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Deutz AG rüstet aufWie der Kölner Motorenbauer zum Rüstungsriesen werden will

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Deutz sieht sich als Industrialisierungspartner, der beim schnellen Hochlauf der Produktion von Start-ups unterstützt. Beispielsweise dem Hersteller von unbemannten Militärfahrzeugen Arx Robotics, an dem Deutz sich kürzlich auch beteiligt hat.

Deutz sieht sich als Industrialisierungspartner, der beim schnellen Hochlauf der Produktion von Start-ups unterstützt. Beispielsweise dem Hersteller von unbemannten Militärfahrzeugen Arx Robotics, an dem Deutz sich kürzlich auch beteiligt hat. 

Die Kölner Deutz AG peilt dreistellige Millionenumsätze mit Rüstungsgütern an. Eine eigene Unternehmenssparte soll dies möglich machen – und weitere Zukäufe.

Die Bewertung der Kölner Deutz AG hat in den vergangenen Monaten eine rasante Entwicklung genommen. Abzulesen ist die am Börsenkurs. Der verdreifachte sich im Laufe des Jahres 2025 zwischenzeitlich und ermöglichte Deutz im März dieses Jahres schließlich die Rückkehr in die zweite deutsche Börsenliga, den MDax. Das brummende Geschäft, das hinter diesem Comeback steckt, rührt längst nicht mehr von den Dieselmotoren für schwere Land- und Baumaschinen her, die Deutz seit Generationen in Köln entwickelt und baut. Schwung verleihen dem Unternehmen dagegen zwei neue Geschäftsfelder, in beiden hat Deutz sich durch Zukäufe verstärkt.

Stromgeneratoren und Rüstung bringen Deutz zurück in den MDax

Das eine setzt auf Stromgeneratoren. Die sind insbesondere zur Absicherung von Rechenzentren, aber auch zum Schutz kritischer Infrastruktur weltweit gefragt. Das andere setzt auf Rüstungsgüter. „Deutz hat immer wieder Antriebe für militärische Anwendungen geliefert“, erklärt Marco Herre, CEO der Anfang 2026 gegründeten Business Unit Defense beim Motorenbauer.

Porträt von Marco Herre, CEO der Business Unit Defense der Deutz AG

Marco Herre soll als CEO der neuen Business Unit Defense die Umsätze mit Rüstungsgütern vervielfachen.

Entsprechend kenne Deutz sich mit den Eigenarten des Geschäfts bereits aus, mit Preis- und Vergaberecht, besonderen Anforderungen an Geheimhaltung und resiliente Lieferketten. Neu sei, dass dieses Geschäft bei Deutz nun eine strategische Säule der Strategie 2030 sei, so Herre. Die sieht immerhin eine Umsatzverdopplung vor. Wachstumszahlen, die Deutz im etablierten und zudem noch zyklischen Markt mit klassischen Motoren nicht erreichen kann. Der Business Unit Defense traut das Unternehmen dagegen zu, den Umsatzbeitrag im mittleren zweistelligen Millionenbereich aus dem Vorjahr bis 2030 auf rund 300 Millionen Euro hochzuschrauben. Eine Vervielfachung.

Die scheint möglich, weil der Bedarf an Antrieben aus dem Hause Deutz, speziell für Drohnen, derzeit kaum Grenzen kennt. „Die Kampfführung hat sich mit dem Einsatz von Drohnen verändert. Es geht verstärkt darum, den Gegner zu binden, seine traditionelle Luftabwehr zu überfordern“, so Herre. In den Abnutzungskämpfen des 21. Jahrhunderts reizen vergleichsweise einfache 20.000-Euro-Drohnen millionenschwere Abwehrsysteme zur Reaktion. Kanonen, die auf Spatzen schießen.

Drei bis vier Millionen Drohnen im Ukraine-Krieg im Einsatz

Deutz bestückt etwa das in der Nähe von München ansässige Start-up Tytan mit einem Komplettpaket aus Elektromotor, Antriebsstrang und Software. Tytan lässt sogenannte Ramm-Drohnen aufsteigen, Einweg-Fluggerät, das die angreifenden Drohnen KI-gesteuert erkennt, anpeilt und durch Kollision zum Absturz bringt – zu viel niedrigeren Kosten als klassische Raketenabwehrbatterien. Das passt in die neue Militärdoktrin.

Bislang kann das Unternehmen aber nur wenige tausend Stück pro Monat fertigen. Angesichts von drei bis vier Millionen Drohnen, die in diesem Jahr voraussichtlich allein über der Ukraine abheben werden, „ist da noch Luft nach oben“, so Herre.

Eine Ramm-Drohne von Tytan beim Start.

Auch der Drohnenbauer Tytan Technologies setzt auf Deutz-Technik.

Der glaubt auch unabhängig von der Fortdauer des Konflikts im Osten Europas an gute Geschäfte mit Kampfdrohnen. Die würden zunehmend Teil der Streitkräfte. „Damit muss auch scharf geübt werden, nicht nur simuliert“, sagt er. Die Drohnen seien also ein Verbrauchsgut, das ständig Ersatz benötige.

Außerdem seien die Verträge mit der Bundeswehr und anderen Partnern so gestaltet, dass die Systeme fortwährend Updates bekommen. Die Leistungsfähigkeit der KI passt sich also laufend an die Anforderungen an. „Irgendwann ist dann ein Punkt erreicht, bei dem auch die Hardware nicht mehr passt und ausgetauscht werden muss“, glaubt Herre. Auch das stützt den Absatz der Rüstungshersteller. Möglicherweise wird der Staat in Zukunft auch gar nicht mehr bestimmte Stückzahlen ordern, sondern vielmehr das Vorhalten von Produktionskapazitäten und die fortlaufende Entwicklungsarbeit finanzieren. Auch das erscheint den Deutz-Managern als attraktives Geschäftsfeld.

Wir sind keine Glücksritter, die nur kurz gekommen sind, um im Rüstungsboom etwas abzugrasen. Wir wollen zeigen, dass wir einen langen Atem haben.
Marco Herre, CEO Business Unit Defense bei Deutz

Die eigene Business Unit, das Unternehmen innerhalb des Unternehmens Deutz also, wirkt dabei in erster Linie als Schnittstelle nach außen. „Wir kanalisieren die Anforderungen im Defense-Markt und geben sie an die anderen Einheiten weiter“, erläutert Herre. Der normale Vertrieb könne das kaum leisten. Außerdem zeige sich in der organisatorischen Aufstellung auch, dass Deutz es ernst meine mit seinem Rüstungs-Engagement. „Wir sind keine Glücksritter, die nur kurz gekommen sind, um im Rüstungsboom etwas abzugrasen. Wir wollen zeigen, dass wir einen langen Atem haben.“

Defense-Sparte fährt zweigleisige Strategie

Dabei baut Deutz die Sparte in zwei Richtungen aus. Auf der einen Seite als Zulieferer für die sogenannten Systemanbieter. Etwa indem die Kölner, die bereits die Motoren für den Fennek, den aktuellen Spähwagen der Bundeswehr liefern, eine neue, 800 PS-starke Motorenvariante für militärische Zwecke entwickeln. „Unsere gängigen Motoren haben bereits viele Eigenschaften, die sie für Militär-Anwendungen qualifizieren“, sagt Herre. „Sie sind robust, langlebig und wartungsarm, und damit auch in sehr anspruchsvollen Umgebungen, etwa bei extremer Hitze oder Kälte, zuverlässig einsetzbar.“

Üblicherweise sind viele Deutz-Motoren aber eher schmal und hoch gebaut. Das passt nicht in die Designs von Militärfahrzeugen, die eine flache Konstruktion vorsehen, um das Gerät besser verbergen zu können. Auch die Fähigkeit, den Motor im Notfall mit Kerosin statt mit Diesel betreiben zu können, ist gefragt. Hier geht Deutz in Vorleistung und investiert in Entwicklung, um das bestehende Portfolio an geeigneten Modellen auszubauen, obwohl noch keine Lieferverträge für diese speziellen Motoren fixiert sind.

Deutz will Industriestandards bei Drohnen setzen

Der zweite Strang mit dem Deutz im Rüstungssektor Fuß fassen will, ist die Zusammenarbeit mit Start-ups. Die erwähnten Ramm-Drohnen von Tytan gehören dazu, eine Beteiligung am ebenfalls nahe München ansässigen Bodendrohnenbauer Arx Robotics, vor allem aber der Kauf des Antriebsspezialisten Sobek, der beide Partner bestückt. Deutz, so das Unternehmensnarrativ, unterstütze die jungen Unternehmen bei der industriellen Skalierung, also beim Ausbau der Fertigung. Auch Herre macht diesen Punkt stark: „Wenn die Aufträge kommen, sind wir da“, sagt er.

Eine Fertigungsstraße für unbemannte Verteidigungssysteme bei Deutz

Der Deutz-Partner Arx Robotics baut unbemannte Bodenfahrzeuge, die im Kriegsgebiet etwa bei der Aufklärung, der Logistik oder beim Bergen von Verwundeten zum Einsatz kommen.

Zudem profitierten die Partner vom internationalen Service-Netz der Kölner, das Ersatzteile binnen kürzester Zeit auch an entlegene Orte der Welt bringen kann. Deutz selbst will sich auf diesem Weg an die Spitze der Nahrungskette setzen. „Natürlich ist es unser Ziel, irgendwann die Standards für diese Technologie zu setzen. Wir möchten Schnittstellen definieren und der bevorzugte Partner innerhalb des Drohnen-Ökosystems werden“, sagt Herre.

Börsenstory stößt auf Zustimmung bei Investoren

Das verfängt bei Investoren. „Die strategische Schwerpunktsetzung in der Defense-Sparte wird vom Kapitalmarkt honoriert“, weiß Herre aus Gesprächen mit Anlegern. Die Positionierung ist aber mittlerweile auch in der Start-up-Szene bekannt. Beinahe wöchentlich melden sich mögliche Kooperationspartner und wollen ihre Ideen in eine Partnerschaft mit Deutz einbringen. Dass weitere solche Beteiligungen in Zukunft zustande kommen, will Marco Herre gar nicht ausschließen: „Wir haben viele Kompetenzen bei uns im Haus, wollen aber sowohl organisch wie auch anorganisch wachsen. Weitere Zukäufe sind also selbstverständlich eine Option“, sagt er.

Der Deutz-Standort in Ulm profitiert von dem neuen Geschäft mutmaßlich stärker. „Die Produktion dort ist kleiner und flexibler, in Köln bauen wir sehr hohe Stückzahlen in stark automatisierten Verfahren“, sagt Herre. Letztlich werde der neue Hoffnungsträger aber die Beschäftigung in der gesamten Deutz AG absichern.

Das scheint auch die Belegschaft so zu sehen. Vorbehalte gegen das verstärkte Rüstungsengagement bei Deutz sind dem CEO der Defense-Sparte nach eigener Auskunft jedenfalls keine begegnet. „Wir haben die strategische Ausrichtung früh in unseren Betriebsversammlungen kommuniziert. Es ist mir bis heute keine Stimme bekannt, die den Schritt grundsätzlich in Frage gestellt hätte“, sagt er. „Die Menschen kennen die geopolitische Lage.“