Abo

GartentippsDer Staudengarten im Winter

Lesezeit 4 Minuten

Zwar sind im Winter die Knospen für die neue Saison schon angelegt. Doch noch steht der Garten im alten Gewand. Blätter sind braun, Blüten vertrocknet, Beeren längst von Vögeln geplündert. Und doch gibt es so viel zu entdecken – vorausgesetzt, der Garten wurde im Herbst nicht allzu sehr aufgeräumt.

„Lassen Sie die Stauden stehen! Schneiden Sie im Herbst nicht alles ab“, plädiert Hermann Gröne. Seinen Garten in Nettetal, etwa eine Stunde nordöstlich von Köln, hat der Gestalter und Buchautor so angelegt, dass er das ganze Jahr über Interessantes zu bieten hat. Die großen Bäume – eine Birkengruppe, eine Stieleiche, eine Hainbuche direkt hinter der Grundstücksgrenze – bestimmen auch im Winter das Bild. Im Zentrum des Gartens liegt eine Terrasse mit ungewöhnlichem Mosaik-Pflaster. Rasen gibt es nur wenig, er zieht sich als Weg mal schmal, mal breit durch die Staudenrabatten.

Im Sommer stehen die Pflanzen hier dicht an dicht, es blüht üppig. Im Winter ist es auf den ersten Blick eher kahl. Doch das Auge braucht nur wenige Minuten, um sich in die Schönheit des Vergänglichen einzusehen. Dann treten Nuancen in den Gelb- und Brauntönen zutage. Was jetzt noch grün ist, fällt umso mehr auf – die großen Blätter des Raulings (Trachystemon orientalis) oder das Laub des Karamellbuschs (Leycesteria formosa „Purple Rain“), der bis zum Frost stehen bleibt und außerdem noch violette Fruchtstände trägt. Details werden sichtbar: die filigranen Überreste von Blüten, die letzte Ebereschenbeere am Fruchtstand, die trockene Samenschote der Scheinmagnolie (Sinocalycanthus sinensis).

Ein solcher Wintergarten ist nichts für Eilige, sondern für Betrachter, die sich Zeit nehmen. Zauber legt sich über den Garten, wenn Raureif Blätter und Zweige überzieht, geradezu märchenhaft wird es bei Schnee, wenn Brandkraut oder Indianernesseln weiße Häubchen tragen. „Die Niederländer feiern die Vergänglichkeit im Garten, bei uns ist das noch nicht so verbreitet“, sagt Hermann Gröne. Er liebt Stauden gerade wegen ihrer besonderen Dynamik. Sie trocknen, sterben ab und sprießen im Frühjahr neu.

Hermann Gröne: „Ein faszinierender Stauden- und Gräsergarten – artenreich, naturnah, pflegeleicht“, Deutsche Verlags-Anstalt, 96 Seiten, 19,99 Euro.

Seit mehr als 20 Jahren gärtnert Hermann Gröne in Nettetal. 2000 Quadratmeter ist sein Grundstück groß, das Haus mitgerechnet. Seit 2002 öffnet er den Garten regelmäßig – auch, um potenziellen Kunden zu zeigen, wie er arbeitet. Hermann Gröne gestaltet Gärten für Privatleute, aber auch Kommunen. Nebenher schreibt er für Fachzeitschriften und veranstaltet Gartenreisen. Gröne ist Baumschulist und ließ sich als Techniker im Garten- und Landschaftsbau ausbilden. Doch seine Leidenschaft gilt den Stauden. Nicht das Hochgezüchtete, sondern Pflanzen mit natürlichem Habitus, die eine interessante Form und Struktur haben, liegen ihm besonders am Herzen. Inspiriert hat ihn Piet Oudolf, der niederländische Gartendesigner, der für seinen naturalistischen Umgang mit Stauden und Gräsern bekanntgeworden ist. Aber auch von Beth Chatto ist Gröne beeinflusst. Die Engländerin war eine der ersten, die Pflanzen stets an den rechten Ort pflanzte. „Right plant, right place“ ist ihr Credo. Gröne arbeitet ebenfalls „mit der Natur“: „Mir ist es wichtig, standortgerecht zu pflanzen.“ Das heißt: trockenheitsliebende Gewächse wie die Präriekerze (Gaura lindheimeri) oder das Argentinische Eisenkraut (Verbena bonariensis) kommen an die kargste Stelle im Garten: auf einen alten, mit einer Erdschicht bedeckten Bauschutthügel. Was normalerweise am Waldrand wächst, etwa die Wiesenraute (Thalictrum delavayi) oder das Japangras (Hakonechloa macra) pflanzt Gröne vor lichte Bäume. Und in den tiefen Schatten kommen Pflanzen wie das Wald-Frauenfarn (Athyrium filix-femina).

Nackte Erde ist im Garten nirgends sichtbar. „Ich arbeite viel mit Bodendeckern“, sagt Gröne. Dann haben unerwünschte Kräuter keine Chance. „Achten Sie auf die Pflanzdichte“, rät der Experte. Gute Gärtnereien geben diese beim Kauf mit an, meist sind es sechs bis neun Pflanzen pro Quadratmeter. „Nach zwei bis drei Jahren ist die Pflanzung dicht.“

Staudenkombinationen ergeben sich in diesem Garten fast von alleine, vom Standort bestimmt. „Ich plane nicht stundenlang“, sagt Gröne. „Es soll immer etwas blühen, und von Frühling bis Herbst habe ich alles schon gut abgedeckt.“ Der Winteraspekt ergibt sich dann von selber, wenn nicht zurückgeschnitten wird.

„Pflanzen, die in der zweiten Jahreshälfte blühen, tragen ihren Blütenschmuck bis in den Winter hinein“, sagt Gröne. Dazu gehören zum Beispiel das Brandkraut (Phlomis) und der Sonnenhut (Echinacea) oder Großstauden wie die Johanniswolke (Aconogonon speciosum). „Manchmal sind Durststrecken zu überwinden. Bei der Herzblatt-Aster (Aster macrophyllus) wird der Blütenstand erst unansehnlich braun, doch im Dezember verfärbt sich der Same hell.“ Gar nicht missen möchte Gröne die Gräser, die er an vielen Stellen in die Beete webt.

Mit der Natur zu arbeiten heißt jedoch nicht, alles dem Zufall zu überlassen – schließlich handelt es sich um einen Garten, und der soll dem Besitzer gefallen. Gröne greift durchaus lenkend ein: „Im August überlege ich, ob ein Bild noch bis in den Winter hinein trägt. Wenn nicht, korrigiere ich hier und da ein bisschen.“

KStA abonnieren