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Renault-Deutschland-Chef„Köln sollte bei E-Mobilität stärkere Vorbildfunktion haben“

Lesezeit 7 Minuten
Renault Deutschland-Chef Uwe Hochgeschurtz

Renault Deutschland-Chef Uwe Hochgeschurtz

  • Renault-Deutschland-Chef Uwe Hochgeschurtz spricht im Interview über Prämien für E-Autos, harte EU-Vorgaben und die Bedeutung des Deutschland-Sitzes in Brühl.

Herr Hochgeschurtz, vergangene Woche tagte der Autogipfel. Sind Sie zufrieden?

Die Ergebnisse sind eine gute Nachricht für die Klimaziele, die sich Deutschland gesetzt hat. Und mit diesem Maßnahmenpaket gelingt das besser als zuvor. Und es ist auch eine gute Nachricht für die Verbraucher. Es gibt jetzt Klarheit für die Kunden, die ein rein elektrisch betriebenes Fahrzeug kaufen möchten.

Was bedeuten die Entscheidungen für Renault Deutschland?

Die Prämien für reine E-Autos sollen bis 2025 weitergeführt werden. Das schafft Rechtssicherheit. Als Marktführer in diesem Segment ist das für uns sehr wichtig. Auch die Bezuschussung bei den Plug-in Hybridfahrzeugen wird es bis 2025 geben.

Viele Verbraucher zögern trotzdem wegen des Mangels an flächendeckenden Lademöglichkeiten...

Der Ausbau der Ladestationen ist von grundlegender Bedeutung. Es muss schnelleres Aufladen ermöglicht werden. Nun werden auch Tankstellenbetreiber und Mineralölkonzerne stärker in die Pflicht genommen. Sie müssen künftig einen bestimmten Anteil von Ladepunkten installieren. Und die Aufladung zu Hause wird ebenso weiter unterstützt. Das finde ich sehr positiv.

Zur Person

Uwe Hochgeschurtz (57), wurde in Köln geboren. Nach dem BWL-Studium begann er seine Karriere 1990 bei Ford. Nach dem Wechsel zu VW arbeitet er seit 2004 in verschiedenen Führungspositionen für Renault. Seit 2016 ist er Vorstandsvorsitzender der Renault Deutschland AG.

Renault ist seit 1907 auf dem deutschen Markt. Unternehmenssitz ist Brühl. Der französische Autobauer steigerte 2019 die Verkäufe auf über 243 300 Pkw und leichte Nutzfahrzeuge der Marken Renault, Dacia und Alpine und ist damit stärkster Importeur. Das Modell Zoe ist Deutschlands meistgekauftes Elektroauto. (cos)

Die Branche ist derzeit angeschlagen, trotzdem will die EU die Grenzwerte nochmals verschärfen.

Ich halte die derzeit diskutierten Forderungen für sehr hoch. Bei der neuen Euro 7 Norm sollen einige Abgaswerte so stark verschärft werden, dass bestimmte Technologien nicht mehr folgen können und sie aus dem Markt genommen werden müssen. Das betrifft insbesondere einige Varianten von Diesel- und Benzinmotoren. Es läuft damit immer mehr auf Elektrofahrzeuge hinaus.

Die Reichweite bereitet vielen Kunden aber noch Sorgen?

Es gibt keinen Grund, sich zu sorgen. Zum einen gibt es ja heute schon etwa 33.000 Ladepunkte in Deutschland, und die Zahl wird in den nächsten Jahren stark steigen. Zum anderen fahren nur wenige Menschen mehr als 100 km pro Woche. Das heißt, sie müssen einmal in der Woche laden. Das dauert ein bis zwei Stunden und ist damit kein Problem.

Wird Renault dieses Jahr die strengeren Co2-Grenzwerte der EU einhalten oder drohen dem Unternehmen Strafzahlungen?

Renault dürfte auch dank des Erfolges des elektrischen Zoe die Grenzwerte einhalten können. Aber es gibt in Folge der Corona-Pandemie noch Schwierigkeiten bei den Zulassungen, hier haben die Straßenverkehrämter große Mühe. Das ist ein Nachteil für alle Hersteller, auch für uns.

„In der Krise gelitten“

Wie ist denn Renault insgesamt vor allem mit Blick auf Deutschland bislang durch die Krise gekommen?

Das Unternehmen hat weltweit wie alle anderen Hersteller unter der Krise gelitten. Während des ersten Lockdowns haben auch wir unsere Handelsbetriebe ein paar Wochen schließen müssen. Das führte natürlich zu Volumenverlust. Wir werden dieses Jahr in Deutschland voraussichtlich zwischen 20 und 25 Prozent weniger Autos verkaufen. 2020 ist sicherlich auch für uns als Gruppe, die grundsätzlich gut aufgestellt ist, kein einfaches Jahr gewesen. Aber wir sehen auch einige positive Zeichen.

Inwiefern?

Wir glauben, dass der Paradigmenwechsel zur E-Mobilität in der Krise an Dynamik gewonnen hat. Viele Menschen sehen den besten Schutz gegen die Pandemie in der individuellen Mobilität. Und wenn man sich ein neues Auto kauft, dann ein ökologisch sinnvolles. Das sieht man an den Zulassungszahlen. Im Oktober war mit dem Zoe erstmals ein Elektroauto unter den zehn bestverkauften Autos. Das gab es noch nie in Deutschland.

Wie stark wird Renault die Modellpalette um E-Autos erweitern?

Wir werden bis 2022 acht reine Elektroautos und zwölf Hybrid-Fahrzeuge auf dem Markt haben. Das nächste neue E-Modell ist der Twingo Electric. Wir sind davon überzeugt, dass der E-Twingo im Segment der elektrischen Kleinwagen sehr schnell eine führende Position übernehmen wird. Die Vorteile liegen auf der Hand: das Auto fährt lokal ohne Emissionen, hat einen kleinen Wendekreis, braucht wenig Verkehrsfläche und lässt sich relativ schnell aufladen. Wie es danach weitergeht, dazu möchte ich jetzt noch nichts sagen. Aber der Zeitpunkt, zu dem die Hälfte unserer verkauften Autos elektrisch betrieben wird, ist nicht mehr so weit entfernt.

Andere Hersteller hatten jüngst Probleme mit Batteriebränden. Wie sieht es bei Renault aus?

Bei uns gab es bislang keine Probleme in größerem Ausmaß. Aber wir sind auch bereits seit sieben Jahren mit E-Mobilität am Markt und konnten viele Erfahrungen sammeln und viele Probleme am Anfang lösen. Aber ehrlich gesagt gab es immer Rückrufe in der Automobilindustrie - in jeder Technologie. Es ist wichtig, dass es dazu funktionierende Prozesse gibt. Das ist gut für die Kunden.

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Rächt es sich nun, dass Europa keine eigene Batteriefertigung hat und die Hersteller damit von den asiatischen Anbietern allein abhängig sind?

In den vergangenen Jahrzehnten wurden immer mehr Teile fremd eingekauft. Das hat dazu geführt, dass unsere Autos qualitativ besser geworden sind und in der Herstellung günstiger. Aber es gibt strategische Teile und dazu gehört die Batterie. Man kann durchaus sagen, es wäre besser, wenn wir langfristig bei der Batteriefertigung auch in Europa Kapazitäten hätten. Denn erstens würde es Arbeitsplätze erhalten. Zweitens würde es uns helfen, die Technologien weiterzuentwickeln und drittens würde es uns natürlich wirtschaftlich weniger abhängig machen.

Wie sollte eine Batteriefertigung in Europa aussehen?

Sie könnte europäisch koordiniert sein. Das Luftfahrtunternehmen Airbus wäre etwa ein Vorbild. Aber es gibt in Europa auch Zulieferer, die kapitalstark genug sind, um das selbst in die Hand zu nehmen. Auch wenn die Asiaten einen Vorsprung haben, ist die Batterietechnik längst nicht ausgereizt.

Was bedeutet das?

In zehn Jahren werden wir nicht mehr die gleichen Lithium-Ionen-Batterien nutzen. Es wird neue Technologien geben, für die wir vielleicht so gut wie keine seltenen Erden mehr brauchen. Man kann den Forschungsrückstand überwinden und die nächste Generation Batterien in Europa produzieren.

Kritiker gehen davon aus, dass E-Mobilität nur eine kurze Übergangstechnologie ist und jetzt aufgrund des politischen Drucks Milliarden versenkt werden, die besser in die Erforschung von Antriebsarten wie Wasserstoff fließen sollten...

Jede Technologie ist immer auch eine Übergangstechnologie. Blicken wir aber mal auf den Wirkungsgrad eines Elektroautos, also den Anteil der zugeführten Energie bei einer Umwandlung in die gewünschte Energieform. Er liegt bei 70 Prozent. Bei Wasserstoff sind es nur 20 bis 30 Prozent. Deswegen gibt es zurzeit keine Alternative zur batteriebetriebenen Elektromobilität und das gilt für die nächsten zwei bis drei Jahrzehnte. Natürlich muss weiter geforscht werden, aber wir müssen jetzt die CO2 Probleme lösen.

„Kein Stellenabbau in Deutschland“

Es bleibt die Schwierigkeit, gebrauchte Batterien zu recyclen. Wo sehen Sie Perspektiven?

Es gibt schon heute ganz hervorragende Möglichkeiten. Im übrigen haben die Zellen eine deutlich längere Lebensdauer im Auto, als wir das erwartet hatten. Nach dem Einsatz im Fahrzeug kann man dann oftmals gebrauchte Batterien als sogenannte „second-life-Batterien“ einsetzen, etwa als Speicher, um Spitzen bei der Stromerzeugung abzufangen. Damit ließen sich auch Kapazitäten in Kraftwerken einsparen.

Jetzt hat der neue Konzernchef Luca de Meo angekündigt, dass das Unternehmen auf Diät gehen müsse. 15.000 Stellen sollen gestrichen werden, wie viele davon in Deutschland?

Corona hat den gesamten Markt getroffen und wie alle Hersteller müssen auch wir konzernweit die Kosten anpassen. Gleichzeitig werden wir weiter massiv in Elektromobilität investieren. Stand heute ist kein Stellenabbau in Deutschland geplant.

Welche Bedeutung hat der Deutschlandsitz in Brühl?

Der Standort hat große Bedeutung, nicht nur für die Mitarbeiter aus der Region, sondern auch weil er ein zentral gelegener Logistikstandort ist mit guter Anbindung zu unserer Zentrale in Paris. Die Renault Gruppe ist Deutschlands größter Importeur und wir sind hier die Nummer eins bei Elektrofahrzeugen. Deutschland hat als zweitstärkster Markt nach Frankreich eine starke Position.

Welche Wünsche haben Sie an die Kommunalpolitik?

Köln und die Region sollte in Sachen E-Mobilität mehr Vorbildfunktion haben. Warum wird Elektroautos das Parken so schwer gemacht? Warum dürfen Elektrofahrzeuge nicht die Spuren von Bussen oder Taxis benutzen, wie es in vielen skandinavischen Ländern oder auch in anderen westeuropäischen Ländern der Fall ist? Hier würde ich mir wünschen, dass man die Elektrofahrzeuge noch stärker priorisiert.

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