Arbeitgeber beklagen Personalnot„Uns erreichen zu wenige oder gar keine qualifizierten Bewerbungen“

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Den Unternehmen fehlen die guten Bewerber – und Fachkräfte.

Den Unternehmen fehlen die guten Bewerber – und Fachkräfte.

In NRW fehlen Fachkräfte - ein Chef einer Softwarefirma aus Dortmund und ein Prokurist eines Kölner Architekturbüros berichten, wie Unternehmer um Arbeitskräfte kämpfen.

Die CDI Concepts Development Integration AG ist ein Spezialist für individuelle Software-Entwicklung, das heißt, dass diese Software speziell auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten wird. In Fragen des Software-Engineering beraten wir Unternehmen, die oft so groß sind, dass sie ihre eigenen Software-Abteilungen unterhalten, jedoch unsere Expertise nutzen. Hierfür brauchen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ausgewiesener Projekterfahrung.

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Wir sitzen in Dortmund und arbeiten mit großen Firmen – in der Regel Dax-30-Unternehmen aus der Rhein-Ruhr-Region und dem Rhein-Main-Gebiet - zusammen. Wir haben 30 Mitarbeiter, sind also eine kleine Firma.

Ich selbst bin Vorstand bei der CDI und seit 20 Jahren in der Softwareentwicklung tätig, habe früher bei der SAP Standardsoftware-Entwicklung in einem Großunternehmen kennengelernt, bevor ich dann die CDI mit aufbauen durfte.

Fachkräftemangel, das bedeutet für uns vor allem den Mangel an berufs- und praxiserfahrenen Mitarbeitern. Es ist in unserem Markt nur sehr eingeschränkt möglich, durch interne Ausbildungsprogramme Berufseinsteiger für unsere Projekte zu qualifizieren. Wir müssen deshalb erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen und dann auch halten. Fachkraft - dahinter steckt für uns die Kombination aus erfolgreichem Studium und praktischer Erfahrung.

Kundenanfragen müssen abgesagt werden, weil es zu wenig Mitarbeiter gibt

Für uns macht sich der Mangel an solchen Fachkräften bereits seit einigen Jahren in der Hinsicht bemerkbar, dass wir Kundenanfragen nicht mehr so bedienen können, wie wir es gerne wollen. Die Zahl der Anfragen nimmt zu, wir müssen manchmal absagen, weil wir zu wenig Mitarbeiter haben. Wirtschaftlich stehen wir gut da, aber es gibt Wachstumspotenziale, die wir aus diesem Grund nicht nutzen können. Die Themen Personalbindung und Personalgewinnung sind vor diesem Hintergrund für uns geschäftskritische Themen.

Wenn komplexe Software-Systeme entwickelt oder der Software-Entwicklungsprozess beim Kunden automatisiert werden soll, ist hierfür viel Projekterfahrung notwendig. Hier ist es schwierig, geeignete Mitarbeiter zu finden. Was wir am Markt beobachten ist, dass gerade erfahrene Software-Entwickler wirklich fehlen, was zur Konsequenz hat, dass die wenigen, die es gibt, von Mitbewerbern, Kunden, aber auch insbesondere von typischen Personalvermittlern angesprochen und mit Anfragen überhäuft werden. Das führt dazu, dass die Fluktuation in unserem Markt extrem hoch ist, was die Personalknappheit noch verschärft.

Hohe Fluktuation ist Gift in der derzeitigen Situation

Neben der Personalgewinnung besteht deswegen eine große Aufgabe darin, diese Fluktuation gering zu halten. Für uns ist in dieser Hinsicht die Betriebsgröße ein zentraler Punkt – wir möchten eine familiäre Atmosphäre bewahren und auch damit für Mitarbeiterbindung sorgen. Das ist gerade jetzt extrem wichtig, da zum Beispiel Home Office oft ein entscheidendes Argument geworden ist. Wir bieten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine sehr hohe Flexibilität bei der Gestaltung ihres Arbeitsalltags und investieren viel in die kontinuierliche Weiterbildung. Durch die Auswahl anspruchsvoller und spannender Projekte versuchen wir zudem eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit zu erreichen.

Volker Schnuck, Vorstand der CDI AG


Wir sind ein Generalplanungsbüro und bieten sowohl Architekten- als auch Ingenieurleistungen aus dem Bereich der technischen Gebäudeausstattung an. In der fragmentierten Baubranche liefern wir eine Planung, Organisation und Realisierung von Bauprojekten aus einer Hand. Wir beschäftigen aktuell rund 70 Mitarbeitende, vor allem an unserem Unternehmenssitz in Köln. In München, Berlin und Darmstadt haben wir kleine Büros und können insgesamt auf eine Unternehmenshistorie von 40 Jahren zurückblicken; ich selbst bin seit 2016 dabei und als stellvertretender Geschäftsführer unter anderem mitverantwortlich für unsere Neueinstellungen.

Als reines Dienstleistungsbüro beruht die Qualität unserer Leistung vor allem auf der Leistungsfähigkeit unserer Mitarbeiter. Uns ist sehr wichtig, dass sich alle wohlfühlen und dass wir kluge Köpfe an Bord haben. Wir können auf ein kontinuierliches Unternehmenswachstum blicken und erweitern stetig unser Leistungsspektrum, sodass wir in den letzten Jahren durchgängig offene Stellen zu besetzen hatten. Wir merken jedoch, dass es schwierig geworden ist, qualifizierte Mitarbeitende zu finden, vor allem wenn es um Ingenieurinnen und Architektinnen mit Berufserfahrung geht.

Zu wenige oder keine qualifizierten Bewerbungen

Hier stehen wir vor dem Problem, dass uns zu wenige oder keine qualifizierten Bewerbungen erreichen. Außerdem spüren wir schon jetzt den demografischen Wandel: Wir haben viele erfahrene Mitarbeiterinnen, die in den kommenden Jahren in Rente gehen. Diese hoch qualifizierten Stellen neu zu besetzen, erfordert aktuell eine Zeitspanne von mindestens sechs Monaten – ohne Erfolgsgarantie.

Ein elementarer Punkt ist für uns deswegen eine geringe Fluktuation und dass wir die bestehenden Mitarbeiter im Team halten. Der Wettbewerb um gute Mitarbeiterinnen ist extrem hoch und wir müssen uns gegen regelmäßige Abwerbungsversuche behaupten. Wir positionieren uns als attraktiver Arbeitgeber und setzen auf ein offenes und gutes Betriebsklima.

Arbeitszeiten sind flexibel und beruhen auf Vertrauen

Zu der Grundvoraussetzung einer leistungsgerechten Bezahlung kommen zahlreiche Maßnahmen hinzu, wie beispielsweise ein eigens eingestellter HR (Human Resources) Manager. Dieser ist mitverantwortlich für die Mitarbeiterentwicklung, -führung und damit eben auch Bindung unseres Teams. Darüber hinaus bieten wir flexible Arbeitszeiten und eine Vertrauensarbeitszeit.

Zusätzlich befassen wir uns aktuell mit neuen Arbeitszeitmodellen, und Mitarbeitende erhalten bei uns Gutscheine und künftig zum Beispiel das 49-Euro-Ticket. Grundsätzlich geht es uns aber auch immer wieder darum, dass wir eine sinnstiftende Arbeit anbieten und dass die Aufgaben anspruchsvoll und abwechslungsreich bleiben – hierzu bieten wir Schulungen und Fortbildungen an, die wir zu 100 Prozent finanzieren.

Das Problem des Fachkräftemangels durch Anwerbungen aus dem Ausland zu lösen, stößt in unserer Branche auf Grenzen, insbesondere der Sprachbarriere. Wir haben hier tolle Erfahrungen sammeln können und haben Mitarbeiter aus über zehn Nationen. Aber dieser Weg bedeutet in der Regel erst einmal, dass sich die Fachkräfte mit der deutschen Sprache und insbesondere auch mit dem deutschen Baurecht und den hier geltenden Normen und Regelwerken vertraut machen müssen.

Von der Politik wünsche ich mir mehr Aufmerksamkeit für die Vereinbarkeit von Familie und Job. Aus eigener Erfahrung mit zwei Kindern und einer berufstätigen Frau weiß ich, wie schwer es ist, die Kinderbetreuung zu organisieren und dabei Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Ein zweiter Wunsch hängt auch mit dem demografischen Wandel zusammen: Wir haben einige sehr erfahrene und kompetente Mitarbeiter, die durchaus Lust haben, sich auch nach dem Renteneintritt noch in die Projekte gewinnbringend einzubringen. Doch es fehlen die Anreize, und die aktuellen steuerlichen Hürden sind derart hoch, dass sich ein Weiterarbeiten kaum lohnt. Ein letzter Punkt betrifft die Ausbildung, und hier für unsere Branche besonders die Förderung der MINT-Fächer. Die schulische und akademische Bildung ist für uns extrem wichtig und gerade in technischen Berufen gibt es weiter einen immensen Bedarf an guten Absolventinnen.

Maximilian Neuendorff ist Prokurist bei der Firma sic!

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