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Motive bislang unbekanntErste Cyberangriffe auf Kühlanlagen von Supermärkten in NRW

In mehreren deutschen Supermärkten wurden Kühlanlagen vermutlich aus der Ferne manipuliert. Lebensmittel mussten entsorgt werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Vorfällen.

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Leergeräumte Kühltheken in einem Supermarkt.

Nach den jüngsten Hackerangriffen auf Kühlanlagen in europäischen Supermärkten ist auch Nordrhein-Westfalen betroffen.

Nach der Serie von Cyberangriffen auf die Kühltechnik in europäischen Supermärkten gibt es nun auch Fälle in Deutschland. Die Polizei untersucht Attacken auf Geschäfte in NRW, Niedersachsen und Niederbayern; unter anderem war ein selbstständig geführter Rewe-Markt im münsterländischen Raesfeld betroffen. Wegen manipulierter Kühlsysteme mussten zahlreiche Lebensmittel entsorgt werden. Für betroffene Läden ist der Schaden groß. In Lilienthal bei Bremen ist durch den zeitweisen Ausfall ein Schaden von mehr als 360.000 Euro entstanden, meldet der Inhaber. Hinweise auf die Täter und deren Motive sind bislang unbekannt. Die EU-Kommission berief ein Krisentreffen ein. An einer ersten EU-Runde am Dienstag nahmen demnach unter anderem die EU-Cybersicherheitsagentur Enisa, die Polizeibehörde Europol und die zuständigen Experten der Kommission teil. Auch das europäische Netzwerk für Cyberkrisen sei aktiviert worden.

Um welche aktuellen Angriffe handelt es sich?

In NRW sei ein von der Arbeiterwohlfahrt betriebener Supermarkt in Wetter-Volmarstein (Ennepe-Ruhr-Kreis) das Ziel gewesen, bestätigte AWO-Bereichsleiterin Sandra Salten auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf. Ebenso in Wuppertal wurde ein CAP-Markt Ziel der Angriffe. In den sogenannten CAP-Märkten arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam. Auf Facebook berichtete der CAP-Markt von einem externen Zugriff am Wochenende, der dazu geführt habe, dass die Kühlsysteme zu warm waren. Ähnliches meldete eine Edeka-Filiale im bayerischen Reisbach. Durch einen Cyberangriff seien auch hier die Kühlanlagen hochgeheizt worden, die Folge: Massen an verdorbenen Lebensmitteln. „Foodsharing hat kurzfristig alles abgeholt, was noch irgendwie zu retten war. Doch ein Großteil der Ware musste leider entsorgt werden“, hieß es in einem Facebook-Post des Marktes.

Darüber hinaus war auch ein Rewe-Supermarkt im Münsterland Ziel eines solchen Angriffs. Auf Anfrage bestätigte die Rewe-Gruppe gegenüber unserer Redaktion, dass der Rewe-Markt Büsken betroffen war: „Im selbstständig geführten Rewe-Markt Büsken in Raesfeld kam es gestern zu Beeinträchtigungen der Kühltechnik. Betroffene kühlpflichtige Lebensmittel wurden vorsorglich aus dem Verkauf genommen und entsorgt“. Auch in Raesfeld steht der Verfall im Zusammenhang mit einem Cyberangriff auf den Systemanbieter Danfoss. Dieser sei jedoch nur regional in wenigen Märkten im Einsatz, sagte eine Sprecherin. Seit Montagnachmittag sei die Kühltechnik wieder in Betrieb und der Markt voll bestückt.

Welches Motiv steckt hinter den Taten?

Bislang gibt es kein Bekennerschreiben und auch keine Erpressungsversuche - die Täter forderten kein Lösegeld, wie es bei typischen Ransomware-Attacken der Fall ist. Reine Sabotage scheint das Ziel gewesen zu sein. Sicherheitsexperten diskutieren zwei Szenarien: Zum einen könnte es sich um staatlich gelenkte oder geduldete Akteure handeln, die gezielt kritische Infrastrukturen testen und die Lebensmittelversorgung verunsichern wollen. Zum anderen könnten sogenannte „Script Kiddies“ oder kriminelle Hackergruppen am Werk sein, die schlicht ausprobieren, welche Schäden sich mit öffentlich verfügbaren Werkzeugen anrichten lassen.

Wie liefen die Angriffe ab?

Mitte Oktober waren in Frankreich rund 700 der etwa 10.000 Supermärkte des Landes durch Cyberattacken betroffen, sagte Finanzminister Roland Lescure. Die Angreifer hatten es auf das weitverbreitete Kühlregelsystem des dänischen Herstellers Danfoss abgesehen, das auch in einem betroffenen deutschen Rewe-Markt im Einsatz ist. Zuletzt wurden auch in Belgien, Schweden, Irland, Luxemburg, Estland und den Niederlanden Kühlanlagen angegriffen. Die Angreifer stellten die Kühl- und Tiefkühlsysteme auf Dauer-Abtauen. Teilweise stieg die Temperatur so auf bis zu 50 Grad an.

Das dänische Kältetechnikunternehmen Danfoss erklärte, es versuche, zusammen mit seinen Kunden, den Schaden zu begrenzen. Die meisten betroffenen Systeme seien ältere Produkte gewesen, für die es keine Software- oder Sicherheitsupdates mehr gebe. Man rate Kunden seit Langem, neuere Systeme zu verwenden.

Besteht ein Risiko für die Verbraucher?

Eine direkte Gefahr durch verdorbene Lebensmittel im Verkauf ist gering. Betroffene Filialen bemerkten die Temperaturanstiege in der Regel bei Schichtbeginn; die Waren wurden entsorgt und kamen nicht in den Umlauf. Kurzfristig führte dies mancherorts zu leeren Regalen und vorübergehenden Schließungen von Frischeabteilungen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass gehackte Filialen versucht haben, verdorbene Lebensmittel noch zu verkaufen.

Wieso sind die Anlagen zentral gesteuert?

Die digitale Vernetzung ist bei modernen gewerblichen Kühlanlagen heute Standard und vor allem wegen der Lebensmittelsicherheit im Einsatz. Sie gewährleistet, dass die Kühlanlagen rund um die Uhr überwacht werden können – auch, wenn keine Mitarbeiter vor Ort sind. Techniker können außerdem per Fernzugriff auf die Anlagen zugreifen, um schnellstmöglich reagieren zu können und sich beispielsweise längere Fahrtzeiten in den Markt zu sparen.

Diese Schnittstellen „befinden sich normalerweise in einem geschlossenen Netzwerk und sollten vom Internet aus nicht zugänglich sein“, sagt Kévin Tellier vom französischen Cybersicherheitsunternehmen Synacktiv. Doch in einigen Fällen hätten schon „ein paar Grundkenntnisse“ ausgereicht, um sich Zugang zu verschaffen. Die Angreifer nutzten offenbar automatisierte Programme, um offene Systeme aufzuspüren, und verschafften sich über bekannte Schwachstellen veralteter Software oder unveränderte Standardpasswörter den Zugriff.

Wie können solche Cyberattacken künftig verhindert werden?

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) empfiehlt ausdrücklich, „aus dem Internet erreichbare Steuerungsanlagen nach dem Stand der Technik abzusichern“. Konkret rät das BSI, den direkten Zugriff aus dem Internet auf Steuerungssysteme zu unterbinden und sogenannte virtuelle private Netzwerke (VPN) und „multifaktorgeschützte Zugriffe“ zu nutzen. Zudem sollten die Systeme auf dem aktuellen Stand gehalten und Sicherheitsupdates und Fehlerkorrekturen kurzfristig eingespielt werden.

Die EU-Kommission berief Krisentreffen ein. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen sprach am Montag von einem „bewussten Versuch, unsere Lebensmittelkette zu unterbrechen und das Vertrauen der Verbraucher in sie zu untergraben.“ Das wiederholte Auftreten dieser Cyberangriffe sei „zutiefst besorgniserregend“. Die Angriffe nehme man „sehr ernst“. Die Lebensmittelsicherheit in Europa sei derzeit nicht gefährdet.

Wo steht Deutschland in Sachen Cybersicherheit?

Für Ismet Koyun, Gründer des IT-Unternehmens Kobil, sind die Angriffe auf Supermarktketten erst die Spitze des Eisbergs: „Heutzutage sind wir überall miteinander vernetzt. Heute ist es der Handel, übermorgen können es Versicherungen oder Banken sein.“ Datenschutz ist seiner Meinung nach immer noch unterschätzt. Es erschrecke ihn, dass man die Gefahr, die von Cyberangriffen ausgehen kann, „nicht ernst nimmt“. Für besonders angreifbar hält er auch die Verkehrsinfrastruktur oder die Automobilbranche. Wichtig ist laut Koyun, auf Sicherheitstechnologien aus dem eigenen Land zu setzen und sich unabhängig von großen US-Firmen zu machen.

Unterdessen steigen die Ausgaben für IT-Sicherheit in Deutschland weiter an. Der Digitalverband Bitkom geht auf Grundlage von Daten des Marktforschungsunternehmens IDC für 2026 von einem Anstieg um 11,7 Prozent auf 14,3 Milliarden Euro aus. Relativ zum gesamten IT-Budget bleiben die Ausgaben für IT-Sicherheit allerdings unverändert: „Im Schnitt fließen wie im Vorjahr 18 Prozent in die IT-Sicherheit und damit etwas weniger als der vom Bitkom und BSI empfohlene Richtwert von 20 Prozent“, erklärte der Verband. „Cyberangriffe sind aktuell eine der größten Bedrohungen für unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft“, erklärte Susanne Dehmel von Bitkom. „Wer in IT-Sicherheit investiert, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch Kundinnen und Kunden, Lieferketten und die Infrastruktur, von der wir alle abhängen.“