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Abgehängt in KölnHilfen gibt es genug, trotzdem sind die Systeme überfordert – wie kann das sein?

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Unterrichtsszene aus der Nelson-Mandela-Hauptschule Buchheim: Es gibt immer mehr Kinder mit psychischen und sozialpädiatrischen Diagnosen in Köln.

Unterrichtsszene aus der Nelson-Mandela-Hauptschule Buchheim: Es gibt immer mehr Kinder mit psychischen und sozialpädiatrischen Diagnosen in Köln.

Expertinnen und Experten kritisieren die mangelnde Zusammenarbeit mit Kölner Ämtern. Künstliche Intelligenz könnte helfen, die Bürokratie verständlicher zu gestalten. 

„Alle sozialen Hilfesysteme, inklusive Kitas, sind massiv überlastet. Wir erleben einen enormen Anstieg von Kindern mit Entwicklungsverzögerungen, Entwicklungsauffälligkeiten und psychischen Belastungen“, sagt Oliver Tibussek, Geschäftsführer des Zentrums für Frühbehandlung und Frühförderung, bei einem Gespräch in den Geschäftsräumen in der Holweider Straße in Mülheim.

Vor 20 Jahren seien in dem Zentrum mit inzwischen acht Standorten in Köln vor allem Kinder mit klassischen Behinderungen behandelt worden – „seitdem haben psychische und sozialpädiatrische Probleme stark zugenommen“, sagt Tatlican Gün, Psychologin, die die Behandlungsstelle in Mülheim leitet. „Wir haben es immer öfter mit Eltern in Multiproblemlagen zu tun.“

Porträt eines lächelnden Mannes mit Glatze

Oliver Tibussek, Geschäftsführer Frühförderzentrum Köln

236 Kinder werden allein in Mülheim von psychologischen, pädagogischen und medizinisch-therapeutischen Fachkräften gefördert, stadtweit sind es mehr als 1300. Die Wartelisten sind lang. „Die Kitas können ihrem Inklusionsanspruch oft nicht gerecht werden. Weil auch die Jugendämter überlastet sind, befinden wir uns hier oft in einem Reparaturbetrieb“, sagt Tibussek. „Nicht selten bräuchten eigentlich auch die Eltern noch ergänzende Hilfen. Leider bekommen wir als freie Träger, ähnlich wie auch Kitas und Schulen, nicht die Mittel zur Verfügung gestellt, um alle Bedarfe zu decken.“

Ähnlich geht es dem Kölner Therapiezentrum. „Wir unterstützen stadtweit 700 Familien, Geld erhalten wir aber nur für 590. Weil die freiwilligen Leistungen, auf denen unsere Arbeit basiert, ständig auf der Kippe stehen beziehungsweise gekürzt werden, können wir nicht langfristig planen“, sagt Leiter Alfred Getz. „Ich wäre froh, wenn es uns in vier, fünf Jahren überhaupt noch gibt.“ Und das, obwohl der Bedarf steige: „Die steigenden Zahlen von Schulabsentismus und Kinder, die eine Klasse wiederholen, sprechen für sich.“

Behörden wie Jugendamt und Sozialamt denken in Einzelfällen

Überforderte Hilfssysteme, zu wenig Geld und Personal, Bildungs- und Fördereinrichtungen als Reparaturbetrieb: Diese Diagnosen sind bekannt und decken sich mit vielen Befunden von sozialen Trägern und Verbänden, die gern und öffentlichkeitswirksam ihre mangelnde personelle und finanzielle Ausstattung beklagen.

Interessant ist vor diesem Hintergrund, dass Menschen wie Nadja Oertel, Fachbereichsleiterin für Kinder, Jugend und Familie der Christlichen Sozialhilfe Köln (CSh) und wie Tatlican Gün und Alfred Getz auch Mitglied im Arbeitskreis Übergang (von der Kita zur Grundschule) in Mülheim, trotzdem auch zu folgendem Befund kommen:

„Wir haben es immer öfter mit Eltern in Multiproblemlagen zu tun“: Tatlican Gün vom Frühförderzentrum Köln

„Wir haben es immer öfter mit Eltern in Multiproblemlagen zu tun“: Tatlican Gün vom Frühförderzentrum Köln

„Hilfen gibt es in Köln eigentlich genug“, so Oertel. Dass viele nicht bei den Menschen ankommen, liege maßgeblich „an einer mangelnden Vernetzung“. Behörden wie das Jugendamt, Ausländeramt oder das Sozialamt „denken leider oft nicht in Sozialräumen und Netzwerken, sondern in Einzelfällen“ – dass diese je nach personeller Besetzung und Ausrichtung der Behörde schon mal als lästig empfunden werden, erzählen Kölnerinnen und Kölner unserer Redaktion immer wieder.

„Wenn wir es besser schaffen, die Menschen sofort an die Hand zu nehmen und ihnen das Gefühl geben, hier erwünscht zu sein, steigt das Vertrauen – und die Chance, dass die Kinder hier gut ankommen und eine erfolgreiche Bildungslaufbahn einschlagen“, sagt Oertel. Interkulturelle Sensibilität zähle dazu – und der Grundgedanke, „dass jeder Mensch hier eine Chance erhalten soll, um sich einzubringen“.

Viele Familien wissen nicht, wie sie Bürgergeld, Kinderzuschläge, Frühförderung, Sprachkurse oder Logopädie-Therapie für ihre Kinder beantragen sollen
Nadja Oertel, Fachbereichsleiterin für Kinder, Jugend und Familie der Christlichen Sozialhilfe Köln

Der Neustart in der Fremde scheitere bei vielen schon früh. „Viele Familien wissen nicht, wie sie Bürgergeld, Kinderzuschläge, Frühförderung, Sprachkurse oder Logopädie-Therapie für ihre Kinder beantragen sollen“, sagt Oertel. Mülheim und Kalk gehörten ähnlich wie Meschenich oder Chorweiler zu den sogenannten „Arrival Citys“, in denen viele Menschen ohne Sprachkenntnisse ankommen. „Wenn diese Menschen auf eine auch für Akademiker komplizierte Bürokratie treffen, kommt es gleich nach der Ankunft sehr schnell zur Entfremdung.“

Nadja Oertel

„Hilfen gibt es in Köln eigentlich genug“: Nadja Oertel, Fachbereichsleiterin für Kinder, Jugend und Familie der Christlichen Sozialhilfe Köln

In der Tat ist das Angebot an Hilfen gewaltig: 370 Programme, um Ungleichheiten zu bekämpfen, zählten Bund und Länder allein für den nationalen Bildungsbericht auf. Die kommunalen Angebote sind da nicht mitgezählt: Allein für Mülheim verzeichnet die Stadt Köln 120 Angebote und Einrichtungen in den Sozialräumen. Darunter sind Schulen, Kitas und Pflegeeinrichtungen, aber auch sehr viele Vereine, die sich um interkulturelle Jugendarbeit, Hausaufgabenhilfe, Seniorenberatung oder Hilfe zur Selbsthilfe kümmern. Nicht mitgezählt sind kleine Nachbarschaftsprojekte, Stiftungen und Sponsoren.

Viele dieser Angebote sind den Menschen, die sie gut gebrauchen können, indes gar nicht bekannt. Helfen könnte an dieser Stelle in Köln schon sehr bald die Künstliche Intelligenz, hofft Nadja Oertel. In Mülheim startet gerade ein Modellprojekt zur besseren Unterstützung von Familien: Der „Chancennavigator“ soll Eltern mithilfe von KI in verschiedenen Sprachen gezielt durch Angebote zur Betreuung, Beratung und Förderung von der Geburt bis zum Übergang in die weiterführende Schule begleiten und lotsen. „Das Tool schafft Transparenz über lokale Angebote, zeigt individuelle Unterstützungswege und erleichtert den Zugang zu passenden Hilfen. Gleichzeitig werden bestehende Hürden, etwa bei der Nutzung von Kita-Systemen wie Little Bird, verbessert“, sagt Oertel.

Um die Situation insgesamt zu verbessern, bräuchten wir strukturelle statt individueller Lösungen, mehr Prävention und Teilhabe und weniger Reparaturen
Oliver Tibussek, Geschäftsführer Frühförderzentrum Köln

Ein immer größeres Hindernis für benachteiligte Menschen sei die Wohnungssituation in Köln, meint Tatlican Gün. „Ich erinnere mich an eine Roma-Familie, die auf Decken in einem beengten Wintergarten lebte, ohne Kleiderschrank, Tische oder Bett.“ Schimmelige Wohnungen mit verdreckten Sanitäranlagen, kleine Appartements, in denen viel zu viele Menschen leben – „so etwas wird uns immer öfter berichtet“.

Wenn eine Familie keine Wohnung finde und – wegen zu komplizierter Bürokratie – keinen Kita-Platz, „kann Integration nicht gelingen“, sagt Tibussek. „Um die Situation insgesamt zu verbessern, bräuchten wir strukturelle statt individueller Lösungen, mehr Prävention und Teilhabe und weniger Reparaturen.“