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Kölner Start-upPaged. will für mehr Barrierefreiheit im Internet sorgen

Lesezeit 5 Minuten
Deniz Tuzsus und Dana Pietralla sitzen mit Laptop, Notizheft und Handy an einem Tisch und sind verschwommen. Im Vordergrund ist ihre Website paged. auf einem weiteren Laptop zu sehen. Die Website hat einen weißen Hintergrund mit drei geschwungenen Linien in pink, gelb und hellblau, die von einem gezeichneten Auge ausgehen. „Accessibility meets Science“ und „Werden Sie barrierefrei“ stehen darauf geschrieben.

Deniz Tuzsus und Dana Pietralla haben gemeinsam das Social-Tech-Start-up paged. gegründet.

Mit dem Tool von dem Kölner Start-up paged. können Nutzerinnen und Nutzer Webseiten den individuellen Bedürfnissen anpassen.

Stellen Sie sich vor, dieser Text und dessen Informationen sind nicht zugänglich für Sie. Die Buchstaben sind verworren, ergeben keine Wörter, keine Sätze. Sie können den Text lesen, aber sich nicht konzentrieren. Farben sind nicht voneinander zu trennen, der Kontrast ist zu niedrig. Die schwarze Schrift, auf weißem Hintergrund, können Sie nicht sehen …

Barrieren für Menschen mit und ohne Behinderungen werden üblicherweise im räumlichen, physischen Sinne betrachtet. Dabei ist das Internet ebenso ein Raum, in dem mittlerweile ein Großteil des Alltags stattfindet, und in dem für einige Menschen Barrieren lauern. Für Barrierefreiheit kann und sollte also auch im Internet gesorgt werden. 

Kölner Start-up hat ein Tool entwickelt, mit dem jede Website individuell angepasst werden kann

Deniz Tuzsus und Dana Pietralla wollen eben das mit ihrem Start-up paged. schaffen, das 2022 live gegangen ist. Sie vertreiben eine Software, ein Tool, das es Nutzerinnen und Nutzern erlaubt, eine Website nach den eigenen Lese-Bedürfnissen individuell anzupassen. Ganz nach dem Motto „Jeder Jeck ist anders“, erklärt die Kölnerin Dana Pietralla.

Ist das Tool bei einer Website eingebaut, können Nutzerinnen und Nutzer an der Seite ein kleines Fenster ausklappen, bei dem verschiedene Anpassungsmöglichkeiten auszuwählen sind. So können beispielsweise die Schriftgröße, der Kontrast, die Abstände von Wörtern, Buchstaben und Zeilen verändert werden. Grund dafür ist, dass Menschen mit Seheinschränkungen, Lese-Rechtschreibschwächen oder anderen Einschränkungen nicht jede Schrift gleich gut lesen können. 

Zudem kann deshalb auch die Schriftart selbst angepasst werden. Die Auswahlmöglichkeit „Open-Dyslexic“ ist zum Beispiel besonders gut lesbar, für Menschen mit Dyslexie – also Betroffene, die Schwierigkeiten haben, Worte und Texte flüssig zu lesen und zu verstehen. Bei ihnen verschieben sich häufig Buchstaben oder Wörter. Mit der vorgeschlagenen Schriftart passiere das seltener. Das gehe aus diversen Studien hervor, die paged. für die Erstellung des Tools herangezogen hat, erklärt Pietralla.

Produkte an Bedürfnisse anpassen

Das Heranziehen von Studien sowie betroffenen Menschen für die Erstellung des Tools, sei eine große Stärke des Start-ups, erklärt Sophie Dienberg von inKlub: „Weil eben so das Produkt an die wirklichen Bedürfnisse angepasst ist“. inKlub bietet ein barrierefreies Startup-Programm und unterstützt Menschen mit und ohne Behinderungen bei der Gründung eines eigenen, inklusiven Start-ups. Ab März können sich Interessierte mit einer Gründungsidee unter www.inklub.eu zum kostenlosen Starter-Programm anmelden.

Dass Barrierefreiheit von Bedeutung ist und immer wichtiger wird, habe mehrere Gründe, so Dienberg. Auch der Arbeitsmarkt ist einer. „Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen haben größere Schwierigkeiten als Menschen ohne Behinderungen, einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden“, erklärt sie. Dem könne unter anderem entgegengewirkt werden, wenn alle Menschen an die gleichen Informationen gelangen könnten. 

Dana Pietralla und Deniz Tuzsus wollen digitale Inklusion schaffen

Eben da „möchten wir einen Impact schaffen und allen Menschen einen Informationszugang ermöglichen“, erzählt Pietralla. Entstanden sei die Idee während Corona. Die 26-Jährige ist studierte Psychologin und hat sich vor allem mit Forschung auseinandergesetzt. In Onlinekursen zum Thema Webdesign habe sie viel über digitale Barrieren gelernt, erzählt sie. Nach weiterer Recherche dachte die geborene Kölnerin: „Das ist ein Bereich, da kann ich als Psychologin, wo man immer so den Menschen helfen will, mit meinem Wissen, das ich mir angeeignet habe, einfach perfekt helfen“.

Sie erzählte ihrem Partner Deniz Tuzsus von der Idee. Tuzsus, der sich als computergestützter Neurowissenschaftler mit KI und IT auskennt, kamen direkt Algorithmen in den Sinn, die aus anderen Bereichen bekannt sind und für Accessibility genutzt werden könnten. So wurde er auch Pietrallas Partner im geschäftlichen Sinne und entwickelte den Code für das Tool. 

Eine Webseite ist so etwas wie ein Ort, an denen alle Zugang haben sollten und die Verantwortung dafür trägt die Person, die diese Ortschaft betreibt
Deniz Tuzsus, Mitgründer des Social-Tech-Start-ups paged.

Dieses soll künftig für Menschen mit Beeinträchtigung kostenlos als Add-On für den Browser verfügbar sein. Bisher verkauft das Start-up es an Betreiber von Webseiten. Es ist also vorrangig ein b2b-Produkt – eine bewusste Entscheidung des jungen Start-ups. „Wir nehmen auch keinen Aufzug mit ins Gebäude, damit wir hochkommen“, erklärt Tuzsus. Um einen Aufzug müsse sich der Gebäudeinhaber kümmern. Bei Webseiten gelte die gleiche Idee. „Eine Webseite ist so etwas wie ein Ort, an denen alle Zugang haben sollten und die Verantwortung dafür trägt die Person, die diese Ortschaft betreibt“, so der 30-Jährige.

Paged. finanziert sich bisher mit Förderungen 

Deshalb gehen Pietralla, Tuzsus und ihre zwei Angestellten auf Website-Betreiber zu und verkaufen das Tool als Abonnement. Je nach Größe der Webseite und dessen Unterseiten koste das Produkt unterschiedlich viel. So liegt der Preis für kleinere, einfachere Webseiten bei 100 bis 500 Euro pro Jahr, bei größeren Webseiten kann es sich aber auch um bis zu 10.000 Euro im Jahr handeln. 

Bisher macht das Unternehmen damit noch keine Umsätze, erzählt das Gründerpaar. Diverse Förderungen ermöglichen momentan die Arbeit. Zuletzt wurde paged. durch das EXIST Gründungsstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz in Höhe von 120.000 Euro unterstützt.

Das Start-up ist sich aber sicher, dass es bald auf eigenen Beinen stehen kann, zumal nach EU-Richtlinien bereits alle öffentlichen Stellen barrierefreie Webseiten haben müssen. Ab Juni 2025 wird das zusätzlich für alle Webseiten mit elektronischen Dienstleistungen in der EU Pflicht.  

Von barrierefreiem Internet kann jeder profitieren

Das Tool von paged. reicht da alleine nicht aus, weil es bisher nur visuelle Barrieren berücksichtigt. Eine komplett barrierefreie Webseite könne laut Sophie Dienberg zwar wahrscheinlich nie erreicht werden, „aber wenn man auf alle Sinne achtet, kann man sehr nah dran kommen“, meint die inKlub-Gründerin. Paged. will dementsprechend das Angebot nach und nach ausbauen. So arbeite das Team gerade neben einem Beratungsangebot an einer Weiterentwicklung des Tools.

Dann sollen zum Beispiel auch Hörbeeinträchtigte abgeholt werden. Für blinde Menschen wollen Sie eine KI entwerfen, die direkt Alt-Texte für Bilder erstellen kann. Auch motorische Beeinträchtigungen könne man abfangen, meint Pietralla. Menschen mit Parkinson könnten beispielsweise mit einer automatischen Stabilisation der Maus unterstützt werden. „Da kommen wir dann auch zu Beeinträchtigungen, die wirklich jeder im Alter haben kann“, so die paged.-Gründerin. „Und unser Leben wird sich auch im Alter im Internet abspielen“, fügt ihr Partner hinzu. 

Dass allgemein nicht nur Menschen mit Behinderung von barrierefreier Technik profitieren, macht auch Dienberg deutlich: „Warum haben wir denn solche Dinge wie Sprachsteuerung oder Touchscreen? Das sind technische Gadgets, die ursprünglich Einschränkungen entgegengewirkt haben und jetzt kommen sie uns allen entgegen“. 

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