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Die OptimistinEin Lob auf das Unberechenbare

Mein Leben ist schon sehr effizient. Irgendwie hat mich die komplett durchtechnisierte Welt da reingezwungen. Dabei treibt die Nutzlosigkeit und Unvernunft so viel schönere Blüten

Von
Senftöpfchen Köln

Für sowas wie Kleinkunst bleibt im durchgetakteten Alltag ja keine Zeit. Wenn man ihr dann doch mal Zeit einräumt, kann erstaunliches geschehen.

Da sitzt ein Mann mit langem Haar auf einem Barhocker und blickt ins Publikum. Sein rechtes Knie stützt eine Gitarre, die linke Hand drückt abwechselnd verschiedene Saiten gleichzeitig. Schneller, langsamer, wiederholend, einem Muster folgend, Akkorde. Ein bisschen Bruce Springsteen, ein bisschen Bläck Fööss. Und dann sind da wieder diese überraschenden Ausbrüche. Unberechenbar ist das, was er da spielt und doch bietet es dem Zuhörer die Möglichkeit des Wiedererkennens, schließlich stecken in dieser Melodie zahllose andere, die man schon mal hörte, damals in der Kindheit vor der goldenen Tapete. Irgendwann in der Heimat-Disco. Auf einer langen Autofahrt nach Korsika zu fünft im Fiesta. Vielleicht könnte man ja selbst mal wieder Musik machen? Sich ans Klavier setzen oder zumindest die alte Blockflöte suchen.

Es ist nicht so, dass ich gar keine kulturellen Veranstaltungen besuche. Aber meistens stehen in meinem Alltag die abzuarbeitenden Aufgaben und ökonomischen Notwendigkeiten Schlange wie im Supermarkt am 23. Dezember und der Heiligabend ist ein Sonntag. Jeder will noch schnell ein Bedürfnis befriedigt wissen: Essen kochen, Wäsche machen, Artikel schreiben, recherchieren, Telefonate führen, Anträge ausfüllen, Unterlagen suchen, Mails schicken, Hausaufgaben kontrollieren, Badewanne putzen, Keller entrümpeln, neue Socken kaufen, künstlichen Assistenten prompten. Und bei meinem ganz persönlichen Ladenschluss bin ich dann so erschöpft und ausgelaugt, dass an sowas wie Zwischenmenschlichkeit oder gar Kunst nun wirklich nicht mehr zu denken ist.

Unnütz für Überleben und Kontostand

Letztens habe ich tatsächlich mal eine Kleinkunstbühne besucht. Meine Eltern waren zu Besuch und dann schaufelt man sich ja Freiraum für sowas zumindest für das nackte Überleben und den Kontostand vermeintlich Unnützes. Wir waren im Kölner Senftöpfchen-Theater, 2000 Jahre Kölner Geschichte im Zeitraffer standen auf dem Programm. Startend um 200 nach Christus sollte von Persönlichkeiten erzählt werden, die Köln geprägt haben: Dionysos und sein Mosaik (versteckt), Die Heiligen Drei Könige (vergammelt), Heinzelmännchen (verschwunden) und so weiter. Dazwischen zur Auflockerung Musik von der Drei-Mann-Band „Tough Kid“. Ich habe nette Unterhaltung erwartet. Was dann geschah, fand ich erstaunlich.

Drei Musiker und die Kunsthistorikerin Susanne Rauprich auf der Bühne. Alles, was sie da mit liebevoller Vorbereitung auf die Beine gestellt hatten, spielten und erzählten, nahm mich mit auf eine abenteuerliche Reise. Hin zu vielen Menschen aus der Vergangenheit, zu hanebüchenen Gegebenheiten und Zufällen, zu Einfällen und natürlich Ausfällen, aber irgendwie ja auch hin zu mir selbst. Zu Erinnerungen, Begegnungen und so seltsam das klingt, katapultierten sie mich auch in die Zukunft, auf Wege, die an diesem Abend ihren Anfang nahmen, aber uns alle ja in ein Morgen führen, das geprägt ist von Gedanken, die da im Publikum erste Gestalt annahmen. Die irgendwann und irgendwo aus irgendwelchen Ritzen des Lebens wuchern. Unvorhersehbar. Und dann all die Menschen neben, vor und hinter mir, denen es ähnlich gehen musste, weil ja auch sie Gehirne haben, in welchen Neuronen rumfunken, die sich an keine vorgegebenen Muster halten. Und plötzlich war ich ganz berührt von diesem Netz an Kreativität.

Berechnen kann man das, was bei derlei Gelegenheiten entsteht, nicht. Viel Geld verdienen wohl auch nicht. Und natürlich ist so ein Erzähle und Geklampfe ineffizient. Rührung hat kein Preisschild, Inspiration lässt sich nicht vorausberechnen, auf Glück kann niemand Steuern erheben und vielleicht ist es im Gegenteil sogar umgekehrt: Neuronen knallen nur, wenn man die Pfade der Nützlichkeit auch mal verlässt, sich ins Dickicht schlägt und die Mahnungen aus der Buchhaltung sowie der IT ignoriert.

Ich habe mir also vorgenommen, öfter mal was Unvernünftiges zu machen. Oder zumindest etwas, das auf den ersten Blick nicht nützlich ist. Kinder sind in diesem Fach übrigens das beste Lehrpersonal. Als ein neun Jahre alter Zeus letztens bei der Wochenfeier meines Sohnes kurz vor seiner Verwandlung zum Stier nicht wusste, wohin mit seinem Alufolien-Dreizack, lachten sich hunderte Kinder – inklusive Zeus und der hinter einem Tuch bereitstehende Stier – schlapp. Ich glaube, die allermeisten wussten noch während sie sich die Bäuche hielten, gar nicht mehr, was sie so lustig fanden. Was das mit dem Dreizack sollte und wohin die Story führen könnte.

Wahrscheinlich sind wir selten lebendiger als in diesen Momenten, die in keine Excel-Tabelle passen, sich in keine mathematischen Werte zerlegen lassen, die keinen Wahrscheinlichkeiten oder logischen Gesetzen gehorchen. Wohin das Ganze führt, lässt sich freilich nicht sagen.