Ist das Bildungssystem überfordert? Wie lassen sich Leistungsunterschide von Kindern reduzieren? Unterwegs an Kitas und Schulen in Mülheim im Rahmen der Serie „Abgehängt in Köln“.
Abgehängt in MülheimDie riesige Bildungslücke entsteht früh – wie Kitas und Schulen damit umgehen
Als sie in einer mehrsprachigen Europa-Kita in Deutz arbeitete, „sind die Kinder von Nannys gebracht und abgeholt worden und wir bekamen gesagt, dass wir doch bitte auf Vollkorn-Kost und Vitamine achten sollen“, erinnert sich Anastasia Gioti. Statt Bio-Schwarzbrot und Möhren bringen die Kinder in Mülheim nicht selten „Pommes und Döner vom Vortag, Donuts, Chips und Cola mit fürs Frühstück – oder auch gar nichts“, erzählt ein Kölner Kinderarzt der Redaktion.
Anastasia Gioti, seit zehn Jahren Leiterin der Kindertagesstätte in der Genovevastraße in Mülheim, empfängt in einem lichtdurchfluteten Atrium, zeigt die kleine Turnhalle, den schattigen Außenbereich, Symbolkarten, Verhaltens- und Respektregeln in den Gruppenräumen. 70 Kinder aus 18 Nationen werden hier betreut, 28 Kinder haben einen bulgarischen Hintergrund, nur zwei keine internationale Familiengeschichte. „Unsere größte Herausforderung ist die Sprachbarriere der Kinder“, sagt Gioti. „Für viele ist Deutsch nicht Zweitsprache, sondern Fremdsprache.“ In der Kita Genovevastraße gehe es „um Teilhabe, gegenseitige Werte-Vermittlung, das Erleben einer positiven Esskultur, altersentsprechende Mediennutzung und ökologische Bildung zum Beispiel durch Mülltrennung“.

Anastasia Gioti leitet die Kita Genovevastraße in Mülheim. 68 von 70 Kindern haben eine internationale Familiengeschichte.
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Die Kinder werden in der Mülheimer Sprach-Kita gut gefördert – trotzdem werden einige von ihnen im ersten Schuljahr nicht fließend Deutsch sprechen. Für Kritiker liegt das auch daran, dass nicht alle Kölner Kindertagesstätten Kinder unter drei Jahren aufnehmen. Einige Einrichtungen, wie die in der Genovevastraße, sind erst für Kinder ab drei Jahren offen. Weil Eltern mit niedrigerer Bildung und mit Migrationsgeschichte ihre Kinder im Schnitt deutlich später in der Kita anmelden, sammeln sich in den Tagesstätten ab drei Mädchen und Jungen ohne deutsche Muttersprache und mit Eltern geringerer Bildung, während Familien aus höheren Schichten ihre Kinder in Kitas für Kinder unter drei Jahren anmelden.
„Weil die sozial und migrationsbedingten Leistungsunterschiede beim Wortschatz, aber auch bei mathematischen Fähigkeiten schon bei dreijährigen Kindern klar erkennbar sind und danach weiter wachsen, führt eine solche Konstellation wohl dazu, dass auch die Kluft zwischen einzelnen Kitas noch größer wird“, sagt Sozialwissenschaftler Marcel Helbig, der mit zwei Kolleginnen eine breit angelegte Studie zu Bildungsbiografien durchgeführt hat.
Die Zweiteilung der Kölner Kitas sei auch deswegen problematisch, weil die Kindergartenzeit entscheidend sei für eine Bildungsbiografie. Bis zum siebten Lebensjahr gehe die sozial- und migrationsbedingte Leistungsschere weit auseinander, „nach dem Schulanfang bleibt sie dann weitgehend konstant“, so Helbig.
Ist das Bildungssystem in Köln überfordert? Liegt das auch an eher bildungsfernen Zuwanderern? Oder funktionieren Kitas, Schulen und Sozialstaat deutlich besser als ihr Ruf? Müssten die vielen Hilfen und Förderungen nur besser koordiniert werden, um für mehr Bildungsgerechtigkeit und weniger Frust zu sorgen? Und sollte man alle Kölner Kitas auch für Kinder unter drei Jahren öffnen, um zu verhindern, dass in einigen Kitas nur wenige Kinder fließend Deutsch können?
Im Türkisch-Raum der Grundschule Langemaß in Mülheim wird an diesem Junimorgen experimentiert: Mit Fläschchen, Messlöffeln und Pulvern untersuchen Kinder der Klassen 1 bis 4 die Eigenschaften verschiedener Substanzen und tragen Adjektive in eine Tabelle ein: krümelig, seifig, glitschig, breiig. Die Worte stehen auf Schildern an der Tafel. Drei Mädchen unterhalten sich auf Türkisch und kichern, als sich das Pulver in kaugummiartige Masse verwandelt. „Versucht, Deutsch zu sprechen“, sagt Lehrerin Maria Hunger. Die Mädchen, deren Eltern aus Bulgarien kommen, können schon gut Deutsch – unter sich sprechen sie aber lieber Türkisch. Nach der Stunde umarmen die Mädchen die Frauen des Projekts „Tu was!“, die Laborkästen und andere Unterrichtsmaterialien zur Verfügung gestellt haben, und die Frauen vom Lions Club Ursula, die das Projekt finanzieren. „Kommt morgen wieder, wir haben Euch lieb!“, ruft eines der Mädchen.

Anika Bialk ist Direktorin der Grundschule Langemaß in Mülheim.
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Auch in der Langemaß haben mehr als 90 Prozent der Kinder Migrationsgeschichte, viele Eltern sind Roma aus Bulgarien, einige der Kinder waren vorher in der Kita Genovevastraße. „Nicht wenige Kinder kommen mit sehr geringen Deutschkenntnissen zu uns“, sagt Schulleiterin Anika Bialk. Der Anteil von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, mentalen oder psychiatrischen Herausforderungen ist hoch, jener von Familien, in denen die Eltern Analphabeten sind, auch. Viele Kinder wachsen mit grenzenlosem Handy- und I-Pad-.Konsum auf. Bialk erzählt bei einem Gespräch in ihrem Arbeitszimmer von Familien, die in beengten Zimmern oder Kellern leben und Behördenbriefe nicht bekommen, weil die Häuser keine Klingelschilder haben, von Bildungsferne und Rassismuserfahrungen, Skepsis gegenüber dem Staat und dem Gefühl, abgehängt zu sein. Aber auch von Herzlichkeit und Dankbarkeit, Lernfortschritten und der Motivation, in Köln anzukommen. „Die meisten Familien bemühen sich sehr. Wir sehen unsere Aufgabe darin, sie stark zu machen“, sagt Bialk.
In der Langemaß gibt es Deutschkurse für Mütter und Bildungsmediatoren für Sinti und Roma, das Kölner Therapiezentrum für „Kinder mit Teilleistungsstörungen“ hat eigene Räume. Jedes fünfte Kind braucht sonderpädagogische Förderung, zum Team gehören Sozialarbeitende und Sonderpädagoginnen, Therapeuten und Ehrenamtlerinnen. Die Grundschule ist Startchancen-Schule und profitiert so von dem Geld, das der Bund für so genannte Brennpunkt-Schulen vergibt, ist Familiengrundschulzentrum und kann dank der Stiftung „BrotZeit“ kostenloses Frühstück anbieten, erhält viele Landesförderungen und private Spenden. All das, um die Kluft von Chancenreich und Chancenarm zu verringern. Der Schlüssel sei es, früh Vertrauen aufzubauen und die Netzwerke vor Ort und mit den Behörden zu nutzen, sagt Bialk.
Ich würde mir regelmäßige Sprechstunden des Jugendamts wünschem. In der Schule ist die Barriere niedriger als auf dem Amt. Und ich hätte die Kinder gern mit fünf hier – dann könnten wir sie ein Jahr auf die Schule vorbereiten
Wünschen würde sich die Schulleiterin „regelmäßige Sprechstunden des Jugendamts – in der Schule ist die Barriere viel niedriger als auf dem Amt. Und ich hätte die Kinder gern früher hier, schon mit fünf – dann könnten wir sie ein Jahr auf die Schule vorbereiten“.
Um 7.45 Uhr fährt das Frühstücksmobil auf den Schulhof der Nelson-Mandela-Hauptschule in Buchheim. Smoothies, Kakao und frisches Obst, Brötchen und Brezeln sind in der Auslage angerichtet. Auf dem Schulhof stehen acht Kinder, schnell werden es mehr. „Für viele unserer Schülerinnen und Schüler ist Schule Gleitzeit – pünktlich kommen sie oft vor allem wegen des Frühstücks“, sagt Schulleiterin Andrea Badjie. Dass die Kinder vor der Schule nicht gegessen haben, sei „eher Regel als Ausnahme“. Am Anfang hätten sich viele Kinder geschämt, inzwischen nutzten vier von fünf Schülern das Angebot.
Täglich ist Schulleiterin Badjie im Austausch mit Behörden – oft mit dem Jugendamt. Weil Schülerinnen schwer belastet sind, nicht zur Schule kommen, nicht sicher erscheint, ob die Kinder zu Hause sicher sind. Mindestens die Hälfte der Kinder kommt aus einem Haushalt, der auf soziale Unterstützung angewiesen ist, psychisch beeinträchtigte Eltern sind so wenig die Ausnahme wie Konflikte mit dem Gesetz. „Wir sind hier oft Brandlöscher, Helfer in der Not“, sagt Badjie.
Auch hier haben 90 Prozent der Kinder eine internationale Geschichte. In der fünften Klasse war die Schule in den vergangenen Jahren immer einzügig, weil nur wenige Eltern ihre Kinder auf einer Hauptschule wissen wollen. Ab der siebten Klasse gibt es dann drei Klassen – weil viele die Realschule nicht schaffen. Weil die Schule mit dem höchsten Sozialindex (9) bewertet wird, bekommt sie zusätzliche Ressourcen für Personal und Bildungsangebote, auch über das üppig finanzierte Startchancen-Programm des Landes. „Finanziell sind wir hervorragend ausgestattet“, sagt Badjie. Es gibt doppelte Klassenleitungen und einen zusätzlichen Sonderpädagogen. An diesem Morgen ist ein KI-Experte an der Schule, um über Chancen und Gefahren von Künstlicher Intelligenz zu referieren.

In der Klasse 7c der Hauptschule Buchheim geht es an diesem Morgen um Tiktok-Videos fürs Jobcenter.
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In der Klasse 7c von Lehrerin Julia Lorf geht es in der ersten Stunde um Tiktok-Videos. Das fiktive Szenario: Das Jobcenter sucht Jugendliche, die via Tiktok für Ausbildungsberufe werben – Gold- und Silberschmied, Mediengestalterin, Zerspannungsmechaniker, Orthopädieschuhmacher. Lorf teilt die Klasse in Kleingruppen, jedes Team erarbeitet einen kurzen Werbetext für einen Ausbildungsberuf, die Lehrerin geht rum, gibt Tipps, motiviert, lobt, lacht. „Viele der Ausbildungsberufe kennen die Kinder nicht“, sagt Badjie. „Und einige Wunschberufe wie Kfz-Mechaniker sind nicht in Reichweite, da Abitur für die Ausbildungen vorausgesetzt wird.“ Im Unterricht gehe es darum, Chancen auszuloten, zu motivieren – „ und so zu helfen, dass die Schülerinnen und Schüler alltagstauglich werden und sich selbst helfen können“. Das gelinge mit Tiktok, Texten von Rappern wie Haftbefehl oder Geschichten von Fußballstars wie Ronaldo oder Messi besser als mit Schulbüchern.

Andrea Badjie, Rektorin der Nelson-Mandela-Hauptschule Buchheim
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Die Leistungslücke im Vergleich zu Kindern aus privilegierten Familien lässt sich trotz vieler Ressourcen in der Hauptschule nicht mehr schließen. Verringern ließe sich diese Kluft laut Bildungsforscher Marcel Helbig allein durch mehr Bildung in der Kita, frühere Anbindung von Kindern an die Kita sowie „eine stärkere Förderung spätestens ab dem dritten Lebensjahr, nach Möglichkeit noch früher“. Eine Kita-Pflicht mindestens im letzten Kita-Jahr, wie jetzt von der grün-schwarzen Landesregierung für Baden-Württemberg beschlossen, sei eine Möglichkeit, eine Öffnung aller Kindertagesstätten für Kinder unter drei Jahren eine andere.
Natürlich, sagt Kita-Leiterin Anastasia Gioti, „würden die Kinder die deutsche Sprache besser lernen, wenn sie vor dem dritten Lebensjahr oder aber regelmäßig in die Kindertagesstätte kämen“. Manchmal dienten in der Genovevastraße die Kinder als Vorbilder für die Eltern: „Die Kleinen erziehen die Großen, nicht umgekehrt.“
Verkommen Kitas und Schulen zum ewigen Reparaturbetrieb?
Kinder erziehen die Eltern, Kitas und Schulen mit zu wenig Personal sollen immer gravierendere Sprach- und Entwicklungsdefizite ausgleichen. Lehrerinnen dienen als Sozialarbeiterinnen und Animateurinnen für schulmüde Jugendliche. Verkommen Kitas und Schulen so zum ewigen Reparaturbetrieb?
Diese Kritik, die auch Bildungsforscher äußern, nehmen populistische Parteien gern auf, um Grenzschließungen, Abschiebungen oder „Remigration“ zu fordern. Ihr Argument: Es kämen zu viele ungebildete Ausländer nach Deutschland, die nicht nur das Sozialsystem, sondern auch das Bildungssystem überfordern würden.
Dass den Migrationskosten weit höhere Staatseinnahmen durch Arbeitsleistungen entgegenstehen, Wirtschaftswachstum einer alternden Gesellschaft ohne Zuwanderung nicht denkbar wäre, ganze Branchen wie Krankenpflege oder Reinigung, Gastronomie, Baugewerbe oder Landwirtschaft auf Menschen mit internationaler Geschichte angewiesen sind, bleibt in dieser Argumentation gern unerwähnt. Abgesehen von dem Gedanken, dass Vielfalt eine Voraussetzung für (humanistischen) Fortschritt ist. „Das Thema Migration darf bei der Bildungsdebatte nicht ausgeklammert werden“, sagt Marcel Helbig. „Es hängt allerdings eng zusammen mit anderen Themen wie Wohnungsnot und räumlicher Trennung sozialer Schichten.“
Nach wie vor erhalten Kinder von Eltern aus niedrigen sozialen Schichten seltener Gymnasialempfehlungen, machen seltener Abitur, brechen häufiger die Schule ab – unabhängig von der Herkunft. „Zwar erzielen Kinder mit Migrationsgeschichte im Schnitt niedrigere schulische Kompetenzen“, sagt Helbig. Bei gleichen Kompetenzen und vergleichbarem sozialem Hintergrund gingen Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund indes häufiger aufs Gymnasium, machten öfter Abitur und studierten häufiger als Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund. „Das liegt vor allem daran, dass sie und ihre Eltern hohe Bildungsziele verfolgen. Und das sollte uns im Hinblick auf ihre Integration optimistisch stimmen.“


