Was die Rheinländer wirklich ausmacht, ist eine Eigenschaft, die sich anderswo so nicht findet, meint Bastian Campmann.
Kasalla-Sänger„Vielleicht haben die Kölner eine Superkraft“

Bastian Campman hat anlässlich des 150. Geburtstages des „Kölner Stadt-Anzeigers“ und dem 80. der „Kölnischen Rundschau“ einen Gastbeitrag geschrieben.
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Der Köbes in einem Brauhaus hat mich neulich beleidigt. Na ja, also eigentlich nur bedient. Er stellte mir das Kölsch hin, guckte auf die Uhr – es war 15 Uhr – und frotzelte etwas über Leute, die um diese Zeit noch nichts Vernünftiges vorhaben. Ich fand das schön.
Das ist vielleicht das Erste, wenn man verstehen will, was den Rheinländer ausmacht: Bei uns ist die Beleidigung manchmal die herzlichste Form der Zuneigung. Wer freundlich zu dir ist, ist einfach nur höflich. Wer dich aufzieht und roh-ehrlich ist, hat dich in seinen Kreis hineingelassen.
Vielleicht liegt das auch daran, dass wir mit dem Widerspruch schon von Amts wegen leben. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ wird in diesem Jahr 150 Jahre alt, die „Kölnische Rundschau“ 80 Jahre alt. Auch unser Bundesland NRW ist in diesem Jahr 80 geworden – und dieses Land ist nichts Gewachsenes.
Am 23. August 1946 haben die Briten entschieden, dass Rheinländer und Westfalen ab sofort zusammengehören. Der Deckname der Aktion lautete – kein Witz – „Operation Marriage“. Also eine Zwangsheirat. Und trotzdem sind wir auch 80 Jahre später noch zusammen. Ich glaube, das konnte nur gut gehen, weil wir hier unten am Rhein etwas können, das man uns selten als Fähigkeit anrechnet: Wir halten Dinge nebeneinander aus, die sich eigentlich widersprechen.
„Köln ist ein lebender Widerspruch“
Köln ist selbst schon ein lebender Widerspruch. Wir haben die größte gotische Kathedrale nördlich der Alpen und direkt davor eine Ecke, in der es nach allem riecht, außer nach Weihrauch. Wir erzählen jedem Zugezogenen im ersten Satz, wie weltoffen wir sind, und regeln im zweiten die wichtigen Dinge unter Leuten, die man kennt. Wir sind die herzlichste Stadt der Republik, bis dir jemand auf dem Ring die Vorfahrt nimmt. Anderswo müsste man sich entscheiden. Fromm oder frivol. Ordentlich oder chaotisch. Bei uns steht das nebeneinander an der Theke.
Am deutlichsten sehe ich das von der Bühne aus. Wenn ein Saal, die Arena, ein Lied singt, das nach Party klingt, dann höre ich fast immer noch etwas anderes. Da singen Leute gegen etwas an. Gegen den Montag. Gegen eine Diagnose. Gegen den leeren Stuhl zu Hause.
Der beste kölsche Moment ist nie nur leicht und sorglos. Er hat eine zweite Ebene. Deshalb handeln die schönsten Kölner Lieder von Abschied, von Heimweh und davon, dass alles vorbeigeht. Von Tommy und vom alten Mann, der alleine vor der Wirtschaftstür steht.
Aber alleine bleibt man dann in der Kneipe meist eh nicht lange. Du setzt dich in einem vollen Brauhaus an einen fremden Tisch, weil nichts anderes frei ist. Zwei Stunden später kennst du die halbe Familiengeschichte, hast eine Meinung zum Schwager und weißt, wo man günstig Winterreifen bekommt. Okay, zur Wahrheit gehört dann aber auch: Am nächsten Morgen kann es sein, dass dich dieselben Menschen beim Bäcker nicht mehr erkennen.
„Wir können zwei Dinge gleichzeitig sein“
Und die Medaille – oder in Köln der Karnevalsorden – hat noch eine andere Kehrseite: Was in der Kneipe eine Tugend ist, ist im Rathaus ein Problem: Klüngel. Und wir haben eine erstaunliche Fähigkeit, das eine mit dem anderen zu entschuldigen.
Dazu der bequemste Satz der Stadt: „Dat es Kölle.“ Er erklärt alles und ändert nichts. Er entschuldigt Baustellen, die älter sind als meine Tochter. Er entschuldigt, dass wir Vielfalt gerne im Werbefilm haben, aber nicht immer im Hausflur. Und aus „Mer sin eins“ wird dann auch mal ein „Mer sin eins, aber ohne dich“, wenn man nicht aufpasst.
Wenn ich mich also frage, was den Rheinländer ausmacht, dann komme ich immer wieder da an: Wir können zwei Dinge gleichzeitig sein. Wir können lachen und trauern, feiern und zweifeln, jemanden beleidigen und damit Willkommen meinen.
In einer Zeit, in der überall Zäune höher gezogen werden und sich in Bubbles eingeigelt wird und jeder erst mal wissen will, auf welcher Seite du stehst, ist das mehr als vom Rest der Republik zu belächelnde Folklore. Vielleicht ist es sogar eine Superkraft.
