85.000 Fans trotzen mit dem Schlagerstar an zwei Abenden der fast unerträglichen Hitze.
Helene Fischer in KölnImmer wieder dieses Fieber

Helene Fischer performte trotz Hitze im Rhein-Energie-Stadion.
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Irgendwann lässt Helene Fischer am Samstag im Rhein-Energie-Stadion das goldene Mikro kurz sinken. Die roten Overknee-Stiefel rutschen, sie muss sie hochziehen. Fast möchte man erleichtert aufatmen. Die Frau, die auch Temperaturen kurz vor 40 Grad eisern trotzt, hat also doch auch mit kleinen Problemchen zu kämpfen.
Wie ein Engel im roten Glitzer-Outfit war sie zuvor ins Stadion eingeflogen, als wäre sie nicht von dieser Welt. „Jetzt oder nie. Morgen kann alles vorbei sein. Jetzt oder nie. Das hier wird unsere Zeit sein“, singt sie dazu. „Kein Weg soll für uns zu weit sein, denn heute werden Träume wahr. Wir sind unser'm Glück so nah.“ Es klingt wie ein Mantra. Wenn du nur fest genug daran glaubst, wird alles gut. Texte aus der Schlägerhölle, die bei ihr merkwürdigerweise trotzdem nicht peinlich klingen.
Köln: Helene Fischer spricht von „heißesten Shows“ ihrer Karriere
Selbst der leichte Schweißfilm auf ihrem Gesicht sieht auf den vier riesigen LED-Wänden mit einer Gesamtfläche von 780 Quadratmetern aus wie ein gewollter Glow-Effekt. „Das sind die zwei heißesten Shows in meiner Karriere“, ruft sie dem Publikum zu. „Wir schwitzen einfach zusammen. Wir werden alles für euch geben. Egal, ob uns die Suppe in die Schuhe laufen wird“, verspricht sie. Mit ihr kann man eben immer wieder dieses Fieber spüren.
Wir werden alles für euch geben. Egal, ob uns die Suppe in die Schuhe laufen wird
20 Jahre Karriere feiert sie mit ihrer Tour in diesem Jahr, gleich zweimal tritt sie in Köln auf. Insgesamt 85.000 Zuschauer sehen sie an den beiden Abenden. Es ist unerträglich heiß, wer über das Stadionrund blickt, sieht überall nur das Wedeln der Fächer. Fischer, in mehreren ganz sicher nicht atmungsaktiven, hautengen Outfits, und ihre Tänzerinnen und Tänzer wirbeln dennoch rund zweieinhalb Stunden über die 360-Grad-Bühne, die ihr einiges abverlangt, weil sie eigentlich überall gleichzeitig sein müsste. Sie kann vielleicht noch nicht über Wasser laufen, aber viel fehlt nicht.
Doch die Kamera folgt ihr unaufhörlich, auf den vier LED-Wänden ist sie die ganze Zeit im Großformat zu sehen, jede Geste, jeder Blick, jeder Tanzschritt perfekt einstudiert. Überhaupt ist alles perfekt: die Band, die Background-Sängerinnen, die Tänzerinnen und Tänzer, die Inszenierung mit Pyrotechnik, Feuerwerk, Stegen, die sich aus der Höhe herabsenken. Es ist kein Zufall, dass der Schlagerstar zu den erfolgreichsten Bühnenkünstlerinnen weltweit gehört. Sie muss sich mit dieser Show vor niemandem verstecken. Die Bühne hat ein Gesamtgewicht von 288 Tonnen, bis zum Geländer des riesigen Würfels in der Mitte sind es 24,6 Meter Höhe.
Helene Fischer begrüßt 95-Jährige aus Belgien im Publikum
Sie sei dankbar und stolz auf ihr tolles Publikum, nur ihm verdanke sie ihre lange Karriere. Fischer weiß, was die Fans von ihr erwarten. Auch zig Millionen verkaufte Alben, ausverkaufte Tourneen und großer Reichtum dürfen nie daran zweifeln lassen, dass sie, die als Kleinkind mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland kam, doch immer noch eine von uns ist. Arroganz würden ihr die Fans nicht verzeihen.

Die Sängerin Helene Fischer war auf Leinwänden beim Mega-Konzert im Rhein-Energie-Stadion zu sehen.
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Deshalb nimmt sie sich auch Zeit für ein paar Selfies mit Fans. Und seltener wirkt sie sympathischer als in den Momenten, in denen sie ein wenig ungelenk mit ihnen spricht. Würde man bei jedem „Ihr Lieben“ oder „Köln“ einen Schnaps trinken, läge man jetzt schon im Koma.
Die acht Jahre alte Lia darf kurz auf die Bühne. Und dann gibt es den vielleicht ehrlichsten, emotionalsten Moment des Samstagabends, als sie eine 95-Jährige im Publikum begrüßt, die eigens aus Belgien angereist ist. Da wirkt sie aufrichtig gerührt.
Helene Fischer in Köln: Der perfekte Eskapismus
Es gelingt ihr noch immer, Kindergartenkinder und Senioren gleichermaßen zu erreichen. Vielleicht liegt es daran, dass sie überhaupt keine Angriffsfläche bietet und so alle alles, was sie möchten, in sie hineinprojizieren können. Bemerkenswert ist, dass ihr Publikum sie offensichtlich trotz der beinahe unwirklichen Perfektion authentisch findet. „Wer ist schon fehlerfrei?“, singt sie, und man möchte ihr zurufen: „Du wahrscheinlich!“
Sie singt ihre alten Hits und neue Songs, sie tanzt, sie wirbelt bei einer Akrobatiknummer mit ihrem Mann spektakulär durch die Luft. Auch da sitzt jeder Blick, jede Geste. Doch die Perfektion hat auch einen Preis: Man hat nie das Gefühl, hinter die Fassade der öffentlichen Helene Fischer zu blicken, alles wirkt irgendwie aseptisch.
Ihren Fans ist das egal, sie feiern nicht nur angesichts der Hitze atemlos in dieser Nacht, sondern auch, weil in einer Welt, in der sich alles so schnell wandelt, die so unberechenbar und oft Furcht einflößend ist, Helene Fischer bleibt, wie sie immer schon war. Das ist ihr Versprechen. Nie war Eskapismus so perfekt.
