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Gen-Z-Demo und HalloweenSo eskalierte die Situation am Samstag in Köln

Aus friedlichem Protest wird nach Ende der Demo ein Großeinsatz der Polizei. Hunderte Menschen werden stundenlang festgehalten, Randalierer ziehen durch die Stadt. Was am Samstag in Köln geschah.

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Eine verkleidete Demonstrantin wird von Polizeibeamten befragt. Die Initiative „Gen Z regelt“ hatte für den 31. Oktober zu Protesten in rund 30 Städten aufgerufen. Sie setzt sich unter anderem für mehr Klimaschutz, Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten und gegen eine Wehrpflicht ein. (zu dpa: «Gen-Z-Demos: Erst friedlicher Protest, dann Zwischenfälle») Foto: Thomas Banneyer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Großdemonstration und Halloween: in Köln eine explosive Mischung

Es sind genau die Szenen, die viele befürchtet hatten: Auf den Kölner Ringen schlagen Randalierer Scheiben ein und zerstören Terrassenmöbel. Böller werden gezündet, Autos beschmiert, Müllcontainer brennen. Nahe dem Kölner Dom haben sich derweil rund 200 junge Menschen versammelt. Einige versuchen, mit E-Scootern eine Barrikade zu bauen, werfen Fahrräder, werden von Einsatzkräften der Polizei verfolgt.

Es sind Szenen eines Samstagabends, der anders hätte verlaufen sollen. Nach dem Ende der zunächst friedlichen Kundgebung der Initiative „Gen Z regelt“ eskalierte die Situation – erst am Konrad-Adenauer-Ufer, später an mehreren Orten in der Innenstadt. Die erste Bilanz am nächsten Morgen: Hunderte festgesetzte junge Menschen, zahlreiche verletzte Einsatzkräfte und rund 1000 aufgenommene Personalien.

Wenige Stunden zuvor: Auf bunten Plakaten stehen die Forderungen einer jungen Generation geschrieben. Es geht um modernere Schulen, mehr Klimaschutz, eine Politik, die jungen Menschen zuhört. Diese Themen, so hatte es die neue Initiative „Gen Z regelt“ im Vorfeld bereits angekündigt, bewegen die jungen Menschen besonders. Dennoch sind an diesem Tag weniger als die 15.000 erwarteten jungen Demonstranten gekommen. Ein paar Tausend haben sich am Halloween-Nachmittag am Rheinufer versammelt, einige sind verkleidet.

Etwas unsicher spricht erst ein Schüler des Montessori-Gymnasiums in Ehrenfeld ins Mikrofon, Applaus aus den ersten Reihen bekommt er trotzdem. Auch OB Torsten Burmester (SPD) ist gekommen und hört sich die Anliegen der jungen Generation an. Bezirksschülervertreterin Marie Hacker spricht über die Angst vor Kriegen, vor unbezahlbarem Leben, vor Arbeitsplätzen, die durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden könnten. Und darüber, keine Therapieplätze zu finden, wenn man sie braucht. Nach den Reden wird kölsche Musik gespielt.

Tausende Menschen demonstrierten am Samstag friedlich.

Tausende Menschen demonstrierten am Samstag friedlich.

Es scheint zu diesem Zeitpunkt, dieser sonnige Samstagnachmittag könnte friedlicher ablaufen als im Vorfeld befürchtet. Als könnte die Bewegung all jene eines Besseren belehren, die zuvor Schreckenszenarien an die Wand gemalt haben. Doch dann werden in einem Teil der Menge Bengalos gezündet, einige Hundert Meter entfernt von dem Lautsprecherwagen, wo keine Zeile der Reden und keine Appelle der Organisatoren mehr ankommen. Einzelne Menschen vermummen sich, Feuerwerkskörper fliegen durch die Luft. Die Polizei entscheidet, dass ein Demonstrationszug durch die Innenstadt nicht stattfinden darf. Die Demo von „Gen Z regelt“ wird um 16 Uhr beendet.

Keine halbe Stunde später eskaliert die Situation am Konrad-Adenauer-Ufer: Wasserwerfer kommen zum Einsatz, Menschen rennen weg, es knallt mehrmals. Polizisten bilden Ketten. Die Polizei kesselt Hunderte Demonstrierende auf Höhe Thürmchenswall ein. Wie konnte die Lage so schnell kippen? Aus der verbliebenen Menschenmenge heraus wurden nach Angaben der Polizei Knallkörper, Glasflaschen und Steine auf Einsatzkräfte geworfen. Ein Beamter wurde dabei an der Hand verletzt und war anschließend nicht mehr dienstfähig. Die Polizei spricht von erheblichen Straftaten.

Teilnehmende der Demo kritisieren später, dass die eingesetzten Wasserwerfer auch Unbeteiligte getroffen hätten. Auch friedliche Demonstrierende seien unter den mehreren Hundert Menschen gewesen, die von der Polizei mehrere Stunden bis in die Nacht festgehalten wurden. Die Polizei betont hingegen, ihre Maßnahmen richteten sich ausschließlich gegen gewalttätige Personen, nicht gegen friedliche Teilnehmer der ursprünglichen Demonstration. Doch die Bilder des Nachmittags werfen Fragen auf, die aufgearbeitet werden müssen. Wie genau ist die Gewalt eskaliert? Wie verhältnismäßig war die Reaktion der Polizei? Und wie viele Menschen sind in die Maßnahmen geraten, obwohl sie selbst keine Straftaten begangen haben?

Die Polizei setzt Wasserwerfer gegen Demonstranten ein.

Die Polizei setzt Wasserwerfer gegen Demonstranten ein.

Die Polizei teilt mit, sie habe die Personalien von rund 1000 Versammlungsteilnehmern aufgenommen und bei den Kontrollen große Mengen an Stichwaffen, Nothämmern, selbstgebauter Pyrotechnik, Molotow-Cocktails, Schutzbrillen und Vermummungsmaterial sichergestellt. Ein 56-Jähriger sollte am Sonntag einem Haftrichter vorgeführt werden: Er soll auf Einsatzkräfte eingeschlagen und sie beleidigt haben.

„Die Art und Weise dieser Angriffe und die aufgefundene Vermummung und Bewaffnung deuten nicht auf eine spontane Eskalation, sondern auf ein gezieltes und offenbar vorbereitetes Vorgehen hin“, sagte der Einsatzleiter der Polizei, Martin Lotz, am Sonntag. „Für die überwiegend friedlichen Menschen der Versammlung ist es bedauerlich, dass ihr Recht auf Meinungsfreiheit in diesem Maße missbraucht wurde.“

Während am Samstagabend am Rheinufer Polizeikessel gebildet werden, verlagern sich die Auseinandersetzungen teilweise in die Innenstadt. Auch auf der Hohe Straße und im Bereich der Domplatte kommt es mit Einbruch der Dunkelheit zu massiven Zwischenfällen. Videos zeigen junge Menschen, die sich zu Fuß Verfolgungsjagden mit der Polizei liefern. Die Polizei berichtet von beschädigten Streifenwagen und Hausfassaden.

Szenen aus der Nacht: Die Polizei setzt eine große Gruppe Jugendlicher auf der Hohe Straße fest.

Szenen aus der Nacht: Die Polizei setzt eine große Gruppe Jugendlicher auf der Hohe Straße fest.

Zu diesem Zeitpunkt hat das Geschehen in der Stadt noch längst nicht seinen Höhepunkt erreicht. Auf den Ringen liefern sich größere Gruppen Jugendlicher und junger Männer in der Nacht Gefechte mit der Polizei, zerstören Eigentum, versuchen, in Läden einzudringen. In zahlreichen Livestreams auf Tiktok halten sie die Ereignisse selbst fest. Grenzüberschreitung als Erlebnis: In der Halloween-Nacht ersetzen die Randalierer Party durch Straßenschlachten. Besitzer von Lokalen und Geschäften auf den Ringen stehen am Sonntagmorgen vor zerstörten Fensterfronten und Außenterrassen. Auf Plattformen wie Instagram machen sie ihrer Verzweiflung Luft. „Während die Verantwortlichen längst zu Hause sind, müssen wir aufräumen, reparieren, bezahlen und trotzdem weitermachen“, schreiben etwa die Betreiber des türkischen Restaurants „Zadem“, die am Morgen Scherben aufkehren müssen.

Die Polizei zieht eine düstere Bilanz des Einsatzes, der bis in die frühen Morgenstunden andauerte: Insgesamt 23 Polizisten seien verletzt und fünf Streifenwagen beschädigt worden. Auch Feuerwehrleute sollen bei Löscharbeiten angegriffen worden sein. Mehrere Männer wurden in Gewahrsam genommen. Einsatzleiter Martin Lotz spricht von Randalierern, die „gezielt die Konfrontation mit der Polizei gesucht“ hätten. Einen Zusammenhang zwischen den Gruppen aus der Nacht und den Teilnehmern der „Gen Z regelt“-Demonstration sieht die Polizei nach derzeitigem Erkenntnisstand nicht. Eine eigens eingerichtete Ermittlungsgruppe soll die Vorfälle nun aufklären.

Bei den Krawallen nach der Gen-Z-Demo wurde auch das Zadem beschädigt.

Bei den Krawallen nach der Gen-Z-Demo wurde auch das Zadem beschädigt.

Polizeipräsident Johannes Hermanns sagte am Sonntag: „Die Bilder und Videos sinnloser Zerstörung in der Stadt und insbesondere die Angriffe auf Rettungs- und Einsatzkräfte machen mich und die demokratischen Kräfte in der Stadt nachdenklich. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum Menschen angegriffen werden, die für die Sicherheit anderer im Einsatz sind. Dafür fehlt mir jegliches Verständnis. Wir werden die festgestellten Straftaten konsequent verfolgen und alle uns zur Verfügung stehenden Ermittlungsmaßnahmen ausschöpfen.“

Die Organisatoren von „Gen Z regelt“ distanzierten sich von den Ausschreitungen. Nach dem offiziellen Ende der Kundgebung habe die Initiative keinen Einfluss mehr auf das Geschehen gehabt, heißt es von den Organisatoren. Man sei zunächst sehr zufrieden mit der Veranstaltung gewesen und habe gehofft, dass es auch danach friedlich bleiben werde, sagte eine Mitorganisatorin der Kölner Demonstration am Samstagabend. Die nächste Demonstration in Köln soll im November stattfinden.