„Spam“Fleisch aus der Dose wird 75 Jahre alt

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Eine charakteristische Dose mit Formfleischinhalt.

Sollte die Welt einmal untergehen, dann wird unter den wenigen Dingen, die unzerstört im Chaos übrig bleiben, bestimmt ein Dose Spam sein. Schweinefleisch, Vorderschinken, Wasser und viel Natriumnitrit als Konservierungsstoff, zusammengepresst zu einem Quader von zwölf Unzen (340 Gramm), der sich mit einem schlurzenden Geräusch aus der Metalldose stürzen lässt

Das Dosenfleisch der Marke Spam – wegen der geheimnisvollen Konsistenz auch Mystery Meat genannt – gibt es seit 75 Jahren. Die amerikanische Hormel Foods Corporation stellte schon länger unter dem Namen Spiced Ham den gewürzten Schinken in Dosen her. Doch so recht wollte er sich nicht verkaufen. Bis Jay C. Hormel, Nachfahre deutscher Einwanderer aus Austin im US-Bundesstaat Minnesota, einen Namenswettbewerb startete. Die zündende Idee: Spiced Ham wurde zum Kunstwort Spam zusammengezogen – und so heißt das Produkt seit 1937.

Billiges Formfleisch als Luxus

Ob es nun der Namen war oder die Umstände – die Marke machten im Zweiten Weltkrieg Karriere. Hormel lieferte mehr als 100 Millionen Dosen an die US-Army, und auch die Verbündeten in Großbritannien und Russland. „Ohne Spam hätten wir unsere Armee nicht ernähren können“, schreibt Nikita Chruschtschow in seinen Memoiren.

Das Fleisch braucht keine Kühlung, kann Hitze vertragen, ist stoßsicher verpackt und – laut Hersteller – fast unbegrenzt haltbar. Mit den Soldaten gelangten die Dosen bis in die entlegensten Regionen der Welt und haben dort bis heute ihre Spuren in der Esskultur hinterlassen. Denn für viele Völker war das für uns billige Formfleisch neu, exotisch und wertvoll – Luxus aus dem fernen Westen.

Obama ist Fan von Spam Musubi

So berichtet die Firma Hormel heute stolz auf ihrer Internetseite, dass Spam-Geschenkgebinde in Südostasien gerne zu Hochzeiten mitgebracht werden. Auch Business-Reisenden wird geraten, die Zigarren zu Hause zu lassen und den Verhandlungspartnern stattdessen ein paar Dosen Spam zu überreichen. Auf den Philippinen gibt es die Restaurantkette „The Spam Jam“, wo Spamburger serviert werden. Während eines schweren Taifuns im Jahr 2009 spendete Hormel Foods dem philippinischen Roten Kreuz 15 000 Kilogramm Spam.

Den höchsten Verbrauch pro Einwohner hat der amerikanische Bundesstaat Hawaii. Wegen der großen Militärbasis auf der Hauptinsel Oahu und den vielen eingewanderten Asiaten ist Spam zu einem festen Bestandteil der Küche geworden – in den abenteuerlichsten Mischungen. Spam Musubi etwa ist Sushi-Reis mit einer Scheibe Spam. Wenn Barack Obama, gebürtiger Hawaiianer, zu Besuch ist, wird er häufiger mit einem Spam Musubi gesehen. Bei den hawaiianischen McDonald’s- und Burger-King-Filialen gibt es Spam and Eggs zum Frühstück.

Pro Jahr 16 Dosen Spam

Gleich nach Hawaii rangiert das winzige Pazifik-Eiland Guam – ein amerikanisches Territorium im Nirgendwo. Jeder Mensch auf Guam isst pro Jahr 16 Dosen Spam. Auch auf den Nördlichen Marianen-Inseln im Pazifik liebt man Spam – so sehr, dass die örtliche Presse vor den Gesundheitsgefahren durch zu viel Konsum warnte – worauf Hormel mit rechtlichen Schritten drohte.In Europa sind die Briten vorn. Sie frittieren nicht nur Mars-Riegel, sondern auch Spam-Scheiben, die dann mit Pommes frites serviert werden. Nur in Deutschland heißt Spam nicht Spam. Hier wird es vom dänischen Hersteller Tulip in Lizenz als Frühstücksfleisch verkauft. Aber das Wort Spam kennt auch hier jeder – aus verschiedenen Gründen. Die Briten waren es, die im Dezember 1970 Spam eine ganz neues Image bescherten. Die Komiker von Monty Python’s Flying Circus spielten in ihrer TV-Show einen absurden Sketch: In einem Restaurant gibt es auf der Speisekarte nur Gerichte mit Spam – was der Gast aber nicht mag. Eine grölende Horde Wikinger treiben ihn daraufhin mit einem nicht enden wollenden Spam-Gesang in den Wahnsinn.

Das PR-Desaster der unerwünschten E-Mail

Mit den dutzendfachen Nennung des Namen bescherte die Truppe dem Produkt geradezu einen Kultstatus – bis in den 1990er Jahren Spam eine ganz andere Bedeutung bekam. Als die ersten unerwünschten Reklamesendungen die E-Mail-Verzeichnisse vollmüllten, erinnerten sich genervte Nutzer an den Monty-Python-Sketch. Unverlangte E-Mails hießen fortan Spam. Ein PR-Desaster für die Firma Hormel. In einer Medienoffensiver arbeitet sie seitdem mit viel Humor das Image von Spam wieder auf.

In Austin gibt es ein Spam-Museum, durch das das Firmen-Maskottchen Sir-Can-A-Lot führt. Und es werden immer neue Geschmacksrichtungen erfunden: Es gibt Spam mit Knoblauch, mit Jalapeno und schwarzem Pfeffer und eine Light-Version. Gegen Spammails gibt es inzwischen jede Menge Abwehrmöglichkeiten. Aber das eingedoste Spam-Fleisch hat bisher alle Widrigkeiten überstanden. Da kann die Welt untergehen.

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