Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) feiert Jubiläum. Über die Jahrzehnte hat die Kölner Denkfabrik wirtschaftspolitische Debatten in Deutschland mitbestimmt.
IW wird 75Kölner Konzepte prägen Deutschlands Wirtschaft

Michael Hüther ist seit 2004 Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft.
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Hätte der Wuppertaler Textilunternehmer Carl Neumann mit Kriegsende 1945 nicht sein Firmenimperium eingebüßt, er hätte vielleicht nie die Zeit gefunden, sich politisch zu engagieren. Das wäre ein Jammer gewesen. Denn dann wäre Deutschland um eine wichtige ökonomische Stimme ärmer – und Köln um eine seiner bedeutendsten Institutionen. Denn auf Carl Neumanns Initiative geht die Gründung des Deutschen Industrie-Instituts zurück, mittlerweile allseits bekannt als Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Heute wie vor exakt 75 Jahren versteht sich das Institut als Fürsprecher einer liberalen Ordnungspolitik, setzt sich also für freien Wettbewerb und Privateigentum ein und wendet sich gegen übermäßige staatliche Eingriffe.
Institut der Wirtschaft wird zum Chronisten des deutschen Wirtschaftwunders
Das ist im Gründungsjahr 1951 längst keine Selbstverständlichkeit. In der jungen Bundesrepublik wird noch um das künftige Wirtschaftsmodell gerungen. Ludwig Erhards „Soziale Marktwirtschaft“ muss sich erst noch beweisen. Einige ihrer wichtigsten Säulen existieren noch gar nicht. Die Bundesbank wird erst 1957, das Bundeskartellamt 1958 gegründet. In dieser Epoche wird die neu gegründete Forschungseinrichtung mit dem Auftrag versehen, „breit gefächerte volkswirtschaftliche Aufklärungsarbeit über Leistungen und Grundsätze der freien Unternehmerwirtschaft“ zu leisten und zwar auf der „Grundlage von wissenschaftlich einwandfreien Erkenntnissen“. Das IW rechnet der Bevölkerung also vor, wie Löhne und Produktion steigen und wird damit gleichzeitig zum Chronisten und zum Propagandisten des deutschen Wirtschaftswunders.

Ehemaliger Sitz des IW-Vorgängers, Deutsches Industrie-Institut, am Kaiser-Wilhelm-Ring 3-5. Das Institut war hier von 1955 bis 1970 beheimatet. In den ersten Jahren ab 1951 befanden sich die Büros nur wenige Häuser weiter am Kaiser-Wilhelm-Ring 20.
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„Wir sind als Institut immer unabhängig gewesen“
Das Institut finanziert sich dabei, anders als das Berliner DIW und das Münchner Ifo Institut, nicht aus öffentlichen Geldern, sondern wesentlich aus Mitteln der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) sowie aus Mitgliedsbeiträgen von Privatunternehmen. Das bringt dem Institut in der öffentlichen Berichterstattung häufig das Label „arbeitgebernah“ ein. Das hört man im IW freilich nicht gerne. „Wir sind als Institut immer unabhängig gewesen“, sagt der Direktor Michael Hüther gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Als Ausweis dienen IW-Positionen etwa zur Schuldenbremse oder zum Mindestlohn, die in der Vergangenheit auch schon mal von der Haltung der Mitglieder abgewichen sind.
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Seine Rolle als „Anwalt der sozialen Marktwirtschaft“ und Stimme der Wirtschaft nimmt das IW vor allem in der Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung in den späten 1960er Jahren ein. Während die Rufe nach einer Verstaatlichung der Industrie und einem Ausbau des Sozialstaates lauter werden, verteidigt das Institut vehement den freien Wettbewerb. 1970 bezieht das IW das heutige Gustav-Heinemann-Ufer 84 – 88 – und sitzt dort mit dem BDI unter einem Dach. Das macht das Gebäude 1974 zum Ziel eines linksterroristischen Anschlags mit einer Rohrbombe, bei dem zwar die hausinterne Druckerei zerstört, aber glücklicherweise niemand verletzt wird.

Von 1970 an sitzt das IW gemeinsam mit dem BDI im Haus der Deutschen Industrie am Gustav-Heinemann-Ufer 84-88.
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IW stellt sich breiter auf
Das IW stellt sich in dieser Zeit breiter auf und schaltet sich häufiger in gesellschaftspolitische Debatten ein, etwa in die Bildungspolitik. Während in der BRD die Einführung von Gesamtschule und BAföG heiß diskutiert werden, wendet sich das Institut mit unterschiedlichen Publikationen an Pädagogen und Politik. Das IW gliedert sich in zwei wissenschaftliche Hauptabteilungen, neben die „Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ tritt 1976 die Abteilung „Bildung und Gesellschaftswissenschaften“. Bis heute stellen die Kölner, etwa über ihre 1994 gegründete Tochter IW Junior, Lehrkräften Schulmaterial vom Arbeitsblatt bis zum kompletten Unterrichtsentwurf zur Verfügung, um handfestes Wirtschafts- und Finanzwissen zu fördern. Auch die Umbenennung vom Deutschen Industrie-Institut zum Institut der deutschen Wirtschaft im Jahr 1973 macht deutlich, dass die Ökonomen ihren Blick weiten. Der Trend setzt sich fort.
1990 eröffnet das Berliner Büro
Über die Jahrzehnte bildet die Agenda des IW die großen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Debatten in Deutschland ab – und gestaltet sie mit. Strukturwandel, Globalisierung und Standortfragen gewinnen in den 1980er Jahren an Bedeutung. Unmittelbar nach der deutschen Einheit eröffnen die Kölner nicht nur ein Berliner Hauptstadtbüro, sondern beginnen auch mit einer halbjährlichen Konjunkturumfrage in den neuen Bundesländern. Aus der 1994 eingerichteten Forschungsstelle für Ökonomie und Ökologie geht ein Expertenpool für Kreislauf-, Klima- und Energiewirtschaft hervor. Und in Zukunft? IW-Direktor Michael Hüther zählt gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ die Themen „Dekarbonisierung, Demographie, Digitalisierung und Geopolitik“ als „inhaltliche Klammer für unsere wissenschaftliche Arbeit im Jubiläumsjahr“ auf.
Dafür stehen Hüther mittlerweile beinahe 200 wissenschaftliche Mitarbeiter zur Verfügung. Insgesamt beschäftigt das Institut mit seinen Töchtern nach eigener Auskunft derzeit knapp 420 Angestellte, 130 davon die IW Medien. Die Agentur bietet PR-Dienstleistungen für Verbände und Unternehmen an. Dass so viel Kommunikations-Know-how im Hause ist, ist vielleicht auch ein Grund, warum das Institut seine Botschaften so erfolgreich platziert. „Wir sind mit Abstand das Forschungsinstitut, das in den vergangenen zehn Jahren am meisten an kommunikativer Reichweite gewonnen hat“, sagt Hüther. Daran hat der Direktor, seit 2004 und damit seit mehr als zwei Jahrzehnten im Amt, freilich auch seinen Anteil. Hüther ist nicht nur anerkannter Ökonom, sondern auch Podcaster und beliebter Talkshow-Gast.
Stadt Köln lässt sich vom IW beraten
Den Einwand von Kritikern, das IW sei mehr an der öffentlichen Wahrnehmung als an Forschung und beispielsweise der Publikation in wissenschaftlichen Fachzeitschriften gelegen, kontert Hüther: „Wir arbeiten nicht im Elfenbeinturm. Wir beforschen Themen, die relevant sind und sehr anwendungsorientiert.“ Wissenschaft diene der Problemlösung. Das kommt auch der Stadt Köln zugute. Die stützt sich in ihrer Wirtschaftspolitik ganz konkret auf Handlungsempfehlungen der Instituts-Tochter IW Consult.

Aktuelles Bürogebäude des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) am Konrad-Adenauer-Ufer 21.
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Anders als BDI und BDA, die 1999 aus Köln nach Berlin umgesiedelt sind, blieb das Institut zudem seinem Gründungsort treu und ist mit seinem jüngsten Umzug noch einmal näher ins Herz der Stadt – sprich: in Dom-Nähe – gerückt. Seit 2009 sitzt das IW am Konrad-Adenauer-Ufer 21, keine zehn Minuten Fußweg vom Hauptbahnhof entfernt. Hier wird, mit Blick auf den Rhein, auch in Zukunft Wirtschaftspolitik gestaltet, für ganz Deutschland.
