Gertrud Ranik wurde in einem Teil Deutschlands geboren, den es nicht mehr gibt, und musste in ihrem Leben mehrere Brüche meistern – nun wurde sie 101 Jahre alt.
Marie-Juchacz-ZentrumVon Oberschlesien nach Köln – Hutmacherin feiert 101. Geburtstag

Gertrud Ranik kann auf mehr als ein Jahrhundert zurückblicken.
Copyright: Christopher Dröge
Eines haben Gertrud Ranik und Ludwig Sebus gemeinsam: Beide feiern in diesem Jahr ihren 101. Geburtstag. Aber während der urkölsche Krätzchensänger noch ein paar Wochen auf seinen Jubeltag warten muss, hat Ranik diesen bereits hinter sich: Ende Juni feierte sie an ihrem Wohnort, dem Marie-Juchacz-Zentrum, im Kreis ihrer Töchter, Enkel und Urenkel. Dabei konnte die Familie auch Bürgermeisterin Derya Karadag begrüßen, die Oberbürgermeister Torsten Burmester vertrat, um die Glückwünsche der Stadt zu überbringen.
Geboren wurde Gertrud Ranik in Oberschlesien im heutigen Polen, als das achte von neun Kindern. Dort wuchs sie auf und machte eine Ausbildung zur Hutmacherin, denn ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass alle Kinder einen Beruf ergriffen, auch die Mädchen. In Mikulcycze, damals Klausberg genannt, heiratete sie und brachte ihre beiden Töchter zur Welt.
Flucht und Neuanfang in Saarbrücken
Der Zweite Weltkrieg setzte der Familie stark zu: Ihre drei Brüder fielen an verschiedenen Fronten, eine ihrer Schwestern verschlug es bis nach Sibirien und Raniks Ehemann infizierte sich mit Tuberkulose, von der er sich nie ganz erholte – er starb später bereits mit 52 Jahren. Nach dem Krieg lebte die Familie zunächst in Stendal in Sachsen-Anhalt, floh jedoch 1958 in den Westteil des Landes. Dort kam die Familie in einem Auffanglager für Geflüchtete in Saarbrücken unter – mittellos, denn sämtlichen Besitz hatten sie zurücklassen müssen. Saarbrücken wurde für gut 35 Jahre Raniks Heimat, während sich die übrige Familie versprengte und in anderen Teilen Deutschlands Wurzeln schlug. Als Hutmacherin war sie in Saarbrücken nicht mehr tätig, stattdessen arbeitete sie lange Zeit als Haushälterin für eine Pfarrersfamilie.
Ihre zweite Tochter holte sie schließlich nach Köln, wo sie im Haus der Familie unterkam und bei der Betreuung ihrer beiden Enkel half. Nach dem Ende der Ehe der Tochter verschlug es sie für ein gutes Jahrzehnt nach Aachen, wo sie für die Pflege ihrer elf Jahre älteren Schwester sorgte, bevor sie wieder nach Köln zurückkehrte.
Erst mit 95 Jahren zog sie schließlich ins Marie-Juchacz-Zentrum. Auch hier blieb sie lange noch aktiv und sang etwa im Chor mit. Bis heute hat sie Freude daran, Gedichte zu rezitieren, die sie seit Jahrzehnten im Gedächtnis behalten hat – so zum Beispiel „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ von Theodor Fontane, eines ihrer Lieblingsgedichte.
