Die Polizei hat am Montag eine Bilanz nach dem Hitze-Wochenende gezogen: Rund 120 Menschen starben in Köln – offenbar wegen der Hitze.
Bestatter ausgelastetPolizei spricht von 120 Toten am Hitze-Wochenende in Köln

Hitzeopfer in der Notaufnahme in Köln-Merheim am Sonntag, 28. Juni
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Wenn Ulrich Laschet, Sprecher der Feuerwehr Köln, die Lage der vergangenen Tage zusammenfassen soll, fällt ihm sofort ein Wort ein: „Dramatisch“. So verlief das Wochenende nicht nur für viele Kölnerinnen und Kölner, die unter der lang anhaltenden Extremhitze litten, sondern auch für Einsatzkräfte von Rettungsdienst und Feuerwehr. „Menschen bei 40 Grad in Einsatzkleidung in ihren Dachgeschosswohnungen zu reanimieren oder herauszuretten – das hat unsere Belastungs- und Leidensfähigkeit auf eine echte Probe gestellt“, sagt Laschet. Allein Samstag und Sonntag wurden die Einsatzkräfte 44 mal wegen Reanimationen alarmiert.
Die extremen Temperaturen haben die Stadt und ihre Bewohner vor allem am vergangenen Wochenende an ihr Limit gebracht. Das zeigt sich auch in dramatischen Zahlen, die am Montag öffentlich wurden: Die Polizei registrierte von Freitag bis Sonntag 120 ungeklärte Todesfälle – fast viermal so viele wie an einem durchschnittlichen Wochenende. Betroffen sind auch jüngere Menschen. Zwar konnte die Polizei zunächst keine Angaben zu den Todesursachen machen, doch liegt ein Zusammenhang mit den Extremtemperaturen nahe. Das bestätigte auch Alexander Lechleuthner, Leiter des städtischen Rettungsdiensts: „Die extreme Hitze bedeutete insbesondere für ältere und vorerkrankte Menschen eine hohe gesundheitliche Belastung und führte zu einer Übersterblichkeit.“ In wie vielen Fällen genau die Hitze tatsächlich die Todesursache war, ließe sich aber nicht sagen.
Einsatzkräfte in Köln am Limit
Die Wucht des Wochenendes spürten auch Bestattungsunternehmen deutlich. „Die Anzahl der Sterbefälle lag am Wochenende deutlich über dem Durchschnitt. Vor allem die vielen Freigaben aufgrund ungeklärter Todesursachen bereiten uns viel Mehrarbeit“, sagt der Kölner Bestatter Christoph Kuckelkorn. Ähnlich äußerte sich David Roth, Inhaber des Bestattungshauses Klemmer-Roth in der Kölner Südstadt: Es habe wesentlich mehr Sterbefälle und Transporte von Verstorbenen gegeben.
Aus Sicherheitskreisen war zu erfahren, dass die vertraglich gebundenen Beerdigungsinstitute an ihre Kapazitätsgrenzen stießen. Um die Notlage zu lösen, beauftragte die Polizei auch Leichentransport-Firmen ohne feste Verträge mit der Ordnungsbehörde. Krankenhäuser, die Rechtsmedizin und Vertragsbestatter stießen demnach an die Grenzen ihrer Kapazität zur Aufbewahrung von Leichen.
In den zentralen Notaufnahmen der städtischen Kliniken mussten am Wochenende doppelt so viele Menschen reanimiert werden wie sonst. Auch die Zahl der Todesfälle lag etwa doppelt so hoch. Klinik-Sprecher René Hartmann betonte jedoch: „Ob einzelne Todesfälle unmittelbar auf die Hitze zurückzuführen sind, lässt sich medizinisch nicht belastbar feststellen.“ An den Notaufnahmen in Merheim und Holweide registrierten die Kliniken insgesamt 791 Patienten – rund ein Drittel mehr als sonst. 45 Patienten wurden mit hitzebedingten Erkrankungen behandelt, 15 Patienten landeten mit solchen Erkrankungen auf der Intensivstation. Die Versorgung aller weiteren Notfälle sei aber nicht beeinträchtigt gewesen – was laut Hartmann vor allem an einem außergewöhnlichen Kraftakt von Ärzten und Pflegern lag.
Die Stadt richtete Samstagabend in der Messe ein Notlazarett und eine Kälteinsel ein. KVB-Busse brachten Patienten dorthin, die keine Versorgung während der Fahrt im Krankenwagen benötigten. Konkrete Zahlen zur Nutzung der Kälteinsel nannte die Stadt nicht – der tatsächliche Bedarf habe aber im Notfallversorgungszentrum, dem Notlazarett, bestanden. Am Montagabend sollten die Einrichtungen voraussichtlich wieder schließen. Sollte es zur nächsten Hitzewelle kommen, könnten sowohl die Kälteinsel als auch das Notfallversorgungszentrum allerdings kurzfristig wieder in Betrieb genommen werden, sagte eine Stadtsprecherin – auch wenn die Messe belegt sei. „Die Einsatzleitung der Feuerwehr wird situativ neue geeignete Räumlichkeiten, z.B. Museum, Ausstellungsräume o.ä. nutzen. Wichtig hierbei ist eine klimatisierte Umgebung mit guter Anfahrbarkeit für Einsatzfahrzeuge.“
René Hartmann sieht dringenden Handlungsbedarf bei der Vorbereitung auf weitere Hitzewellen: „Die Hitzewelle hat gezeigt, dass sich Krankenhäuser künftig noch intensiver auf lang anhaltende Hitzeperioden vorbereiten müssen.“ Für die kommenden Tage treffen die Kliniken bereits umfangreiche Vorkehrungen: „Dazu gehören zusätzliche Vorräte an Eis und gefrorenen Handtüchern, weitere mobile Klimageräte sowie, soweit personell möglich, eine vorsorgliche Verstärkung der Dienstbesetzung.“
Eine besondere Herausforderung bleibt die Versorgung hitzebedingt erkrankter Patienten nach ihrer Stabilisierung. Während Notaufnahmen, Operationssäle und Intensivstationen klimatisiert sind, fehlt diese Infrastruktur auf den Normalstationen – ein kritischer Mangel aus Hartmanns Sicht. Die Kliniken brauchen daher eine „Refinanzierung der Klimatisierung weiterer Krankenhausbereiche“. Das geplante unterirdische Krisenzentrum auf dem Gesundheitscampus Merheim könnte hier Abhilfe schaffen. Mit klimatisierten Behandlungs- und Versorgungsbereichen würde es die medizinische Versorgung auch bei Extremwetterlagen absichern. Für die vollumfängliche Umsetzung werden noch etwa 40 Millionen Euro benötigt – eine Investition, die Hartmann nach dem Wochenende als dringend erforderlich erscheint.
