Die Kinder im Morgenkreis des Kindergartens waren beeindruckt, als Samuel seine Neuigkeit des Tages erzählte. "Ich war auf einer großen Bühne. Mit ganz vielen Menschen, ganz viel Licht und es war sehr warm. Und außerdem wird mein Papa König!"
Dafür, dass der Vierjährige - der in Äthiopien geboren wurde - erst zwei Mal Karneval erlebt hat, hat er die Titel der Tollitäten schon fast perfekt drauf. Das Wesentliche der Vorstellung des künftigen Dreigestirns auf der Bühne seiner Heimat-Gesellschaft Schnüsse Tring, bei der auch der "Königssohn" vorgestellt wurde, hat er erfasst. Das "Trömmelchen"-Lied kann der Adoptivsohn des künftigen Prinzen Ralf III. singen. Und auch, wenn er sich als Zweijähriger beim ersten Kinderzug seines Lebens sehr gewundert hat, warum die Kinder Bonbons auf die Straße werfen, "war er nach fünf Minuten nicht mehr zu halten", erinnert sich Mutter Sandra. Kein Wunder. Auch Vater Ralf Görres ist begeisterungsfähig und universell einsetzbar.
Ob Anbau mauern, Fliesen verlegen, Dämmung anbringen oder Dach decken: Seit das Paar vor vier Jahren ein altes, kleines Haus in Brühl gekauft und renoviert hat, kann Görres, der eigentlich Banker ist , fast alles. "Die ersten drei Monate haben wir im Keller gewohnt", erinnert sich die Tollität in spe und schaut seine Frau verliebt an, die das alles mit ihm durchgestanden hat - und die er beinah nicht bekommen hätte. "Ich wollte nie einen Banker", sagt die 39-Jährige, deren Vater Banker ist und die selbst Bankkauffrau ist, und die Angst hatte, dass es dann kein anderes Thema mehr gibt. Aber ihr heutiger Mann habe "so schüchtern und still" dagestanden, an jenem Kennenlernabend beim Tanzen in der Halle Tor 2. "Das fand ich einfach toll. Und so oft reden wir gar nicht über die Bank."
Karneval ist da schon eher ein Thema. Und zunächst hat sie geschluckt, als sie von seinem Prinzen-Plan erfuhr. "Erst kam die Renovierung, dann Samuel und jetzt der Prinz. Aber er hat mich mit solchen glänzenden Augen gefragt, da konnte ich einfach nicht Nein sagen." Fastelovend ist für Ralf Görres auch eine Mission. "Zwischen Köln und Rio liegen viele Länder und Kulturen. Da kann der Karneval verbinden. Die bunte Mischung macht's." Jeden mitnehmen und gegen das negative Image des Festes ankämpfen will er. "Mich stört die Außendarstellung und Wahrnehmung mancher Jecken. Karneval ist nicht gleich Saufen. Karneval ist viel mehr."
Der 40-jährige Vertriebsleiter bei der Sparda-Bank West will vermitteln. Auch in seiner Familie ist er der ausgleichende Ruhepol. "Ein Mann mit einer Engelsgeduld", wie sie über ihn sagt. Ein Mann mit gesunder Konstitution ("Ich habe seit 2007 auf der Arbeit nur einen Tag wegen Krankheit gefehlt") und sportlichem Eifer.
Mit 16 Jahren nahm er an seinem ersten Triathlon teil, heute läuft er Marathon. Eine Zeit lang sei er zu ehrgeizig gewesen, gesteht er. Seine Bestzeit war 2 Stunden und 53 Minuten. "Dass ich es nie unter 2:50 geschafft habe, daran hatte ich ein, zwei Jahre zu knabbern." Den Rekord kann er beim - gewöhnlich sehr langen - Einmarsch bei der Proklamation im Gürzenich einstellen.
Sein Heimspiel im Januar, wenn er als Kölner Prinz Karneval für einen Auftritt in seine Heimatstadt Stadtkyll zurückkehren wird, dürfte ebenso Geschichte schreiben. "Die Eifel ist schon jetzt in hellem Aufruhr", berichtet er über den 1100-Einwohner-Ort ("von denen kenne ich alle"), in dem seine Mutter als Möhne und er als Redner im Karneval auftraten. Die Tennishalle, in der er auftreten wird, ist bereits ausgebucht.
Sein Lieblingslied liegt bestimmt bereit. "Do bes de Stadt" von den Bläck Fööss erinnert ihn daran, wie er aus Stadtkyll weg ist und sich gegen Trier und für Köln entschieden hat. Als Prinz kehrt er zu seinen Wurzeln zurück. In dem Ornat, in dem er sich bei der ersten Anprobe so toll gefühlt hat wie James Bond. Und das bis zur Proklamation sicher verschlossen im Kellerschrank hängt. "Ganz weit weg von Samuels Buntstiften."
