„Hochtraumatisierte Menschen“Wie das Kölner Projekt „Caya“ queeren Geflüchteten hilft

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Idàn Sagiv Richter (Rubicon) und Antonina Reiners (Caritas) leiten das Caya-Projekt.

Köln – Von mehrfacher Marginalisierung spricht man, wenn Menschen aufgrund gleich mehrerer Aspekte ihrer Identität an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden – wegen ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder einer Behinderung. Das trifft insbesondere auf queere Geflüchtete zu, also Menschen, die beispielsweise homosexuell oder transgeschlechtlich sind. Neben den Erfahrungen von Flucht und Vertreibung kommen bei ihnen Identitätskrisen und Anfeindungen für ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität hinzu. Hilfe können sie im Kölner Projekt „Caya – Come as you are“ bekommen.

Caya gibt es erst seit einem Jahr und ist in einer Zusammenarbeit der queeren Beratungsstelle Rubicon und dem Caritas Therapiezentrum für Menschen nach Folter und Flucht entstanden. Gefördert wird es vom Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen. Ansprechpartner im Rubicon ist der 36-jährige Idàn Sagiv Richter, für die Caritas ist es Antonina Reiners, 29.

Queere Beratungsstelle arbeitet mit katholischem Träger

„Wir arbeiten als Organisation, die aus der LSBTIQ-Befreiungsbewegung kommt, mit einem katholischen Träger zusammen. Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Sagiv Richter. „Es gab aber von beiden Seiten große Bereitschaft, dieses Projekt zusammen zu stemmen.“

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Antonina Reiners arbeitet beim CaritasTherapiezentrum für Menschen nach Folter und Flucht.

Denn viele der queeren Geflüchteten sind stark belastet, benötigen enge Betreuung. Zum Angebot gehören psychosoziale Beratung, Trauma-Beratung, Gruppensitzungen die sich mit den Themen Coming Out und Beziehungen beschäftigen und Empowerment Workshops, die das Selbstbewusstsein stärken sollen.

Fluchtgrund und sexuelle Identität gehören oft zusammen

„Wir arbeiten hier mit hochtraumatisierten und höchst schutzbedürftigen Menschen“, so Sagiv Richter. Das drückt sich in einer ganzen Reihe an Symptomen aus. „Das können starke Albträume, Flashbacks, Schlafprobleme, schlechte Konzentrationsfähigkeit, Desorientierung, Aggressivität und Übererregbarkeit sein“, sagt Reiners. „In der traumazentrierten Fachberatung können die Geflüchteten Beruhigungstechniken erlernen und sich stabilisieren. Das ersetzt keine Therapie, kann aber ein erstes Angebot sein und die Wartezeit auf einen Therapieplatz überbrücken.“

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Idàn Sagiv Richter arbeitet bei der Beratungsstelle Rubicon.

Bis die Geflüchteten bei Caya ankommen, haben sie oft bereits ein Martyrium hinter sich. „Es gibt immer einen Fluchtgrund, und bei den Betroffenen hängt dieser häufig mit ihrer sexuellen Identität zusammen. In ihren Heimatländern werden sie verfolgt und erleben Gewalt. Auch von ihren Familien, von klein an. Eine Transfrau, die wir betreuen, hat schon früh mädchenhaftes Verhalten gezeigt und wurde dafür bestraft. Ihr wurde gesagt: Sei ein Mann!“, berichtet Sagiv Richter. „Queere Menschen haben in ihren Heimatländern oft keine Möglichkeit, ‚out‘ zu leben. In 72 Ländern der Welt ist Homosexualität noch strafbar, von Transidentität ganz zu schweigen.“

Diskriminierung auch in der Kölner Szene

Mit ihrer Flucht nach Deutschland verbinden die Geflüchteten große Hoffnungen. Nicht nur wegen des Asylverfahrens erleben viele aber bittere Enttäuschungen. Marginalisierung und Diskriminierung begegnen ihnen auch in Deutschland. „Die Geflüchteten werden bei ihrer Ankunft in Gruppenunterkünften mit ihren Landsleuten untergebracht. Das ist wie eine Mikro-Version ihrer Heimat. Wegen ihres Andersseins müssen sie sich auch dort verstecken, oder werden erneut Opfer von Gewalt“, so Sagiv Richter. „Aber auch innerhalb der Kölner LGBTQ-Szene sind sie häufig Außenseiter, weil sie Geflüchtete sind. Sie haben mit Rassismus und Islamophobie zu kämpfen“, ergänzt Reiners. Das große Angebot an schwulen Bars führe bei einigen Geflüchteten außerdem zu Überforderung.

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Um diese Erfahrungen mit Sagiv Richter und Reiners besprechen zu können, wird im Caya-Projekt auch mit Sprach- und Kulturvermittlerinnen zusammengearbeitet, die übersetzen können. Diese werden extra für den Umgang mit queeren Personen geschult. „Die Dolmetscher kommen meist aus dem gleichen Kulturkreis. Die Betroffenen haben manchmal Angst, auch hier diskriminiert zu werden, es fallen Begriffe wie ‚Sünde‘. Daher ist es ganz wichtig, die Sprach- und Kulturvermittler zu sensibilisieren“, sagt Sagiv Richter.

(Hier geht es zum Kontakt zum Projekt: rubicon-koeln.de/migration/caya-de)

Dadurch könne den Geflüchteten das Ankommen in Köln und ihre Traumabewältigung erleichtert werden. „Wir können von Erfolgen berichten“, sagt Reiners. „Die Betroffenen machen Fortschritte und trauen sich mehr. Ob das im Privaten, in der Unterkunft oder im Asylverfahren ist. Viele trauen sich anfangs gar nicht, ihr Queer-Sein dort zu erwähnen, obwohl sie dadurch besonders schutzbedürftig sind.“

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