Um das Land für Gründungen aus der Verteidigungsindustrie attraktiv zu machen, startet der Defense Tech-Inkubator NRW. Ein Besuch bei der Eröffnungsveranstaltung gibt Einblick in eine Branche in Goldgräberstimmung.
Defense Tech-InkubatorNRW soll Rüstungs-Standort werden

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst besucht die Startup-Ausstellung auf dem Defense Innovation Summit in Düsseldorf.
Copyright: 1stmover/Paul Caruso
Die Stühle sind dicht aneinander gerückt. Jeder Platz ist belegt, mehrere Gäste stehen. Und doch konnte beinahe die Hälfte der über 500 Anmeldungen für das Defense Innovation Summit, eine Netzwerkveranstaltung von NRW-Rüstungsunternehmen, nicht berücksichtigt werden. Das Foyer der gastgebenden NRW Bank in Düsseldorf fasst einfach nicht mehr Menschen. Wer den Blick über den prall gefüllten Saal schweifen lässt, bekommt einen Eindruck davon, welche Stimmung in der Industrie vorherrscht: Goldgräberstimmung.

Das gut besuchte Defense Innovation Summit im Foyer der NRW Bank in Düsseldorf.
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Das Geschäft mit der Rüstung boomt. Das lässt sich schon am Börsenerfolg von Unternehmen wie Rheinmtall, Hensoldt oder Renk ablesen. Mittlerweile hat der Rüstungs-Hype aber auch die Startup-Szene erfasst. Firmen wie das auf Verteidigungsanwendungen spezialisierte KI-Unternehmen Helsing oder der Drohnenbauer Quantum-Systems werden mit mehreren Milliarden bewertet. Beide kommen aus Bayern. Das ist kein Zufall. Denn bislang dominiert der Süden Deutschlands die Szene. Von den rund 100 Rüstungs-Gründungen, die hierzulande aktiv sind, stammen rund 35 aus Bayern, 30 aus Baden-Württemberg. NRW beherbergt nicht einmal ein Dutzend, wie die Innovationsberatung 1stmover ermittelt hat.
Defense Tech-Inkubator soll Startups und Industrie vernetzen
Zu wenig, angesichts der Industrie- und Innovationsstärke des Landes, findet man bei 1stmover und hat deshalb den Defense Tech-Inkubator NRW ins Leben gerufen. Das Netzwerk soll Gründer, Hochschulen, Geldgeber und Unternehmen miteinander in Kontakt bringen. Denn ist der Start einer Industrie-Gründung ohnehin schon schwer, steht der Aufbau eines Rüstungs-Startups vor besonderen Herausforderungen, wie im Verlauf des Tages deutlich wird.
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Das beginnt schon mit moralischen Bedenken. Manch einer, der nicht regelmäßig auf Rüstungsmessen unterwegs ist, ist womöglich irritiert, wenn Unternehmen auf der begleitenden Ausstellung mit Slogans wie „Ukraine erprobt“ für sich werben, über die „Bombenstimmung“ auf dem Summit witzeln oder ungerührt davon berichten, dass sie ihre Technik derzeit auf dem bestens geeigneten Fluggelände in Peenemünde erproben, wo ja einst Nazi-Deutschland seine V-Raketen testete. Dafür hat auch Eröffnungsredner Hendrik Wüst ein Gespür. „Ich verstehe das, wenn Sie sagen, mein Großvater oder mein Vater haben aus guten Gründen entschieden: Wir machen nie mehr Rüstung“, sagt der Ministerpräsident an die anwesenden Familienunternehmer gewandt. „Aber ich ermutige Sie dazu, diesen Entschluss heute noch einmal zu überdenken. Denn diesmal stehen Sie auf der richtigen Seite der Geschichte, auf der Seite der Freiheit“, so Wüst mit einigem Pathos.
Diesmal stehen Sie auf der richtigen Seite der Geschichte, der Seite der Freiheit
Ein Umdenken, wie vom Ministerpräsidenten gefordert, hat auch in der NRW Bank stattgefunden. Die Förderbank des Landes hatte Unternehmen aus dem Verteidigungssektor bislang kaum auf dem Radar, erklärt Claas Heise, Leiter der Risikokapitalabteilung der Bank. Das habe sich geändert. „Seit rund einem Jahr suchen wir aktiv nach Startups aus diesem Bereich“, so Heise. Denn die brauchen Partner, um ihr Innovationen zu vermarkten, ist Heise überzeugt. „Dass ein Startup einen Auftrag direkt von der Bundeswehr bekommt, ist völlig unrealistisch“, macht er klar. Die Beschaffungsbehörden suchen nach verlässlichen Partnern, die Gerät auch in Jahrzehnten noch warten, Softwareupdates entwickeln und einspielen, Ersatzteile liefern, Reparaturen vornehmen. Da fallen Neugründungen, bei denen kaum gewährleistet ist, dass sie in Zukunft überhaupt noch bestehen, schnell durchs Raster.
Verteidigungsbranche geprägt von wenigen „Systemhäusern“
Die Lösung sind starke Industriepartner, sogenannte „Systemhäuser“ oder „Integratoren“. Sie bewerben sich bei den Ausschreibungen der Militärs und stehen für Qualitätsstandards und Verlässlichkeit gerade, beauftragen dann ihrerseits aber mitunter Startups, wenn die überzeugende Lösungen liefern. Eines dieser Systemhäuser ist naturgemäß der Branchenprimus Rheinmetall. Christian Steinborn, Leiter der Startup-Aktivitäten des Düsseldorfer Konzerns, ist aber sichtlich bemüht, die Euphorie unter den vertretenen Gründern zu bremsen. „Wir bekommen pro Tag bis zu 20 Anfragen von Startups, die mit uns zusammen arbeiten wollen“, erläutert er. „Im Jahr 2025 waren es in Summe etwa 1500.“ Rheinmetall beschäftigt mittlerweile ein 18-köpfiges Team, um der Flut von Kontaktanbahnungen einigermaßen Herr zu werden. Die Chancen, durchzudringen, sind entsprechend gering.
Genau hier will der neue Defense Tech-Inkubator ansetzen, erklärt der Leiter Klemens Gaida. Startups fänden einen „verkrusteten Markt“ vor, dominiert von wenigen „Gatekeepern“, also wenigen etablierten Unternehmen, die über die Möglichkeiten verfügen, sich an den Ausschreibungen von Bund und Nato-Partnern zu beteiligen. Veranstaltungen wie das Defense Tech Summit sollen dieses System aufbrechen. „Wir wollen auf unseren Events Zugang schaffen zur Industrie, aber auch zu Militärs“, erklärt Gaida. Spezielles Branchenwissen soll vermittelt werden. Das ist längst nicht nur für Startups relevant, sondern auch für den Mittelstand, der zwar über Produkte aus dem zivilen Bereich verfügt, die auch für militärische Anwendungen von Interesse sind, der aber mit Vergabe- und Preisrecht, Exportkontrolle oder den besonderen Anforderungen an Daten- und Geheimnisschutz in der Rüstungsindustrie noch keine Erfahrungen hat. Davon gebe es in NRW jede Menge, ist Gaida überzeugt, etwa aus den Bereichen der Sensorik und Robotik, der Cybersicherheit oder der Verschlüsselungstechnik. „Sie merken, wir wollen viel mehr schaffen, als einen Inkubator“, so Gaida. „Wir wollen ein Kompetenznetzwerk schaffen für den gesamten Verteidigungssektor“.
200.000 Drohnen werden in der Ukraine pro Monat verbraucht
Welche wirtschaftlichen Chancen sich dort bieten, berichten einige der Redner. Christian Steinborn von Rheinmetall etwa, der erklärt, sein Unternehmen plane derzeit die Einstellung von 40.000 neuen Mitarbeitern. Oder Michael Humbek, CEO von Dynamit Nobel Defence, einem in Siegen ansässigen Hersteller von Panzerabwehrraketen, der sagt, der Unternehmensumsatz werde sich in den kommenden Jahren gegenüber der Zeit vor dem Ukrainekrieg verachtfachen. André Komp, CEO der Mülheimer Gründung Infinteq, kann davon berichten, dass eine Kampfdrohen mit Jet-Antrieb für den Einsatz in der Ukraine binnen vier Monaten entwickelt und gebaut werden konnte – Startup-Tempo.

Hendrik Wüst im Gespräch mit André Komp, CEO der Mülheimer Gründung Infinteq.
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Mittlerweile fertigt die Firma auf 3000 Quadratmetern Produktionsfläche und liefert Systeme aus Lkw, mobiler Bodenkontrollstation und miteinander kommunizierenden Drohnen ins Kriegsgebiet. 200.000 dieser und ähnlicher Drohnen gehen dort jeden Monat im Einsatz verloren und müssen ersetzt werden. Für das laufende Jahr soll der Gesamtbedarf auf zehn Millionen steigen. Die surrende Gefahr aus der Luft, für die Menschen in der Ukraine der blanke Horror, ist für die Industrie vor allem eins: ein Markt mit schier endlosem Bedarf an Nachschub.
Entsprechend groß sind die Ziele, die der Defense Tech-Inkubator sich gesetzt hat. Bis 2028 will das Team wenigstens 50 Startups betreuen, 20 Finanzierungen begleiten und 150 Kontakte mit Industrieunternehmen in der Region herstellen. Auf dass das nächste Multi-Milliarden-Euro-Startup aus dem Rüstungssektor in NRW entsteht.

