahnhof, die Plätze vor den Kasernen in Mülheim und Dellbrück sowie die Hinterzimmer vieler Gaststätten. Angeboten werden neben Zigaretten Fleisch aus Schwarzschlachtungen, Medikamente, Wein, Spirituosen, Schuhe bis hin zu Bescheinigungen aller Art.
Die Wasser- und Stromleitungen in Köln können zwar relativ zügig instand gesetzt werden, doch es gibt ständig stundenlange Stromsperren – auch am Tage. Deshalb müssen zahlreiche Betriebe ihre Produktion in die Nacht verlegen. Im August teilt die Militärregierung mit, dass Industriebetriebe täglich nur 80 Kilowatt verbrauchen dürfen, sofern sie keine Sondergenehmigung besitzen. Privatleuten werden nur 500 Watt am Tag zugebilligt: Je Kilowatt Mehrverbrauch sind 100 Reichsmark Strafe fällig. Bis zur Instandsetzung der Gasleitungen in Köln werden noch Jahre vergehen. „Köln war anscheinend abgeschrieben, man wollte uns nur noch beerben.“
Die Kriegszerstörungen spielen beim Wiederaufbau der Wirtschaft nicht die entscheidende Rolle. „Die Alliierten hatten mit ihren Bombardements vornehmlich auf die Wohngebiete gezielt, um die Zivilbevölkerung zu demoralisieren“, schreibt der Historiker Günther Schulz. Es gibt Berechnungen, nach denen siebenmal so viele Bomben auf Wohngebiete abgeworfen werden wie auf Wirtschaftsbetriebe. Das industrielle Anlagevermögen in Westdeutschland ist dementsprechend je nach Branche lediglich zu zehn bis 25 Prozent zerstört – in Köln liegt der Prozentsatz allerdings höher. Faktisch gibt es in Westdeutschland zum Kriegsende nicht weniger Produktionsanlagen als 1936, weil in der Kriegswirtschaft die Industriekapazitäten um rund 20 Prozent erweitert werden.
Ford von Zerstörung kaum betroffen
In Köln sind beispielsweise die Ford-Werke weitgehend von Zerstörungen verschont geblieben. Die Alliierten haben den Fahrzeug- und Lastwagenhersteller, der im Krieg zwar unter deutsche Regie kommt, aber im US-Besitz bleibt, komplett von ihren Bomben verschont. Gegen Kriegsende gibt es bei Ford ein paar kleinere Schäden, weil abziehende deutsche Truppen vom rechten Rheinufer aus mit Artillerie noch ein paar Schäden anrichten, berichtet Ulrich Soénius, Leiter des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs.
Ebenso glimpflich kommt der Kunstfaserhersteller Glanzstoff Courtaulds in Köln-Niehl davon. Wegen der britischen Beteiligung an dem Werk bleibt auch dieses Unternehmen von Bombardements ausgespart. Hingegen werden Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD), ein kriegswichtiger Hersteller von U-Boot-Motoren, oder die Elektrofirma Felten & Guilleaume Carlswerk, bis zu drei Viertel zerstört. Im Herbst 1946 haben immerhin 40 Prozent der Kölner Industriebetriebe die Arbeit wieder aufgenommen.
Auch die zunächst groß angedrohten Demontagen spielen in Köln keine gewichtige Rolle. Ein 1947 vorgelegter Lagebericht zu den Demontagen im Kölner Kammerbezirk kommt zu dem Ergebnis, dass ein Betrieb, der Bombenhüllen und Granaten gefertigt hatte, demontiert wurde. Ein weiterer Betrieb für Flugzeugteile steht noch auf der Liste zur Demontage. In weiteren elf Firmen werden 67 Maschinen beschlagnahmt. Alles in allem bleibt der Schaden überschaubar.
Um den gravierenden Mangel zu verwalten, überziehen die englischen Besatzer, die in ihrer Heimat selbst unter großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten leiden, ihr nordrheinisches Einflussgebiet mit einem dichten Netz von zwangswirtschaftlichen Maßnahmen. Dabei wird auf die nationalsozialistische Notbewirtschaftung der Waren und Preise, der Rohstoffe und Energie, der Löhne und des Wohnraums zurückgegriffen und diese zum Teil noch verschärft.
Während die US-Militärregierung in ihrer 100-Tage-Präsenz etwa Lebensmittelbetrieben oder Pharmaherstellern eine generelle Betriebserlaubnis erteilt, ändern die Engländer die Zulassungspraxis. Jeder einzelne Betrieb muss jetzt genehmigt werden und einen „permit-to-re-open“ beantragen. Die Unternehmen müssen umfangreiche Fragebögen ausfüllen, ihre Vorräte und Arbeitskräfte offenlegen und in einem aufwendigen Verfahren Bescheinigungen für jeden benötigten Rohstoff beantragen. Das alles lähmt. Zudem gibt es ein Kompetenzwirrwarr zwischen den britischen Genehmigungsbehörden und der sich neu aufbauenden Kölner Verwaltung. Daran entzündet sich auch permanenter Streit zwischen Adenauer und den Briten, die ihn bereits im Herbst 1945 wegen vermeintlicher Unfähigkeit entlassen. Erst 1947 setzte sich unter dem Einfluss der Amerikaner die Erkenntnis durch, dass es sinnvoller ist, den Deutschen wieder mehr Verantwortung zu übertragen und das System der Zwangswirtschaft zugunsten marktwirtschaftlicher Elemente zu lockern.
Lesen Sie im nächsten Abschnitt über den Bedeutungsverlust der Stadt Köln und die Folgen des Marshallplans
Köln, das einstige Wirtschafts- und Verwaltungszentrum der Preußen im Westen, muss auch einen Bedeutungsverlust hinnehmen. Die britische Besatzungsmacht hat Düsseldorf als ihr neues Machtzentrum auserkoren, und so verliert Köln den Kampf um den wichtigen Sitz der Landeszentralbank. Auch andere Nachbarstädte wollen Behörden aus Köln zu sich hinüberziehen. „Köln war anscheinend abgeschrieben, man wollte uns nur noch beerben“, berichtet später Bernhard Hilgermann, der erste Hauptgeschäftsführer der IHK in Köln.
Die „Benachteiligung“ macht der Volkswirt daran fest, dass in Köln bei der Zuteilung von Lebensmitteln, Textilien, Fahrzeugen, Benzin oder Reifen durch die Provinzialregierung ein „Missverhältnis“ entstanden sei. Die jeweiligen Kontingente wurden zwar nach der Einwohnerzahl berechnet, aber die starke Rückwanderung der Bevölkerung nach Köln wird als viel zu gering kalkuliert. Auch der hohe Zerstörungsgrad der Stadt wird nicht entsprechend berücksichtigt.
Trotz eines kleinen Aufschwungs ab Herbst 1947 leben die Einwohner in Köln auch noch 1948 – drei Jahre nach Kriegsende – in gedrückter Spannung. Das Warenangebot wird mit jedem Tag knapper. Schaufenster und Regale bleiben zunehmend leer. Selbst Lebensmittelhändler scheinen keine Vorräte mehr zu haben. Die Spannung löste sich erst als Kölns Oberstadtdirektor Hermann Pünder bekanntgibt, dass der 20. Juni der „Tag X“ ist, der Tag der Währungsreform. Mit Einführung der D-Mark kommen plötzlich die von den Händlern zuvor gehorteten Waren wieder in die Geschäfte.
Den Weg zum deutschen Wirtschaftswunder in den 50er Jahren ebnet auch der milliardenschwere Marshallplan, das Wiederaufbauprogramm der USA für Westeuropa. Es besteht aus Krediten, Rohstoffen, Lebensmitteln und Waren. Schon bald exportieren Kölner Unternehmen wieder in alle Welt, wie beispielsweise KHD Traktoren. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt sinkt rapide auf drei Prozent. Doch es wird noch Jahre dauern, bis die wirtschaftlichen Narben des Krieges in Köln verheilt sind.
