Der Familienbetrieb in Heimersdorf schneidet seit fünf Generationen Haare. Begleitet werden auch Menschen, die Zweithaar-Perücken benötigen.
Kölner Friseur-Betrieb140 Jahre lang schneidet Familie Wahle schon Haare

Gudrun Wahle (in 4. Generation aktiv) mit Sohn René Wahle. Der Friseursalon besteht seit 1885.
Copyright: Dirk Borm
Eine ältere Dame im pinkfarbenen Oberteil lächelt, als Gudrun Wahle ihr eine Perücke aufsetzt. Sie betrachtet sich im Spiegel und streicht vorsichtig durch das kurze blonde Haar. Von ihren eigenen Haaren ist nur noch wenig geblieben. Deshalb hat sie sich an Gudrun Wahl gewandt. Denn in ihrem Salon werden nicht nur Haare geschnitten und frisiert. Hier werden auch auch Zweithaar-Perücken bestellt und angepasst.
Der Familienbetrieb gehört zu den wenigen Friseursalons in Deutschland, die medizinisches Zweithaar auf Rezept anbieten dürfen. Dafür benötigt der Salon eine besondere Genehmigung der Krankenkassen und muss strenge Qualitätsstandards erfüllen. Für die Familie Wahle gehört diese Arbeit seit vielen Jahren zum Alltag.
Familienbetrieb mit Tradition
Die Geschichte des Salons reicht rund 140 Jahre zurück. Und in dieser Zeit hat sich jede Generation immer wieder neue Fähigkeiten angeeignet. Zwischen Spiegeln und Frisierstühlen blättert Inhaber René Wahle durch einen Ordner voller Familienfotos. Auf einem Bild eines Friseurwettbewerbs von 1956 sind Haare kunstvoll mit Rosen und Dornen drapiert. Ein anderes Foto zeigt seinen Urgroßvater als kleinen Jungen neben dessen Vater. „Ich bin väterlicherseits die fünfte Generation“, sagt René Wahle stolz.

Das Bild zeigt eine preisgekrönte Frisurenkreation aus einem Wettbewerb von 1956.
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Alles begann 1885 im Stadtteil Merkenich. Seit den 1960er Jahren arbeitet die Familie am heutigen Standort in Heimersdorf. Dort stehen heute zwei Generationen regelmäßig gemeinsam im Salon: René Wahle und seine Eltern Gudrun und Paul.
Auch Krisen gehören zur Geschichte des Salons. Nach den Weltkriegen musste die Familie vieles neu aufbauen. René Wahle erzählt, dass sein Urgroßvater in dieser Zeit nicht nur Haare schnitt, sondern aus Materialknappheit sogar die Korbsitze der Friseurstühle selbst flocht. Jahrzehnte später traf die Corona-Pandemie den Familienbetrieb schwer: Über Monate blieb der Salon geschlossen. „Das war die größte Herausforderung“, sagt er. Fördergelder erhielt der Betrieb kaum, stattdessen half sich die Familie gegenseitig. Aufgeben war für die Familie aber nie eine Option.

Der Gründer des Friseurgeschäftes Paul Wahle mit seinem Sohn Theodor
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Das Friseurhandwerk habe sich über die Jahrzehnte stark verändert, sagt René Wahle. Früher hätten vor allem Wettbewerbe den Salon bekannt gemacht, heute würden viele Kundinnen und Kunden über soziale Medien oder die Website auf den Betrieb aufmerksam, erzählt Gudrun Wahle. Auch die Wünsche der Kundschaft hätten sich gewandelt: Dauerwellen und Trockenhauben seien weniger gefragt, dafür spielten Farbtechniken und individuelle Haarschnitte eine immer größere Rolle.
Die Familie entwickelte den klassischen Friseursalon über die Jahre zu einem Spezialisten für ganzheitliche Behandlung inklusive Make-up, Maniküre und Wimperndesign weiter. Besonders wichtig sei dabei die kontinuierliche Weiterbildung. Was sich hingegen nicht verändert habe, sei der Anspruch, sich Zeit für die Menschen zu nehmen, so Gudrun Wahle.
Selbstwertgefühl durch Zweithaar-Perücken
Besonders stolz ist Gudrun auf ihre Arbeit mit dem Zweithaar. Als ihre Mutter an Krebs erkrankte, begegnete sie in einer Klinik in Düsseldorf vielen Frauen, die sich mit ihren Perücken nicht wohlfühlten oder deren Haarersatz unnatürlich wirkte. „Haare sind für Frauen wie Schmuck“, sagt sie. „Ich habe mich gefragt, wie wir Frauen in dieser schweren Zeit ihr Selbstwertgefühl zurückgeben können.“ Für ihre Mutter fertigte sie schließlich ihre erste Perücke an und legte damit den Grundstein für ihre heutige Arbeit. „Man kann das schönste Kleid tragen und das beste Make-up aufgelegt haben, wenn die Frisur nicht sitzt, dann ist es egal, welcher Designer das ist.“

Gudrun Wahle mit einer Perücke
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Seitdem begleitet sie Frauen, die wegen einer Krebstherapie oder aus anderen Gründen ihre Haare verlieren. Gemeinsam sucht sie mit der Kundin nach einer Perücke, die der ursprünglichen Frisur möglichst nahekommt. „Die wenigsten wünschen sich eine komplette Veränderung“, sagt sie. „Sie möchten einfach wieder so aussehen wie vorher.“ Hergestellt werden die Perücken von Fachfirmen, individuell angepasst werden sie im Salon.
Dabei geht es nicht nur um Haarfarbe und den richtigen Schnitt. Es geht Gudrun Wahle vorwiegend darum, den Frauen ein Stück Normalität zu geben. „Wenn die Mundwinkel nach oben gehen und das Strahlen in die Augen zurückkommt, dann weiß ich, warum ich das mache“, sagt sie. Die Dame im pinkfarbenen Oberteil lacht, während sie ihre Haare präsentiert.
